Interview

Mike Hofmann von SIX zum Thema Open Finance in der Schweiz

Mike Hofmann, bLink Open Banking Platform Lead bei der SIX BBS
Mike Hofmann, bLink Open Banking Platform Lead bei der SIX BBS

Open Finance ist in der Schweiz ein Thema ohne besondere Dringlichkeit. Oder doch, nur einfach schweizerisch und deshalb ganz anders?

Wo steht Open Finance in der Schweiz heute? Zeigen die Appelle des Bundesrates an die Adresse der Banken Wirkung? Warum hinkt die Schweiz dem Ausland hinterher? Welche neuen Leistungen und Services sind in nächster Zeit zu erwarten? Und welche Rolle spielt bLink, um Open Finance in der Schweiz voranzutreiben?

Wir haben uns mit einem Spezialisten unterhalten, der ganz nah am Thema operiert: Mike Hofmann, bLink Open Banking Platform Lead bei der SIX BBS.

In wenigen Worten auf den Punkt gebracht, wer ist Mike Hofmann, was tun Sie und wo tun Sie das?

Ich treibe seit über 20 Jahren Initiativen, Organisationen und Menschen in der Finanzindustrie voran – mit Leidenschaft, Kreativität und einem ausgeprägten Willen zur Umsetzung. Seit mehr als fünf Jahren bin ich bei SIX tätig und treibe als Lead der Open-Banking-Plattform bLink gemeinsam mit meinem Team den Aufbau und die Weiterentwicklung von Open Banking in der Schweiz voran.

Und nochmals in Kurzform: Was ist bLink, was kann bLink, wem nützt bLink?

bLink ist die Open-Banking-Plattform der Schweiz. Über sie können Banken, FinTechs und andere Softwareanbieter einfach und sicher Finanzdaten anbieten oder konsumieren. Was bLink so erfolgreich macht: sämtliche Gegenparteien lassen sich über eine einzige Schnittstelle anbinden. Ausserdem durchlaufen alle Plattformteilnehmerinnen eine standardisierte Zulassungsprüfung und unterschreiben ein einheitliches Vertragswerk. Das spart Zeit und Ressourcen, weil Integrationen beziehungsweise gegenseitige Anbindungen deutlich schneller und skalierbarer werden.

Im Kern profitieren davon natürlich insbesondere Privat- und Geschäftskunden, die ihre Bankdaten unkompliziert und sicher in eine wachsende Anzahl von Drittapplikationen einbinden können. Das ist schlussendlich Sinn und Zweck von Open Banking.

bLink operiert unter dem Segel "Open Banking" – ist das Bescheidenheit oder Tradition, die grosse Schwester Open Finance ist doch längst Realität?

Open Banking ist nach wie vor der bekanntere Begriff, deshalb nutzen wir ihn bewusst. Fachlich sind wir aber längst weiter. Auf bLink sind seit 2021 Open-Wealth-Schnittstellen produktiv, also klar im Open-Finance-Bereich. Mit zunehmender Datenvielfalt geht der Fokus über klassische Kontodaten und damit Open Banking hinaus. Künftig werden wir also primär von Open Finance sprechen.

Open Finance ist in der Schweiz etabliert, bleibt aber noch eine Nische

Die kürzlich gestartete Multibanking-Initiative ist in unserer Betrachtung erst das kleine ABC und damit ein Anfang, aber noch längst nicht das Ende der Fahnenstange – liegen wir richtig oder falsch?

Ich teile diese Einschätzung und gleichzeitig ist die Multibanking-Initiative ein enorm wichtiger Meilenstein. Zum ersten Mal können Privatpersonen in der Schweiz einen klassischen Open-Banking-Anwendungsfall erleben. Multibanking ist dabei mehr als nur einfache Kontoaggregation unter Banken. Erstmals ermöglichen diese nämlich ihren Kunden, Konto- und Transaktionsdaten mit expliziter Einwilligung in Drittapplikationen zu integrieren, sei es bei einer anderen Bank oder eben auch bei einem FinTech. Das ist die eigentliche Innovation, denn daraus entstehen neue Geschäftsmodelle und Services.

Ab 2026 werden also nicht nur Banken profitieren, sondern auch Drittanbieter, die neue Analyse-, Finanzübersichts- und Budgetlösungen anbieten.

Wo steht das Thema Open Finance in der Schweiz heute?

Open Finance ist etabliert, bleibt aber noch eine Nische. Bemerkenswert: Trotz fehlender Regulierung haben heute praktisch alle relevanten Schweizer Retail- und Geschäftsbanken mindestens einen API-basierten Open-Finance-Use-Case live, in Umsetzung oder in Planung.

Viele Finanzinstitute haben ihre anfänglichen Vorbehalte abgelegt. Die IFZ Studie „Bank-IT und Sourcing“ aus dem Jahr 2025 zeigt: Rund 40 Prozent der Finanzinstitute messen Open Finance eine hohe Bedeutung zu, knapp 50 Prozent eine mittlere. Entscheidend bleibt: Open Finance ist kein Selbstzweck. Der Nutzen für Kunden und alle involvierten Parteien muss klar erkennbar sein.

Warum ist Open Finance im Ausland zum Teil deutlich weiter fortgeschritten im Vergleich zur Schweiz?

In vielen Ländern wurde Open Banking reguliert, was eine schnelle Adoption erleichtert. In Kombination mit Instant Payment ist daraus teilweise sogar ein neues Zahlungsmittel entstanden, bekannt als "Pay by Bank", das kostengünstige Konto-zu-Konto-Zahlungen ermöglicht. Doch wie der Blick in die EU zeigt, garantiert Regulierung allein keinen Markterfolg.

Ohne die Erwartungshaltung des Bundesrats aus dem Jahr 2022 wäre die Multibanking-Initiative in dieser Form nicht zustande gekommen

In der Schweiz wurden vergleichbare Bedürfnisse im Zahlungsverkehr oft anders gelöst, etwa über Twint oder eBill. Open Banking hat bei uns andere Beweggründe und ist durch spezifische Anwendungsfälle motiviert. Generell lässt sich sagen: Der marktgetriebene Open-Banking-Ansatz, wie die Schweiz ihn verfolgt, dauert in der Adaption länger, kann dafür aber zu einer nachhaltigeren Umsetzung und höherer Qualität führen.

Der Bundesrat hat nun schon mehrmals moniert, dass er in Sachen Open Finance vom Finanzplatz Schweiz mehr Engagement erwartet – zeigt das Wirkung?

Absolut. Ohne die Erwartungshaltung des Bundesrats aus dem Jahr 2022 wäre die Multibanking-Initiative in dieser Form nicht zustande gekommen. Wichtig ist dabei nicht nur das Was, sondern auch das Warum. Der Schweizer Finanzplatz braucht klare und realistisch begründete Erwartungen als verlässlichen Orientierungsrahmen.

Der Bundesrat hat sich bei zu kleinen Fortschritten Massnahmen vorbehalten, bis und mit Regulierungen analog EU. Wird es dazu kommen – oder hat die Schweiz den Willen und die Möglichkeiten, schnell aufzuholen?

Kurzfristig wohl eher nicht. Der Bundesrat hat mit der Medienmitteilung vom 12. Dezember den marktgetriebenen Ansatz bestätigt. Spannend wird sein, wie der Bundesrat reagiert, falls die EU neue Open-Finance-Regulierungen beschliesst und der Abstand zur Schweiz grösser wird. Seit dem Launch von Multibanking beobachten wir aber, dass Banken, die bisher noch nicht Open Banking verfolgten, entsprechende Zusagen für bLink gemacht haben. Das ist ein klarer Schritt in die richtige Richtung.

Banken argumentieren gerne, dass erweiterte Open-Finance-Services keinem wirklichen Bedürfnis entsprechen würden – ist das eine Alibi-Behauptung oder trifft das auch in Ihrer Betrachtung zu?

Das ist eine gute und wichtige Frage. Es gibt durchaus Anwendungsfälle mit klarem Kundenbedarf, die aus Sicht datenführender Institute jedoch nicht immer attraktiv erscheinen, etwa aus Sorge um die Kundenschnittstelle oder wegen eines ungünstigen Kosten-Nutzen-Verhältnisses.

 Fehlende APIs bedeuten nicht automatisch ein fehlendes Bedürfnis

In den USA haben sich Open-Banking-Use-Cases ohne Regulierung rein aus Kundenbedürfnissen heraus entwickelt. Mangels standardisierter Schnittstellen griffen Drittanbieter dabei häufig auf Screen Scraping zurück – mit entsprechenden Sicherheits- und Rechtsrisiken sowie mangelnder Kontrolle und Transparenz für die Banken. Das zeigt deutlich, dass fehlende APIs nicht automatisch ein fehlendes Bedürfnis bedeuten.

Open Finance umfasst zahlreiche Leistungen in den Bereichen Open Wealth, Open Pension und mehr. Welche Leistungen und Services stehen weit vorne und werden in nächster Zeit kommen?

Heute sehen wir die höchste Adoption bei klassischen Open-Banking-Schnittstellen für Kontozugriff und Zahlungen. Nach den ersten Erfahrungen mit Open Banking und APIs interessieren sich immer mehr Banken auch für Open Wealth, um als Depotbank dank moderner Schnittstellen weiterhin attraktiv zu bleiben.

2025 wurde der Standard für die Card API publiziert, ein erstes Pilotprojekt könnte noch dieses Jahr via bLink starten. Im letzten Jahr haben wir zudem erfolgreich einen PoC für eine Tax API durchgeführt – ein vielversprechender Use Case für Privatkunden.

Spannend ist auch Open Pension: Die Motion zum standardisierten digitalen Zugang zu persönlichen Vorsorgedaten wurde 2025 vom National- und Ständerat angenommen. Eine Umsetzung nach aktuellen Open-Finance-Standards würde allen Versicherten einen klaren Mehrwert bringen.

bLink verbindet als Plattform Banken, Versicherer, FinTechs und andere Involvierte, um Finanzdaten überall nutzbar zu machen. Ist die bLink-Infrastruktur über Multibanking hinaus auch für Open Pension und weitere Open-Finance-Leistungen bereit?

bLink wurde ursprünglich für einen spezifischen Geschäftskunden-Use-Case in der Buchhaltung entwickelt. Das visionäre Element der Plattform liegt jedoch in ihrer skalierbaren Architektur. Sie lässt sich problemlos auf weitere Anwendungsfelder wie Wertschriften, Vorsorge oder Versicherungen erweitern und ermöglicht dabei jeweils dieselben Skalierungs- und Netzwerkeffekte für alle Beteiligten.

Open Finance funktioniert nur als Ökosystem – es braucht Offenheit, Partnerschaft und die Bereitschaft, über die eigene Organisation hinauszudenken

bLink steht jetzt seit fünf Jahren im Markt. Sind Sie mit der Beteiligung und der Entwicklung in dieser Zeit zufrieden?

Eine Plattform wie bLink aufzubauen, die gleichzeitig zwei Marktseiten überzeugen muss, ist anspruchsvoll. Die ersten Jahre erforderten viel Durchhaltewillen und Überzeugungsarbeit.

Wo wir heute stehen, hätten wir uns vor fünf Jahren nicht vorstellen können. Ich bin stolz darauf, was wir mit unserem Team auf die Beine gestellt haben. Natürlich wollen und werden wir noch weiterwachsen, aber der bisherige Weg stimmt.

Als Anbieter und Betreiber von Plattform und Infrastruktur, welche Wünsche haben Sie an Banken, Versicherer und FinTechs.

Open Finance funktioniert nur als Ökosystem – es braucht Offenheit, Partnerschaft und die Bereitschaft, über die eigene Organisation hinauszudenken.

Wer erkennt, dass Zusammenarbeit mit Dritten Mehrwert schafft, kommt weiter. bLink orchestriert diese Zusammenarbeit. Ich wünsche mir Offenheit und Mut zur Kooperation.

Ein Blick in die nahe Zukunft: Wo steht die Schweiz in Sachen Open Finance in drei Jahren?

Viele Menschen werden den Begriff Open Finance weiterhin nicht kennen – und müssen das auch nicht. Entscheidend ist vielmehr, dass konkrete Anwendungsfälle bis dahin ganz selbstverständlich Teil ihres Alltags geworden sind. Davon bin ich überzeugt.

Der Interviewpartner: Mike Hofmann

bLink Open Banking Platform Lead bei der SIX BBS AG

Als bLink Open Banking Platform Lead bei der SIX BBS treibt Mike Hofmann die Weiterentwicklung der Open-Banking-Plattform bLink und das Thema Open Banking in der Schweiz aktiv voran. Er verfügt über mehr als 20 Jahre Erfahrung in der Finanzbranche und arbeitete für führende internationale Finanzinstitute in Zürich, New York und Hongkong.

Nach einer kreativen Auszeit, in der er UX-Design studierte, war Mike für ein führendes Innovations- und Technologieunternehmen tätig, bevor er 2020 zu SIX stiess. Er hält einen Masterabschluss in Wirtschaftswissenschaften der Universität Bern und absolvierte einen CAS in Data & Machine Learning an der ETH Zürich.