Finanzbildung

Aus integrierter Finanzkompetenz wird bewusste Handlungskompetenz

Grafik mit Symbolen von Geld und Geldkultur
Quelle: Institut für Geldkultur

Finanzkompetenz ist kein Hexenwerk: Ein Blick auf das St. Galler Modell der integrierten Geld-, Werte- und Wirtschaftsbildung.

Die Gründerin des Instituts für Geldkultur, Sabine Krusch, ist überzeugt davon, dass man Geld lernen kann. Oder besser: lernen muss. Einerseits, um die Lücken und Defizite in Schule und Familie auszugleichen. Aber auch, weil es eine neue Sicht auf Geld und einen neuen Umgang mit Geld braucht. Eine individuelle Sicht, weil Geld sehr viel mit persönlichen Lebensentwürfen und Zielen zu tun hat. 

Eine Serie über Geld – die dritte Folge.

Ist Geld der zentrale Glücksfaktor für unser persönliches Wohlbefinden?

Melanie, die im ersten Teil unserer Serie vorgestellt wurde, ist jetzt schlauer. Erfahren Sie in dieser Folge, wie das St. Galler Modell der integrierten Geld-, Werte- und Wirtschaftsbildung ihr gezeigt hat, dass Finanzkompetenz kein Hexenwerk ist und wie alles mit Kommunikation zusammenhängt.

Es ist paradox: Geld, der vermeintlich wichtigste Glücksfaktor für unser persönliches Wohlbefinden, wird in unserer Gesellschaft kaum je offen besprochen. 2023 wurde in einer Studie der Universitäten von Pennsylvania und Princeton der Geld-Glück-Komplex genauer betrachtet – mit bemerkenswerten Resultaten:

Mehr Geld, so die Studie, bedeute meist auch mehr Happiness – aber nur bis zu einer bestimmten Grenze. Bis zu einem Gehalt von 100'000 Dollar jährlich steigere jeder zusätzliche Dollar das Glücksgefühl. Über diese magische Grenze hinaus hat mehr Gehalt praktisch keinen Einfluss auf das Glücksbefinden.

Weder in Familien noch in Schulen lehrt man den praktischen Umgang damit. Doch dieses Schweigen hinterlässt eine klaffende Lücke – eine Leere, die von fragwürdigen Einflüssen gefüllt wird, die in Unwissenheit und Verführung aufeinandertreffen. Was hier etwas überspitzt theatralisch formuliert wird, kann zu Dramen hinter verschlossenen Türen führen.

Die Illusion des Wissens

Hinter anonymen Statistiken steht das Echo unzähliger stiller Schicksale als Folge fehlender Finanzkompetenz.

Wir beobachten, dass über den praktischen Umgang mit Geld und den finanziellen Zusammenhängen im schulischen Umfeld und selbst im Elternhaus oft nicht ausreichend gesprochen wird. Diese Lücke führt dazu, dass viele Personen in Finanzfragen unsicher sind und sich bei der Verwaltung ihrer Gelder oft auf kommerzielle Akteure oder Internetquellen verlassen, was nicht immer zu nachhaltigen Entscheidungen führt.

Besonders junge Menschen sind unbeschwert im Umgang mit neuen Zahlungsmethoden, was nicht selten in erheblicher Überschuldung endet und sich negativ auf die Arbeitsleistung auswirken kann.

Impulsfrage: Warum ist der eine geizig und der andere eher grosszügig? Warum hat der Grosszügige trotzdem keine Geldsorgen, während der Sparsame finanziell eher auf der Stelle tritt?

Zeitenwende fordert gestärkte Finanzkompetenz

Das Institut für Geldkultur wurde gegründet, um diesem Defizit entgegenzuwirken, indem es einen unabhängigen Weg zur Stärkung der Finanzkompetenz bietet. Das zentrale Anliegen des Instituts liegt darin, Menschen zu befähigen, ihre Beziehung zum Geld zu verstehen und aus diesem Verständnis heraus bewusste, eigenverantwortliche Entscheidungen zu treffen.

In einer Zeit des ökonomischen Wandels erfährt auch der Umgang mit Geld und Wohlstand eine neue Bewertung. Er integriert weiche Faktoren wie Glück, Mitgefühl, Wertschätzung und Fairness. Da liegt es nur nahe: Wer ganzheitlichen Wohlstand aufbauen und nachhaltig Wohlergehen sichern möchte, muss auch ganzheitliche Fähigkeiten im Umgang mit Geld besitzen.

Drei Säulen für mehr Handlungskompetenz

Hierfür wurde das St. Galler Modell der integrierten Geld-, Werte- und Wirtschaftsbildung entwickelt, das sich auf mehrere entscheidende Kompetenzfelder konzentriert:

  • Emotionale Finanzkompetenz: Dieser Aspekt befasst sich mit den persönlichen Verhaltensmustern und Überzeugungen im Umgang mit Geld, die oft aus dem familiären Umfeld stammen. Das Erkennen dieser Prägungen ist der Schlüssel, um die individuelle Beziehung zu Geld aktiv und bewusst zu gestalten. Man sollte zuerst diese Beziehung verstehen, bevor man lernt, mit Geld umzugehen. Dies beinhaltet auch die Überwindung gängiger "Glaubenssätze" über Geld.
  • Werte: Werte bilden die grundlegenden Überzeugungen, die festlegen, was für uns wirklich wertvoll ist. Sie bilden die Basis für jede gedankliche und praktische Handlung und prägen sowohl die Persönlichkeit als auch den Charakter. Das bewusste Erkennen und Weiterentwickeln der eigenen Werte kann erhebliche innere Kraft und Motivation freisetzen.
  • Rationale Finanzkompetenz: Die Kompetenz umfasst das erlernte Wissen, das für die Planung und Organisation von Finanzen notwendig ist. Es ermöglicht eine kritische Auseinandersetzung mit komplexen Themen und bildet das Fundament, um ökonomische Regeln zu verstehen und anzuwenden. Zu diesem Bereich gehört auch praktisches Alltagswissen wie beispielsweise das Lesen einer Lohnabrechnung, das Verständnis von Sozialabgaben, Kontoauszügen sowie die Bedeutung von Raten- und Überziehungskrediten oder der Schufa.

Das Zusammenspiel dieser drei Säulen – emotionale Prägung, persönliche Werte und rationales Finanzwissen – ist entscheidend für den persönlichen Erkenntnisgewinn, der von der ersten Prägung über die Orientierung bis zur Zielfindung reicht.

Daraus kann sich eine bewusste, ganzheitliche und nachhaltige Handlungskompetenz entwickeln, die zu einem eigenverantwortlichen und finanziell selbstbestimmten Leben führt.

Aus integrierter Finanzkompetenz wird bewusste Handlungskompetenz

Basis für kluge Entscheidungen in der Praxis

Ein Beispiel für diesen Wandel ist Melanie aus dem ersten Teil unserer Serie. Als Auszubildende steht sie vor der Herausforderung, ihr erstes selbst verdientes Geld klug zu nutzen, während widersprüchliche Ratschläge sie verwirren und sie bereits Zahlungsmethoden wie "Buy Now, Pay Later" oder Kreditkarten für Reisen nutzt, die zu verzögerten Zahlungszielen führen.

Nach der Teilnahme an unseren Workshops hat sich Melanies Einstellung zu Geld grundlegend verändert. Sie versteht nun, dass es nicht nur um Finanzprodukte geht, sondern darum, was Wohlstand für sie ganz persönlich bedeutet und wie sie diesen Status erreicht. Sie fühlt sich nun wohler in ihrer Haut und plant ihre nächste Reise "geldintelligent" – beispielsweise durch Camping, um ihr Budget zu schonen.

Bewusstes Handeln

Jeder Einzelne kann durch Eigenverantwortung und dem eigenen Willen zu Selbstreflexion in erheblichem Masse persönliche und sogar gesellschaftliche Weichen stellen. Jeder muss sich im Klaren darüber sein, dass das eigene Geld- und Investitionsverhalten Auswirkungen auf das eigene Leben und auch auf die Gesellschaft hat. Und damit auch auf das Leben in dieser Gesellschaft – heute und morgen.

Das gilt im Umkehrschluss natürlich auch für das Wirken des Einzelnen im und für das Unternehmen, in dem er oder sie arbeitet. Zu dieser überraschenden Wechselwirkung erklären wir mehr im letzten Teil unserer Serie.

Eine Serie in vier Teilen über Finanzbildung

Ein guter Zeitpunkt, um über Geld zu reden. Finanzbildung macht nicht unbedingt die Brieftasche dicker, führt aber möglicherweise zu einem besseren Leben.

Teil 1: Jede Entscheidung, die wir im Leben treffen, hängt mit Geld zusammen

Teil 2: Alle kennen Geld. Aber die wenigsten können Geld.

Teil 3: Aus integrierter Finanzkompetenz wird bewusste Handlungskompetenz

Die Autorin: Sabine Krusch

Sabine Krusch, Gründerin des Instituts für Geldkultur

Sabine Krusch ist die Gründerin des Instituts für Geldkultur. Nach mehreren Stationen im genossenschaftlichen Bankwesen und einer deutschen Grossbank verantwortete die Finanzexpertin als Partnerin einer renommierten Münchner Vermögensberatung ein grosses Anlage-Portfolio.

2009 stieg sie aus der provisionsorientierten Vermögensberatung aus, um Ihre Kunden – überwiegend Unternehmer und Freiberufler – ausschliesslich auf Honorarbasis zu beraten und zu coachen. Parallel dazu entwickelte sie die ersten Geldworkshops für Jugendliche und für Frauen in Führungspositionen.

Mit der Gründung des Instituts für Geldkultur fokussierte sich Krusch im Sinne der Nachhaltigkeit ab 2013 ausschliesslich auf das Thema Finanzbildung in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Besonders wichtig ist ihr dabei die absolute Unabhängigkeit von Interessen Dritter.