Das FinTech Kaspar& ist als Mischung von WealthTech und Neo-Bank im März 2022 mit einem smarten Konzept gestartet, dem Aufrundungssparen. Dabei wird bei jeder Kartenzahlung auf den nächsten Franken aufgerundet, das Wechselgeld wird automatisch in professionelle Spar- und Anlagepläne investiert und angelegt. Kaspar& hat sich damit als digitales Sparschwein und Anlage-App mit wählbaren Anlagestrategien positioniert
Mit diesen laufenden Microinvestments wollte Kaspar& breite Zielgruppen ans Investieren heranführen und zeigen, wie einfach Anlegen sein kann. Aus der Einsicht heraus: Kleinvieh macht über den häufigen Einsatz der Karte auch Mist und der Vermögensaufbau erfolgt "schmerzlos" und nebenbei.
Das Konzept dieser Wechselgeld-Investitionen hat das FinTech auch seiner im April 2023 lancierten Säule-3a-Lösung mitgegeben. Das Vorsorgesparen fürs Alter funktioniert, neben direkt Einzahlungen, ebenfalls mit Aufrundungssparen über Kartenzahlungen.
Der erste Strategiewechsel: Banking-as-a-Service-Anbieter für Banken
Zwei Jahre nach Markteintritt hat Kaspar& seine Kundengruppen erweitert und ist neben dem B2C-Geschäft auch im B2B-Bereich aktiv geworden. Das FinTech hat sich als Banking-as-a-Service-Anbieter für Banken positioniert und seine Technologie in Form von Embedded-Finance-Lösungen für Drittpartner geöffnet. Konkret heisst das: Kaspar& stellt seine Technologie Banken als White-Label-Lösung zur Verfügung.
Diese Schiene ist für ein FinTech mit herausragender Technologie erfolgversprechend, weil jeder neue Bankpartner zum Multiplikator wird. Die Zahl der anlegenden Kunden wächst sprunghaft schneller, das generiert zusätzliche Umsätze.
Der zweite Strategiewechsel: Ausstieg aus dem Direktkundengeschäft
Drei Jahre nach dem Start hatte Kaspar& rund 7'000 direkte Kunden. Keine berauschende Zahl und viel zu tief für einen rentablen Betrieb. Die Frage, wie lange es dauern könnte, bis genügend direkte Kunden an Bord sind, hat das FinTech im November 2025 mit einem zweiten Strategiewechsel beantwortet. Kaspar& ist aus demk B2C-Direktkundengeschäft ausgestiegen, um sich voll auf Banking as a Service und Embedded-Finance-Lösungen für Dritte konzentieren zu können.
Im Gespräch hat mit uns hat Kaspar&-CEO Jan-Philip Schade damals die Beweggründe für diese Entscheidung erläutert. Im Kern geht des darum, dass der Schweizer Markt Grenzen setzt. Neo-Banken, Anlage-Apps und digitale Säule-3a-Anbieter operieren durchwegs mit Low-Fee-Angeboten und Gebührenstrukturen im Anlagebereich, welche sich nur mit sehr hohen Volumen rechnen können. Für sich selbst und auch für einige andere FinTechs schätzt Kaspar& das Gesamtvolumen in der Schweiz langfristig als zu gering ein und die Konkurrenz als zu hoch.
Der finale Strategiewechsel: Liberty übernimmt Kaspar& zu 100 Prozent
Der Schwyzer Vorsorge-Spezialist Liberty übernimmt Kaspar& zu 100 Prozent. Man kennt sich, Liberty war bisher schon Kooperations-Partner von Kaspar&. Das FinTech wird in Zukunft als eigenständige Firma innerhalb der Liberty-Gruppe agieren und den Firmensitz in St. Gallen beibehalten.
Das heutige Gründer- und Managementteam um Jan-Philip Schade, Sebastian Büchler und Lukas Plachel bleibt an Bord, der Fokus soll in Zukunft noch stärker und konsequenter auf der Kooperation mit Banken und B2B-Lösungen liegen.
Warum diese Übernahme?
Mit der Transformation des Geschäftsmodells weg von einem eigenen Marktauftritt hin zu einem Kooperationsmodell mit Banken hat sich Kaspar& vor zwei Jahren bewusst vom klassischen FinTech-Retail-Markt verabschiedet und sich hin zu einem tragfähigeren B2B-Modell bewegt.
Die Einsicht hinter dieser Entscheidung: In der direkten Konkurrenz können nur einige wenige FinTech-Player überleben. Entweder solche, die als First-Mover noch vor Kaspar& begonnen haben, zum Beispiel True Wealth, oder solche mit grossen Marketingbudgets, zum Beispiel Yuh.
Fazit aus der Sicht von Kaspar&: Ohne vergrössertes Spielfeld und ohne starkes Mutterhaus wird es schwierig.
Neben der Startup-Sicht kommt die Perspektive der Banken dazu
Die reine FinTech-Startup-Sicht ist nur die eine Seite. Eine andere Perspektive ist ebenfalls interessant: Die (wenigen) Startups, die erfolgreich im Retailsegment unterwegs sind, setzen die etablierten Player und Banken durch ihr digitales Angebot und ihre Pricingmodelle unter Druck. Der Handlungsbedarf wächst also durchaus auch auf Seite der Incumbents.
Ironischerweise stehen also alle unter Druck: Die Startups, welche um Kunden kämpfen und die Alteingesessenen, welche um ihre Margen fürchten müssen, wenn sie keinen (digitalen) Mehrwert bieten können. Folglich kann es eine gute Idee sein, auf beiden Seiten Druck rauszunehmen und die Erfolgschancen für alle Beteiligten durch Kooperationen zu erhöhen.
Genau hier hat sich Kaspar& mit dem aktuellen Schritt platziert und positioniert: Als Player, der die Innovation der digitalen Lösungen in die Welt der Incumbents bringt.
Warum Liberty?
Liberty ist ein erfolgreiches traditionelles Finanzinstitut im Vorsorgebereich, welches zwar einen ausgeprägten Plattformgedanken verfolgt und über eine breite Kundenbasis verfügt, in Zukunft aber einen stärkeren Fokus auf den Kundenmehrwert über die eigentliche Vorsorgelösung hinaus setzen will. Sprich: Vorsorge soll nicht nur als reine 3a-, Freizügigkeit- oder BVG-Leistung gesehen, sondern soll in Zukunft stärker als ganzheitliches Erlebnis verstanden werden. Von der ganzheitlichen Erfassung und Darstellung der individuellen Finanz- und Vorsorgesituation, über die Beratung und den Vergleich möglicher Optionen und Produkte, bis hin zur täglichen Überwachung und Optimierung.
Hier kommt für Liberty das FinTech Kaspar& ins Spiel. Genau in diesem Bereich liegt die Expertise und Spezialisierung des FinTechs, welche hier genutzt werden kann, um solche Kundenjourneys und Applikationen zu entwickeln. Mit der Entwicklung der MyLiberty-App hat Kaspar& schon einen ersten Schritt in diese Richtung gemacht und mit der strategischen Übernahme von Kaspar& durch Liberty ist nun der weitere Weg ebenfalls geebnet.
Oliver Bienek, CEO von Liberty, zur aktuellen Übernahme: «Die Akquisition beschleunigt die Umsetzung unserer langfristigen Plattformstrategie und eröffnet uns zusätzliche Möglichkeiten, Synergien zu nutzen und Vorsorgelösungen im Finanz- und Versicherungsmarkt zu positionieren. Wer im Vorsorgemarkt bestehen will, muss künftig über das eigentliche Produkt hinaus echten Mehrwert bieten – technologisch, kundenzentriert und skalierbar.»
Auch aus der Sicht von Kaspar& ist die Transaktion ein konsequenter strategischer Schritt. «Unser Anspruch war es von Beginn an, Investieren einfacher und zugänglicher zu machen – insbesondere auch im Bereich Vorsorge», sagt Jan-Philip Schade, CEO von Kaspar&. «Mit Liberty erhalten wir die Möglichkeit, unsere Technologie in einem starken Ökosystem weiterzuentwickeln und unsere Unternehmensstrategie mit einem klar ausgerichteten Aktionariat langfristig umzusetzen.»
News von der Bankenseite
Die Kaspar&-App in Zusammenarbeit mit den Banken ist und bleibt ein wichtiger Pfeiler der Strategie.
Aktuell befindet sich das FinTech in den letzten Zügen für das Testing von gleich drei neuen Banken, welche in den nächsten Wochen und Monaten live gehen werden. Neben der Gewinnung weiterer Partner plant Kaspar& auch hier die Einbindung von Vorsorgelösungen, welche in der neuen Konstellation nach Aussagen des FinTechs jetzt noch besser integriert werden können.