Zahlen & Fakten

Digitalisierung: Wo besetzen FinTechs Banken-Terrain?

Bild: Andrew Rich | Getty Images

In einer aktuellen Analyse beleuchtet Oliver Wyman, welche FinTechs mit welchen Auswirkungen etablierten Banken das Terrain streitig machen.

FinTechs: Viel Lärm um nichts?

Diese rhetorische Frage stellt das Strategieunternehmen Oliver Wyman und analysiert die FinTech- und Bankenlandschaft.

Die aktuelle Analyse untersucht den Markt Deutschland, grundsätzliche Erkenntnisse und Empfehlungen lassen sich jedoch auch auf den Schweizer Markt übertragen.

Die Analyse ist aus zwei Gründen interessant: Zum einen ist FinTech nicht gleich FinTech – die Analysten gehen tiefer, segmentieren die Szene und unterteilen in sechs Archetypen von FinTechs. Daraus lässt sich klarer erkennen, welcher FinTech-Typ auf welche Weise in angestammten Banken-Revieren operiert.

Zum anderen bleibt die Analyse nicht bei blossen Zahlen und Fakten stehen, konkrete Empfehlungen für Banken werden mitgeliefert.

Grafik: Oliver Wyman | FinTech-Analyse – Viel Lärm um nichts?


FinTechs: Archetypen

Oliver Wyman segmentiert die FinTech-Szene in sechs geschäftsmodellspezifische Archetypen. Je nach Ausrichtung kann ein bestimmtes FinTech einer oder mehrerer dieser Kategorien angehören.

  • 1. Challenger / Neo Banks
    Zum Beispiel: N26, Revolut

    Charakteristik: Positionierung als Vollbank mit Girokonto als Kernprodukt plus Zusatzleistungen, Fokus auf Digital- oder Smartphone-Bank
     
  • 2. Aggregatoren / Allrounder Vergleichsmarktplätze
    Zum Beispiel: Check24, Verivox/Outbank, Treefin, Numbrs, Finanzblick

    Charakteristik: Operieren an der Kundenschnittstelle für eine breite Palette der klassischen Bankprodukte
     
  • 3. Produktspezifische Marktplätze / Vermittler
    Zum Beispiel: Zins-Marktplätze wie Weltsparen/Zinspilot, Baufinanzierungsvermittler wie Dr. Klein, Interhyp oder Versicherungsmakler

    Charakteristik: Besetzen die Kundenschnittstelle, Vergleichs- und Vermittlungsangebote mit Fokus auf eine spezifische Produktkategorie
     
  • 4. Produktspezialisten
    Zum Beispiel: Scalable Capital, Liqid, Vaamo oder Ginmon und P2P-Plattformen wie Auxmoney, aber auch reine White Label-Spezialisten wie Fincite/Elinvar

    Charakteristik: Fokus auf ein spezifisches Bankprodukt, das in unterschiedlicher Ausgestaltung direkt vertrieben oder als White Label-Lösung für Dritte angeboten wird
     
  • 5. Banking Services Anbieter
    Zum Beispiel: Ident-Verfahren, Kundenserviceprovider oder Konto-Wechselservices wie IDNow, Fino, Figo und Gini, ebenso Technologieanbieter wie Giromatch

    Charakteristik: Technologien und digitale Services für Banken, welche über Skalierung Kostenvorteile bieten
     
  • 6. Bankplattformen
    Zum Beispiel: Solaris Bank

    Charakteristik: Anbieter von Bankinfrastruktur und Prozessen, welche Dritten zur Verfügung gestellt werden

Die Definition und Beschreibung der sechs Archetypen im Detail ist in der Analyse von Oliver Wyman zu finden.

FinTechs versus Banken: Erträge im Privatkundengeschäft

Die Frage "Viel Lärm und nichts?" bezieht sich auf die Summe der direkten Erträge, welche durch FinTechs im Privatkundengeschäft 2017 realisiert worden sind: die Analysten von Oliver Wyman kommen auf ein Volumen von 800 bis 900 Millionen Euro. Im Vergleich zum verbleibenden Ertragspool im deutschen Privatkundengeschäft der Banken in Höhe von rund 53 Milliarden Euro, nimmt sich der Anteil der FinTechs mit knapp 2 Prozent noch sehr bescheiden aus. Indirekte Effekte wie Wettbewerb, Preis- und Margendruck (ausgelöst durch FinTechs) beeinflussen das Ertragspotenzial der Banken zusätzlich negativ, führen im Resultat jedoch auch dann noch nicht zu beängstigenden Zahlen.

Die Analysten gehen jedoch davon aus, dass diese Effekte noch deutlich steigen werden und warnen: Banken müssen aufpassen, dass die Angreifer nicht dauerhaft die Kundenschnittstelle besetzen, sie sollten ihre Investitions- und Kooperationspolitik überdenken.

Grafik: Oliver Wyman | FinTech-Analyse – Viel Lärm um nichts?

Wie wird die Kundenschnittstelle besetzt?

Aus der Zusammenstellung der FinTech-Archetypen lässt sich ableiten oder zumindest ein Stück weit prognostizieren, wer wo angreift und langfristig die Ertragsaussichten klassischer Banken negativ beeiflussen kann. 

Aus der Sicht von Oliver Wyman sind Marktplätze, Vergleichsportale und Aggregatoren am ehesten dazu geeignet, dauerhaft die Kundenschnittstelle zu besetzen und den Banken damit einen signifikanten Anteil der Marge streitig zu machen.

Noch nicht auf dem Radar: Big Techs

Noch nicht sichtbar auf dem Radar ist die Zukunft, die sich durch Technologie-Giganten wie Amazon, Apple, Facebook, Google und andere neu und anders präsentieren kann, als sie heute erscheint. Die Analysten von Oliver Wyman sehen aus dieser Ecke eine ebenso grosse Bedrohung anrollen. Zumal die Big Techs über alle notwendigen Ressourcen verfügen, um sukzessive ins klassische Geschäft der Banken einzusteigen. 

Je nach Aktivität und Geschäftsmodell können Auswirkungen auf die eine oder andere Weise spürbar werden. Möglich ist, dass der Run auf die Kundenschnittstelle durch hohe Kundenreichweiten und Interaktionsfrequenz dramatisch zunehmen kann.

Oliver Wyman sagt zum Thema:
 

Der Kampf um das Girokonto war gestern, der Kampf um die "Aggregatorenrolle“ beginnt jetzt

Empfehlungen für Banken: Stresstest für die Distributionsstrategie

Die Empfehlung der Analysten: Für Banken wird entscheidend sein, die Schnittstelle zum Kunden zu besetzen, um die Ertragseffekte durch die FinTechs auch in absehbarer Zeit im Zaum halten zu können.

Konkret empfiehlt Oliver Wyman klassischen Banken einen "Quick Check", der ihre Digitalisierungsstrategie einer kritischen und ganzheitlichen Überprüfung unterzieht. Dabei sollte bewertet werden, ob sich in der Summe der unterschiedlichen Aktivitäten ein echter Mehrwert für das Bankhaus ableiten lässt und finanzielle sowie Mitarbeiterressourcen effizient eingesetzt werden.

René Fischer, Partner und Retailbanking-Experte bei Oliver Wyman, ist überzeugt:
 

Das wird bei vielen zu einem Reboot ihrer Digitalisierungsvorhaben führen

Deshalb sollten Banken, so Oliver Wyman, ihre Distributionsstrategie einem "Stresstest“ unterziehen und strategische Optionen für solche Szenarien bewerten und proaktiv handeln.

Analyse und Empfehlungen zum Runterladen

Die Analyse von Oliver Wyman mit Details und Empfehlungen kann als PDF kostenlos runtergeladen werden, über den Link gleich unten.