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Postfinance ist jetzt auch eine Versicherung – und warum die Angst vor der Kannibalisierung Türen öffnet

Laptop-Tastatur mit blauem Miniatur-Auto
Bild: Andrey Popov | Getty Images

Zum Start eine Autoversicherung. Die Postfinance will ein Stück vom grossen Kuchen und bläst zum Angriff auf traditionelle Versicherer. Warum das klappen könnte.

Ganz unbefleckt ist die Postfinance in Sachen (Lebens- und Risiko-) Versicherungen nicht, die Sparte Autoversicherungen ist jedoch Neuland. Und damit ein vielversprechender und interessanter Markt, in den die Postfinance nun einen grossen gelben Schuh reinstellen möchte.

Die neue Anbieterin wird für Unruhe sorgen im Schweizer Versicherungsmarkt

Dass der dabei hinterlassene Fussabdruck deutlich sichtbar und auch zunehmend grösser werden könnte, liegt auf der Hand. Oder in diesem speziellen Fall eben auf dem Fuss. Die Postfinance hat aktuell 2,9 Millionen Kunden – für schweizerische Verhältnisse eine gewaltige und jederzeit erreichbare Kundenbasis. Und die Bank wird dafür sorgen, dass alle relevanten Gruppen und Kunden über die Vorzüge des neuen Angebots Bescheid wissen.

Die neu geschaffene kreative Unruhe hat jedoch noch zwei weitere Gründe.

Zum einen: Selbsttest mit interessantem Ergebnis

Bei Versicherungen stehen neben Zuverlässigkeit und Service auch die Kosten im Vordergrund. Um der Online-Versicherung der Postfinance kostenmässig auf den Zahn zu fühlen, habe ich das Gefährt, mit dem ich unterwegs bin, testweise online erfasst – inklusive sämtlicher Optionen, die auch in der Police meines aktuellen Versicherers eingeschlossen sind.

Was positiv auffällt: Mehr als zwei Minuten braucht's nicht, um sich durchzuklicken und den Preis für die neue Autoversicherung präsentiert zu bekommen. Was noch positiver auffällt: Der Jahrespreis inklusive aller Optionen liegt satte 25 Prozent tiefer im Vergleich zu meinem aktuellen Vertrag – und ich bin nicht mit dem teuersten aller Versicherer im Geschäft.

Falls mein Versicherungsberater jetzt mitliest: Wir müssen reden!

Zum anderen: Klares Online-Angebot mit klickbaren Optionen

Die Erfassungsmaske ist schnörkellos, der Aufbau klar, die Benutzerführung gut und der Prozess läuft schnell und komfortabel. Neben Haftpflichtversicherung, Teilkasko- und Vollkasko-Versicherung sind die folgenden Optionen im Angebot:

  • Parkschaden
  • Grobfahrlässigkeitsschutz
  • Fahrzeug-Rechtsschutz
  • Mitgeführte persönliche Sachen
  • Glasbruch bei Scheinwerfer
  • Zeitwertzusatz
  • Pannendienst-Assistance
  • Insassen-Unfallversicherung (inkl. Hunde und Katzen)
  • CO2-Option

Die sofort dazuklickbaren Optionen und deren Leistungen werden auf Wunsch mit einem Info-Klick kurz, knapp und schlüssig erklärt.

Interessanter Nebeneffekt, der allerdings für alle zusammenklickbaren Online-Versicherungen gilt: Im Gespräch mit einem Versicherungsberater haben Optionen kostenmässig weniger Gewicht, man sieht am Schluss einfach den Gesamtpreis.

Bei klickbaren Online-Angeboten ist bei jeder dazugeklickten Option sofort sichtbar, wie sich die Option auf den Gesamtpreis auswirkt. Klickt man spielerisch und testweise mal alle "Luxus"-Optionen weg, das Auto fährt auch ohne, gerät man ins Staunen, wie günstig, um nicht zu sagen billig, eine schlanke Autoversicherung auf Diät sein kann. Das führt zu kostensparenden Verhalten, dass man sich bei jeder Option kurz überlegt, ob man sie wirklich braucht und haben will.

Sparen bei Optionen funktioniert bei allen Versicherern, genau das wird aber online beim Rumspielen erst wirklich sichtbar. Und das Angebot von Postfinance ist eine reine Online-Versicherung.

Wie es kam und wohin es führen könnte

Die Postfinance will zum führenden Digital Powerhouse in der Schweiz werden, ist aktuell jedoch noch immer mit gestutzten Flügeln unterwegs, weil sie Hypotheken und Kredite nicht direkt vergeben darf. Wozu das im weiterhin speziellen Zinsumfeld führen kann, zeigen die wegbrechenden Gewinne. Die Bank ist darauf angwiesen, sich zusätzliche Märkte und Ertragsquellen zu erschliessen. Genau das tut sie auch.

Was als Angebot ein gutes halbes Jahr lang intern mit Mitarbeitern der Postfinance getestet worden ist, rollt die Bank nun für alle in der ganzen Schweiz aus. "Alle" meint wirklich alle, das Angebot der Online-Autoversicherung zielt nicht nur auf die 2,9 Millionen Bankkunden, auch Nicht-Kunden sind willkommen.

Damit wird das neue und attraktive Versicherungs-Angebot auch zum zusätzlichen Marketing-Instrument – Postfinance sieht nach eigenen Aussagen in der Autoversicherung "ein neues Geschäftsfeld mit grossem Ertragspotenzial, das die Digitalisierungs-Strategie optimal ergänzt".

Was für die Postfinance direkt nicht geht oder extern besser funktioniert, wird ausgelagert und in Kooperation mit externen Partnern gemacht. Die Postfinance arbeitet mit dem Schweizer InsurTech Startup Toni Digital Insurace Solutions und der Munich Re zusammen.

Warum es klappen könnte

Das Online-Angebot ist in Leistungen und Preisen interessant, das Handling für Kunden komfortabel und transparent, der "Beitritt" wird Kunden sehr einfach gemacht – Kündigungsschreiben an den bisherigen Versicherer inklusive.

Mit der Postfinance wird ein Schwergewicht im interessanten und hart umkämpften Markt der Autoversicherungen neu aktiv, das seine Möglichkeiten in Kundenstamm und Marketing nutzen wird. Zudem dürfte die aktuell lancierte Autoversicherung nicht das einzige Online-Versicherungsangebot bleiben. Wer seine Kunden kennt, der weiss, was gebraucht wird. Und wer über die richtigen Plattformen und bestehende Kanäle verfügt, bringt neue Angebote schnell zur Zielgruppe und über tiefe Preise Kunden auch schnell zum Handeln.

Was unter Versicherungen mit tiefen Preisen zu verstehen ist, trägt Postfinance-Partner Toni Digital Insurance Solutions im Claim. Das InsurTech aus Schlieren sagt selbstbewusst: "Insurance done differently. Simple. Trustful. Killer prices."

Viel kreative Luft nach oben und die Angst vor der Kannibalisierung

Der digitale Versicherer Friday, das InsurTech der Baloise Group, gehört im Bereich der neuen und kreativen Versicherungsprodukte zu den Taktgebern. Zum Beispiel mit der Idee der flexiblen Autoversicherung für Viel- und Wenig-Fahrer, die nicht pauschal, sondern nach effektiv gefahrenen Kilometern berechnet wird. Eine Versicherung, die monatlich kündbar ist, jedoch einen gravierenden Schönheitsfehler hat: sie ist nur in Deutschland, nicht in der Schweiz erhältlich. Baloise wird sie in absehbarer Zeit auch nicht auf den Schweizer Markt bringen.

Das ist nur ein Beispiel für eine bereits erfundene Versicherung, die über ihre Kunden nachgedacht hat und mit flexiblen Angeboten auf deren Wünsche reagiert. Das brachliegende Potenzial der noch nicht erfundenen Produkte ist ungleich grösser, um das teilweise überholte Versicherungs-Denken mutig aufzubrechen und mit wirklich neuen Angeboten und Leistungen die Herzen der versicherungswilligen Zielgruppen im Sturm zu erobern. 

Für ein Digital Powerhouse ein sehr weites und spannendes Feld. Für traditionelle Versicherer natürlich ebenso – letztere schrecken jedoch oftmals vor zu viel Kreativität zurück, weil neue wegweisende Produkte angestammte und (noch) ertragreiche traditionelle Lösungen kannibalisieren könnten.

Diese Befürchtungen sind berechtigt, wirklich neu und aus Kundensicht gedachte, innovative Produkte werden genau das tun. Deshalb ist ein neuer Anbieter ohne bestehende Versicherungs-Produkte sehr klar im Vorteil, der kannibalisiert nicht sich selbst, sondern vom Start weg ausschliesslich die Produkte der Konkurrenz. In der Konsequenz: Lösbare Knacknuss mit Risiken und Chancen für etablierte Versicherer. Pole-Position für Neuanbieter.