Ökosysteme

Wie beeinflussen Apple und andere Big Techs mit Billionen-Bewertungen die Weltmärkte?

Apple Store in Guangzhou, Сhina
Apple Store in Guangzhou, Сhina (Bild: Plavevski | Getty Images)

Je nach Quelle und Zahl der Aktien in Umlauf, war Apple gestern Abend für kurze Zeit eine Billion Dollar wert. Die wichtigere Frage: Welche Rolle spielen Apple und andere Big Techs in den Weltmärkten?

Die Wettbüros dürfen die Apple-versus-Amazon-Wetten schliessen, als erstes Unternehmen überhaupt hat offenbar Apple die 1-Billion-Dollar-Marke geknackt.

Amazon wird das verschmerzen, der Konzern liegt mit einer Bewertung um die 900 Milliarden Dollar in der Nähe und hat seit Ende 2017 eine atemberaubende Entwicklung hingelegt, gefolgt von Microsoft und Alphabet, die ebenfalls kräftig zugelegt haben. Ein Blick auf die Analyse von EY mit der Zusammenstellung der teuersten Unternehmen der Welt ist in diesem Zusammenhang interessant.

Die Auswertung mit Stichtag 27. Dezember 2017 zeigt, dass die Welt ein gutes halbes Jahr später bereits wieder anders aussieht. Oder präziser: Ein klarer Trend setzt sich fort, Technologie-Konzerne wachsen jedoch schneller und brauchen weniger Zeit, um an Wert und damit an Einfluss und an Marktdominanz zuzulegen.

Die zehn teuersten Unternehmen der Welt
Grafik: EY | Die zehn teuersten Unternehmen der Welt

Sieben der Top-10-Konzerne waren Ende 2017 Unternehmen mit digitalem Geschäftsmodell. Daran hat sich nichts geändert, allerdings festigen die Tech-Konzern ihre Positionen in einem Tempo und in Grössenordnungen, denen Konzerne aus der Old Economy aus naheliegenden Gründen nicht folgen können.

Die Old Economy ist insgesamt breit vertreten in der Liste der Top-300-Konzern, die vordersten Plätze gehören jedoch Digital-Konzernen.

New Economy versus Old Economy?

Die Frage, welches von den Big Techs in welcher Reihenfolge die 1-Billion-Dollar-Marke knackt, ist nicht wirklich wesentlich, die Interessen von Anlegern jetzt mal ausgenommen. Die wirklich zentrale Frage ist vielmehr, wie sich in Zukunft Marktgewichte und Marktregeln verschieben, wenn die Luft innerhalb der Top-10- oder Top-20-Unternehmen für Konzerne aus der Old Economy dünn wird und die Spitzenplätze zunehmend von Big Techs besetzt werden.

Die rhetorisch gestellte Frage "New Economy versus Old Economy?" greift selbstverständlich zu kurz, weil es nicht darum gehen kann, das eine gegen das andere auszuspielen. Eine Entwicklung ist jedoch bemerkenswert, die etablierten Unternehmen der Old Economy sehr viel gefährlicher werden kann, als eine simple Gegenüberstellung in Schwarz-Weiss.

Big Techs verbinden Digitales und Analoges

Ein starkes Beispiel für diese Entwicklung ist Amazon. Ein Konzern, der in Prozessen, Plattformen und Angeboten zu den digitalen Spitzen-Techs und Vorreitern gehört, denkt über Menschen, Zielgruppen, Wünsche und Verhaltensweisen nach und ist seit längerem dabei, digitale mit analogen Welten intelligent zu verbinden. Nur einige wenige Beispiele:

Kunden bestellen digital, die Ware wird über Logistikzentren zusammengestellt und physisch nach Hause geliefert – über Amazon Fresh mit Lieferwagen, über Amazon Hub direkt ins Postfach im Wohnblock oder auch gleich in die Wohnung gestellt über Amazon Key.

Kunden bestellen jedoch nicht nur digital, sie wollen Shopping mit Einkaufserlebnis. Deshalb kauft Amazon Ladenketten und Läden. Kunden sollen in diesen Läden erkannt und identifiziert werden, ihre Wünsche sind bekannt, persönliche Specials und passende Angebote werden im Laden übers Handy oder andere Devices an den Kunden ausgespielt. Bezahlen funktioniert ohne Kasse, Amazon weiss, was der Kunde aus dem Laden trägt und belastet die Einkäufe automatisch, wenn der Käufer den Laden verlässt.

Ob es dabei um Bio, Frischwaren, Pharmazie- oder andere Produkte geht, spielt keine Rolle, Amazon ist für seine Kunden Problemlöser in der gesamten Wertschöpfungs-Kette, zunehmend als Partner von A bis Z. Was in Sachen Aufbereitung, Logistik oder Service fehlt, wird von Amazon in einer ersten Phase über Partner dazugekauft, in nächsten Phasen im eigenen Konzern aufgebaut. Autonomie eben und keine Lücken in der Wertschöpfungs-Kette, die Kontroll- oder Kundenverlust bedeuten könnten.

Der Fokus liegt konsequent auf Kunden, Zielgruppen und deren Verhaltensweisen. Ob Kunden teilweise analog oder vollständig digital ticken, spielt keine Rolle, Amazon ist vorbereitet und deckt sämtliche Bereiche ab. So digital, wie Amazon eben funktioniert, so analog, wie das bestimmte Kundengruppen eben wünschen.

Die zentrale Frage

Deshalb ist Frage "New Economy versus Old Economy?" falsch gestellt. Big Techs wie Amazon interessieren sich nicht für akademische Abgrenzungen, zumal das eine nicht ohne das andere auskommt. Das eine kann jedoch mit dem anderen verbunden werden – und diesen Weg gehen Technologie-Unternehmen, Amazon allen voran.

Technologie-Konzerne denken nicht nur digital und vor allem sind sie nicht aus Selbstzweck digital. Digitalisierung ist Mittel zum Zweck, um Prozesse schnell und wirtschaftlich zu gestalten und auch, um digitale und analoge Welten intelligent zu verbinden. So entstehen extrem dicht und fein gewobene Ökosysteme, die aus Kundensicht weder Lücken noch Wünsche offenlassen.

Deshalb stellt sich die Frage: Gehen Unternehmen aus der Old Economy einen ähnlichen Weg, gewissermassen umgekehrt und in die andere Richtung gedacht? Also von der teilweise noch ziemlich analogen Welt in Richtung Digitalisierung? Nicht nur auf die Produktion bezogen, vielmehr mit Fokus auf Kunden? Falls ja, ist das ein guter und notwendiger Weg. Falls nein, werden Technologie-Konzerne mit starker Kundenfokussierung in den nächsten Jahren möglicherweise noch sehr viel schneller mächtiger und grösser, weil sie auch Teile der bisherigen Old Economy kontrollieren wollen.