Die MoneyToday-Serie – "The Future favours the Bold"

Tech Angels: Peer-to-Peer Medienkompetenzvermittlung gegen das digitale Bedenkenträgertum

Mann blickt entschlossen, als Symbol für die Serie "The Future favours the Bold"

Der System-Hack im Klassenzimmer: Warum Verbote zu kurz greifen – und wie Jugendliche sich selbst retten.

Wer in der Schweiz ein neues schulisches Lehrmittel einführen will, braucht Schnauf. Von der initialen Idee über die wissenschaftliche Validierung bis zur Schulung der Lehrpersonen vergehen schnell einmal sechs bis acht Jahre. Künstliche Intelligenz und die Algorithmen von TikTok haben die weltweite Bildungs- und Medienlandschaft derweil in weniger als fünf Jahren komplett auf den Kopf gestellt.

Diese eklatante Asymmetrie der Geschwindigkeit ist das vielleicht grösste "Risk of Ignorance" unseres Bildungssystems. Die institutionelle Trägheit liefert keine zukunftsfähigen Strategien für den Umgang mit Bildschirmmedien. Die reflexartige Antwort der Politik ist oft defensiv: Ein generelles Handyverbot. Aus den Augen, aus dem Sinn. Doch wer glaubt, man könne digitale Resilienz durch Wegsperren erzeugen, hat den Kampf schon verloren.

Beat Richert, Medienpsychologe und Mitgründer der Initiative Tech Angels, beweist, dass es auch anders geht. Er hat das Prinzip "If you can't outspend (or out-legislate), you gotta outsmart" konsequent auf den Pausenplatz übersetzt.

Auf Augenhöhe statt von oben herab

Richerts Ansatz ist so simpel wie genial: Peer-to-Peer (P2P). Der Verein Tech Angels bildet Jugendliche an Kantonsschulen aus, damit diese als Mentoren und Schutzengel für ihre eigenen Kolleginnen und Kollegen agieren.

Wenn ein Fünfzigjähriger im Anzug mit einer Powerpoint-Präsentation über die Gefahren von Social Media doziert, schalten Teenager ab. Wenn aber ein gleichaltriger Mitschüler auf Augenhöhe Tipps zum gesunden Umgang mit Games und TikTok gibt, entfaltet das echte Wirkung.

Rund 50 dieser Tech Angels sind mittlerweile an Instituten wie der Kantonsschulen Enge und Freudenberg Zürich, dem Freien Gymnasium Zürich, der Kantonsschule Uster oder der Atelierschule Zürich unterwegs. Ausgebildet werden sie in Intensivmodulen von versierten Psychologen und Medien-Experten.

Der "Pixelreiniger" – Medienkompetenz zum Anfassen

Dass Richert und sein Team den Menschen und nicht die Technik ins Zentrum stellen, zeigt sich wunderbar an einem physischen "Hack" an der Atelierschule Zürich. Dort gibt es die Tech Angels Offline Lounge – ein Chill-Raum mit Teppich, Töggelikasten und Gesellschaftsspielen. Der Clou?

Wer den Raum betritt, geht durch einen bunten Vorhang, den sogenannten "Pixelreiniger". Die digitalen Spuren werden sinnbildlich abgestreift, die Handys wandern in spezielle Wandtaschen. Ein analoger Rückzugsort mitten im digitalen Sturm. Das ist angewandte Wissensvermittlung.

Über die Serie “The Future favours the Bold”

In einer Medienbubble mit steigenden Arbeitslosenzahlen, gepaart mit wachsender Angst um den Job oder die bisher noch sehr komfortable Einkommenssituation, ist es manchmal schwer, Lichtblicke angemessen zu würdigen. Positive Geschichten als mutmachende Leitbilder sind gefragt, aber eher rar. In einer oft negativ konnotierten Berichterstattung über die Wirtschaftswelt mit verklausulierten Negativbotschaften, weichgespülten PR-Statements und generischen Erfolgsformeln für eine verheissungsvollere Zukunft, sucht MoneyToday nach dem echten Puls.

Was treibt die Macherinnen und Macher dieses Landes wirklich an, mutige, antizyklische oder mitunter verrückt anmutende Entscheidungen zu treffen und umzusetzen? Wie handeln sie, wenn die Powerpoint-Präsentation der Einflüsterer oder der Berater aus ist?

In einer losen Serie berichten wir über bemerkenswerte Unternehmen, Organisationen und Ventures, vor allem aber über spannende Persönlichkeiten – im wahrsten Sinne des Wortes. Wir leuchten Ideen, Handlungen und Entscheidungen aus, die in der manchmal etwas mau daherkommenden Mainstream-Berichterstattung oft untergehen.

Als Klammer richten wir im “60-Second-Mindset” den Scheinwerfer auf die Personen dahinter. Auf ihre Motivation und die durchaus auch vorhandenen “Inner Saboteurs” wie gehegte Zweifel, temporäre Verzagtheit und andere Bremsklötze. Wir nehmen die Fährte auf bei den "Humans in the Loop" und suchen deren DNA des Erfolgs – provokativ-pointiert und ohne Sicherheitsnetz, auch und gerade, wenn mitunter glückliche Zufälle Teil der Gleichung sind.

Der Ruf nach strategischem Weitsicht

Ein P2P-Projekt ist kein Quick-Fix für das nächste Quartalsergebnis. Der Erfolg lässt sich oft erst ab dem dritten Jahr seriös messen, weil der Aufbau von Vertrauen in den Partnerschulen enorm ressourcenintensiv ist.

Derzeit wird das Projekt zu einem Drittel von den Schulen und zu zwei Dritteln von Stiftungen, Sponsoren und öffentlichen Geldern getragen. Doch die Ambition ist grösser. Damit sich dieses Modell schweizweit skalieren lässt, sucht die Initiative strategische, mehrjährige Partnerschaften. Es braucht nun Philanthropen und Unternehmen, die verstehen, dass Investitionen in die Medienkompetenz der nächsten Generation die beste Startup-Förderung überhaupt ist.


The 60 Second Mindset – ein Einblick in die DNA von Macherinnen und Machern

Fünf Fragen an Beat Richert, Medienpsychologe und Gründer von Tech Angels
 

MoneyToday: Warum braucht es eine Organisation wie Tech Angels?

Beat Richert: Weil der institutionelle Weg zu langsam ist.

Ein Lehrplan braucht bis zu acht Jahre, bis er in der Klasse ankommt. Die Algorithmen ändern sich wöchentlich.

Wir sind die schnelle Eingreiftruppe direkt aus der Zielgruppe heraus.

Wie hebelt Ihr den Status quo aus, gibt es da einen Hack?

Ganz klar der Peer-to-Peer Ansatz. Ab dem Moment, wo wir aufgehört haben, von oben herab zu belehren, hat es bei allen "Klick" gemacht. Wir bilden clevere und motivierte junge Leute aus, die Medienkompetenz auf Augenhöhe in ihrer eigenen Sprache vermitteln. Das ist einerseits eine wertvolle Erfahrung für die Angels, welche sie wahrscheinlich lange in ihr berufliches Wirken hinein prägen wird. Andererseits schlägt das Konzept jede mitunter viel teurere schulische Frontal-Kampagne.

Welchen Mythos rund um Jugendliche und Medienkompetenz kannst Du nicht mehr hören?

Den Mythos, dass ein rigoroses, gesetzliches Handyverbot auf dem Schulhof das Problem löst. Das ist intellektuell faul. Verbote verlagern den Konsum nur und verhindern, dass wir den Jugendlichen einen bewussten, selbstregulierten Umgang beibringen.

Was ist war Euer grösster "Ouch"-Moment – wo liegt Eure grösste Herausforderung?

Die Ungeduld des Systems ist unerbittlich. Ein echtes P2P-Netzwerk braucht Zeit, um kulturell an einer Schule zu greifen – meist sieht man erst im dritten Jahr die volle Wirkung. Dafür Sponsoren zu finden, die diesen langen Atem und echte Weitsicht haben, ist ein harter Kampf.

Die Bühne gehört Dir: Wenn Du der Schweizer Wirtschaft heute einen ungeschönten Weckruf verpassen müsstest – wie lautet er?

Als Transformator der ersten Stunde weiss ich nur zu gut: Digitalisierung ist viel mehr als Glasfaser verlegen und KI-Tools kaufen. Die mit Abstand wichtigste Ressource ist unsere Jugend, denen wir psychologische Resilienz gepaart mit einem gesunden Umgang mit digitalen Verheissungen vermitteln. Mein Appell: Investiert in Initiativen, die die jungen Menschen stärken, nicht nur die Technik. Helft mit, die Tech Angels schweizweit auszurollen.