Bitcoin

Der Bitcoin und die Normaltemperatur

Bild: Bliznetsov | Getty Images

Seit Wochen berichten Wirtschafts- und Publikumsmedien über den Bitcoin und versuchen ein Phänomen zu erklären, das (noch) gar nicht erklärt werden kann.

Wie der Bitcoin entstanden ist und wie er "funktioniert, ist hinlänglich bekannt. Was der Bitcoin irgendwann sein kann oder sein wird, dieses Geheimnis behält er im Moment noch für sich.

Was er heute zweifellos schon ist: ein Medienstar. Ein Phänomen, das keine Vergleiche kennt und deshalb für Medien Stoff liefert und für Anleger reizvoll ist. Alle Medien berichten über das Phänomen, eine schnell wachsende Zahl von Anlegern investiert in den Bitcoin.

Die Meinung der Experten

Volatilität und Entwicklung
Dass der Bitcoin innerhalb eines Jahres den Sprung von 1'000 auf rund 20'000 Dollar geschafft hat, lässt die einen mit Sicherheit voraussagen, dass die gewaltige Blase mit ebenso gewaltigem Getöse bald platzen wird.

Die Experten der Gegenfraktion beziehen aus genau derselben Entwicklung die Sicherheit, dass der Bitcoin den Aufstieg bis zur 100'000er-Marke schaffen kann.

Dezentral mit einem Hauch von Anarchie
Verdammen die einen den Bitcoin deshalb, weil er sich als "demokratische" Währung dem Einfluss von Zentralbanken, Währungshütern und Staaten entzieht, feiern die anderen aus genau denselben Gründen den Bitcoin als alternative Währung der Zukunft.

Geld oder Nicht-Geld?
Die einen behaupten: "Bitcoin ist kein Geld", mit der Begründung, dass Geld nach der gängigen Lehre "ein Tauschmittel, eine Recheneinheit und ein Wertaufbewahrungsmittel" sein muss – und sie sehen keines oder nicht alle dieser Kriterien erfüllt. Mit genau derselben "Beweisführung" erklären die anderen Bitcoin zu Geld, weil sie der Meinung sind: 100 Punkte für den Bitcoin bei allen Kriterien.

Hat der Bitcoin einen inhärenten Wert?
Mit denselben Begründungen, welche Experten heranziehen, um dem Bitcoin einen realen Gegenwert abzusprechen, "belegen" anderen Experten, dass auch Fiat-Geld oder Gold auch ohne inhärenten Wert existieren und letztlich nur vom Vertrauen leben. 

Die Liste der Aspekte und Expertenmeinungen kann beliebig erweitert werden, jeder Punkt endet mit demselben Ergebnis: schwarze oder weisse Betrachtung, interessanterweise als Pro oder Kontra oftmals mit ziemlich genau denselben Argumenten erklärt und untermauert. Führen dieselben Argumente zu völlig unterschiedlichen Schlüssen, hängt das möglicherweise damit zusammen, dass sich da Anhänger der alten und der neuen Ökonomie den Fehdehandschuh um die Ohren hauen. Das ist interessant, bringt jedoch weder Fakten noch Klärung.

Fazit: Experten bringen uns nicht weiter, weil es im Moment noch kein Expertenwissen gibt, lediglich Meinungen zu einem neuen Phänomen, das sich nicht an Erfahrungen der Vergangenheit messen lässt.

Das alles ist dem Bitcoin ziemlich egal

Der macht, was er will. Oder das, wohin er von gewinnbeseelten Anlegern getrieben wird. Er gebärdet sich volativ und auch launisch wie eine Diva, schafft locker Sprünge von 20 Prozent nach oben oder nach unten an einem einzigen Tag, bleibt in der Tendenz vorderhand der Richtung nach oben treu und kümmert sich nicht darum, ob er nun Geld, kein Geld, Währung, toxisches Konstrukt oder was auch immer sein soll.

Fazit: Der Bitcoin und Kryptowährungen generell sind erst dabei, ihren Platz zu suchen.

Welche Experten werden recht bekommen?

Die Chancen sind für alle intakt. Zumal es aktuell noch keine wirklichen Experten gibt. Um den Bitcoin oder Kryptowährungen als Experte erklären zu können, müsste das (vorläufige) Ende der Geschichte bekannt sein oder zumindest müssten Erfahrungswerte aus einem längeren Zeitraum vorliegen. Dafür ist das Phänomen aber noch zu neu, die Geschichte wird erst grad geschrieben und ein Ende ist noch nicht in Sicht.

Der Bitcoin kann in einer gewaltigen Blase platzen. Das wäre dann allerdings nicht sein Ende, eher ein neuer Anfang. Oder der Bitcoin kann sich irgendwann als alternative Währung oder als Zahlungsmittel breit etablieren. Oder er geht andere Wege, die jetzt eben noch niemand auf dem Radar hat, weil die Erfahrungen fehlen.

Fazit: Die engagierten Debatten und das teilweise heftige Pro-und-Kontra-Experten-Gezänke um den Bitcoin drehen sich im Kern um ein Phänomen, das keine Vergleiche kennt. Mit der Erfahrung der Vergangenheit ist einer möglichen Währung der Zukunft im Moment nicht beizukommen. Deshalb haben Prognosen einen gewissen Informations- und auch Unterhaltungswert, viel mehr nicht.

Die neuen Mitspieler

Ist der Bitcoin von Staaten, Banken oder anderen etablierten Institutionen lange argwöhnisch beäugt worden, spielt ein Teil derselben Player aktuell bereits mit. Die einen mit Gedanken, zum Beispiel daran, wie sich denn eine staatliche Kryptowährung machen könnte. Andere mit Instrumenten und Futures, welche neue Investoren anziehen und zusätzliche Bewegung in den Markt bringen.

Fazit: Jeder neue Mitspieler verleiht dem Bitcoin zusätzliche Kraft. Oder sogar eine Art von gefühlter "Solidität" über die Anerkennung. Der Bitcoin ist momentan alles andere als solide, denken jedoch Staaten und Zentralbanken über Kryptowährungen nach oder werden Banken zu Anbietern, stärkt das die Position des Bitcoin.

Die Frage der Normaltemperatur

Schafft es der Bitcoin, irgendwann mit Normaltemperatur zu laufen, dann hat er's geschafft. Was genau und wie genau, mag noch unklar sein. Aber verläuft die Kursentwicklung des Bitcoin in ruhigeren Bahnen, taugt er als Zahlungsmittel, weil Anbieter wie Lightning Network bei Transaktionen für das notwendige Tempo sorgen, interessiert er breite Zielgruppen als praktisches Zahlungs- oder Wertaufbewahrungsmittel, dann kann der Bitcoin möglicherweise zur alternativen Währung auf Dauer werden.

Überlebt der Bitcoin den Irrsinn der Pupertät?

Das kann niemand mit Sicherheit vorhersagen. Der Bitcoin und andere Kryptowährungen sprinten im Moment auf der Teststrecke. Jeder Hype lebt von Übertreibungen, übersteigerten Hoffnungen und ebenso übersteigerten Ängsten. Der Bitcoin bewegt sich aktuell und wahrscheinlich noch eine Weile in der Experimentalphase. So erwachsen wie ein Dollar oder ein Schweizer Franken muss er nicht werden, überlebt er jedoch den Irrsinn der Pupertät, könnten sich interessante Perspektiven eröffnen. Deshalb darf man die aktuelle Phase mit Neugier, Interesse und auch mit etwas Gelassenheit verfolgen. 

Das Experiment lohnt sich. Nur schon deshalb, weil ein Sieger bereits heute feststeht, der aus dem Bitcoin-Umfeld entstanden ist: die Blockchain-Technologie. Auf dem Podest ist noch Platz, gut möglich, dass bei Erreichen der Normaltemperatur weitere Sieger das Experimental-Labor verlassen werden.