Mit derzeit 27 unterschiedlichen nationalen Systemen macht Europa das Leben für junge Unternehmen unnötig schwer. Wer wachsen will, stösst schnell an Grenzen: Finanzierung wird kompliziert, Expansion zur Geduldsprobe und Talente lassen sich schwer binden. Kurz: Die Fragmentierung bremst Europas wirtschaftliches Potenzial aus.
Deshalb präsentierte die Europäische Kommission am 18. März mit "EU Inc." eine neue, einheitliche Unternehmensform. Die Idee: ein europaweites Regelwerk, ein zentrales Register und standardisierte Prozesse, die Gründungen drastisch vereinfachen. Ein sogenanntes "28. Regime" soll künftig parallel zu den bestehenden nationalen Systemen existieren. Unternehmen könnten dann innerhalb von weniger als 48 Stunden vollständig digital gegründet werden – ein Tempo, das Europa bisher fremd war. Wenn alles nach Plan läuft, könnte dieses Modell bereits 2027 Realität werden.
Für Schweizer Startups ist das mehr als nur eine Randnotiz. Wer den EU-Binnenmarkt ins Visier nimmt, könnte künftig deutlich einfacher durchstarten, ohne ein Geflecht aus nationalen Tochtergesellschaften aufbauen zu müssen. Gerade junge Unternehmen aus der Schweiz planen früh den Schritt nach Deutschland, Frankreich oder Italien. EU Inc. könnte ihnen dabei den Weg erheblich ebnen.
Doch die Initiative hat noch eine andere Wirkung: Sie setzt die Schweiz unter Zugzwang. Denn sobald die EU regulatorisch aufholt und Prozesse verschlankt, steigt der Druck auf andere Standorte. Gründer, Investoren und Fachkräfte schauen genau hin: Wo geht es schneller? Wo ist Planungssicherheit höher? Wo kostet Bürokratie weniger Nerven? Wer hier nicht mithalten kann, verliert an Relevanz.
Und trotzdem: So ambitioniert EU Inc. auch ist, ist es kein Allheilmittel.
Der blinde Fleck: der operative Alltag
Die Gründung eines Unternehmens ist ein einmaliges Ereignis. Die eigentliche Herausforderung beginnt danach. Aus der täglichen Arbeit mit über 200‘000 Unternehmen in Europa wird klar: nicht die Rechtsform ist das Problem, sondern der laufende Betrieb.
Banking, Rechnungsstellung, Steuern, Lohnabrechnungen oder internationale Zahlungen: Hier zeigt sich, wie zersplittert Europa weiterhin ist. Arbeits-, Steuer- und Sozialrecht bleiben nationale Angelegenheiten und damit bleibt auch die Komplexität.
Ein Unternehmen mit Sitz in Deutschland, Kunden in Frankreich und Mitarbeitern in den Niederlanden jongliert weiterhin mit unterschiedlichen Mehrwertsteuersätzen, diversen Rechnungsanforderungen, mehreren Steuerfristen und verschiedenen arbeitsrechtlichen Vorgaben. EU Inc. ändert daran, zumindest vorerst, nichts.
Natürlich ist es ein Fortschritt, wenn die Gründung schneller und einfacher wird. Aber was passiert im zweiten oder dritten Geschäftsjahr? Wenn Unternehmen wachsen, mehrere Gesellschaften parallel führen und sich durch unterschiedliche Steuer- und Buchhaltungsregeln navigieren müssen?
Schon heute verbringen kleine und mittlere Unternehmen in Deutschland im Schnitt rund acht Stunden pro Woche allein mit finanzieller Administration. Das zeigt deutlich: die wahre Entlastung liegt nicht in der Gründung, sondern in der Vereinfachung der laufenden Prozesse.
Die Konsequenz? Automatisierung. Wer administrative Aufgaben reduziert, gewinnt Zeit und damit Wettbewerbsfähigkeit.
Europas nächste Baustelle: digitale Finanzprozesse
Ein echter Standortvorteil entsteht nicht durch schnellere Firmengründungen allein. Entscheidend ist, wie effizient Unternehmen im Alltag arbeiten können. Und genau hier hat Europa Nachholbedarf.
Die grösste Belastung entsteht Monat für Monat: Buchhaltung, Steuer-Compliance, internationale Transaktionen oder Ausgabenmanagement kosten Zeit, Geld und Nerven. Wenn Europa ernsthaft wettbewerbsfähiger werden will, muss es genau diese Prozesse vereinheitlichen und digitalisieren.
Mit anderen Worten: Die Vision hinter EU Inc. muss weiterverfolgt werden. Eine standardisierte Unternehmensgründung ist ein guter Anfang, aber erst eine ebenso einfache und europaweit harmonisierte Finanzinfrastruktur macht den Binnenmarkt wirklich nutzbar.
Und was bedeutet das für die Schweiz?
Für Schweizer Unternehmen bleibt die Entwicklung hochrelevant. EU Inc. kann den Zugang zum europäischen Markt erleichtern und Expansionen beschleunigen. Doch die eigentlichen Herausforderungen, insbesondere rund um Steuern, Compliance und Finanzprozesse, bleiben bestehen.
Gerade deshalb sollte die Schweiz genau hinschauen. Denn während die EU an Vereinfachung arbeitet, muss auch sie ihre eigenen Rahmenbedingungen weiterentwickeln. Wer langfristig als Standort attraktiv bleiben will, braucht Geschwindigkeit, Effizienz und möglichst wenig Reibungsverluste.