Digitale Schweiz

Christina Kehl zur Zukunft der digitalen Schweiz

Christina Kehl

In unserer Serie richten wir den Scheinwerfer auf die digitalen Macherinnen und Macher der Schweiz – heute auf Christina Kehl.


Wer bist du und was muss ein junger Digital Native, der noch am Anfang seiner Berufskarriere steht, über dich, deine Organisation und ihre digitalen Initiativen wissen? 

Ich weiss nicht, ob man etwas über über mich wissen muss. Aber wen interessiert, was mir wichtig ist oder was mich ausmacht, dem würde ich antworten: Gerade diese eben angesprochene "Berufskarriere" war für mich nie im Fokus oder Motivation. Mir geht es um Inhalte, um Themen und darum, etwas zu bewegen. Ich bin mit Herzblut Unternehmerin und wenn ich etwas für wichtig halte, dann mache ich es eben. Schicke Bezeichnungen auf der Visitenkarte oder der lückenlose Lebenslauf haben mich nie interessiert.

Dies begann zunächst mit FinTech/InsurTech und ganz konkreten Lösungen. Versicherungen und deren Handling fand ich nicht mehr zeitgemäss. Also haben wir ein Tool auf den Weg gebracht, das digital und intuitiv in die heutige Zeit passt.

Im Laufe meines Unternehmerinnenlebens habe ich dann ein immer besseres Gefühl für das Big Picture bekommen. Zum Beispiel, dass Startups und insbesondere FinTechs eine eigene Stimme brauchen. So haben wir die Interessenvertretung Swiss Finance Startups gegründet und uns heute damit ein besseres Standing auf dem Finanzplatz erarbeitet.

Durch meine politische Arbeit im digitalen Beirat oder bei meinem Beratungsunternehmen Pixpolitico rücken verstärkt gesamtgesellschaftliche Themen in den Fokus. Die Digitale Transformation ist nicht isoliert zu betrachten, sondern muss mit allen Bereichen der Gesellschaft verknüpft werden – Bildung, Nachhaltigkeit, the Future of Work sind hier nur einige der Themen, mit denen ich mich aktuell beschäftige.

Mit welchem digitalen Macher möchtest du dich gerne einmal bei einem Kaffee austauschen, weil er für dich ein spannendes Rollenmodell oder gar Vorbild verkörpert? 

Ich würde ihn nicht als Role Model für mich bezeichnen, auch ist er kein digitaler Macher im eigentlichen Sinne, aber ich fände einen Austausch mit dem Autor Rutger Bergman (Utopia for Realists) sehr spannend. Er greift wichtige gesellschaftspolitische Themen unserer Zeit auf und beleuchtet sie unter anderem historisch sowie im digitalen Kontext. Sein Buch hat mich sehr inspiriert.

Was können Wirtschaft, Politik, Gesellschaft, Bildung und wir alle tun, damit es in Zukunft Google, Salesforce und Facebook aus der Schweiz gibt? 

Ich würde die Frage umformulieren: Was kann die Schweizer Politik tun, damit die (digitale) Wertschöpfung von Google, Salesforce, Facebook und Co. in der Schweiz bleibt? Daten sind die Ressource des 21. Jahrhunderts und derzeit schöpfen wenige Grosskonzerne diese Ressource ungebremst international ab.

Die Schweizer Politik sollte dafür sorgen, dass die Wertschöpfung, die hierzulande betrieben, hier im Land bleibt. Dafür sind die Eigentumsrechte von Daten neu zu klären. Im Idealfall in Zusammenarbeit mit der EU, denn bei Nutzerzahlen, die bereits in die Milliarden gehen, kann Data Ownership nur in grösseren Zusammenschlüssen durchgesetzt werden.

Was würde dein Teenager-Ich heute zu dir sagen und was würdest du deinem 15-jährigen Ich mit auf den Weg geben wollen für seine Zukunft? 

Rückblickend waren alle meine Erfahrungen als Ganzes wichtig – auch die schwierigen und die Fehlschläge. Daher würde ich gar nicht so viele Ratschläge erteilen wollen und einfach sagen: Geh Deinen eigenen Weg. Du machst das schon!

Und ich denke, mein Teenager-Ich wäre ganz happy mit mir. Ich lebe im schönsten Land der Welt, kann mich beruflich voll ausleben und schaffe es dennoch, mir Zeit zu nehmen für mich, meine Familie und meine Bergtouren.

Welchen Stellenwert haben Anlässe wie der Digital Economy Award für die Förderung einer starken digitalen Innovationskultur in der Schweiz? 

Die Schweiz kann im Grunde auf eine lange Tradition der Innovationskultur zurückblicken, dies hat nicht erst mit der Digitalisierung begonnen. Wichtig und richtig ist es, diese Kultur eben auch ins Digitale zu übertragen. Der Digital Economy Award bietet eine gute Plattform für innovative Firmen und ihre digitalen Projekte.

Die Interviewpartnerin: Christina Kehl

Christina Kehl ist eine der führenden Schweizer Unternehmerinnen im Digitalbereich und Vordenkerin der Digitalen Transformation. Sie ist Initiatorin, Mitgründerin und Partnerin bei Pixpolitico – einer digitalen Strategieberatung für Institutionen in Zürich.

Zudem ist Christina Vorstandsmitglied und Geschäftsführerin von Swiss Finance Startups, dem von ihr mitgegründeten Verband für FinTech Startups in der Schweiz. Seit 2017 leitet sie den Studiengang CAS Digital Insurance an der Hochschule für Wirtschaft in Zürich und ist jüngstes Mitglied im Beirat für Digitale Transformation des Schweizer Bundesrates von WBF und UVEK.

Aktuell ist Christina beim Digital Economy Award in der Jury der Kategorie "The Next Global Hot Thing" engagiert.

Christina studierte Rechtswissenschaften in Würzburg, Helsinki und Oxford. Ihr erstes Unternehmen gründete sie im Alter von 19 Jahren und war danach beim Aufbau verschiedener Startups in Berlin und London engagiert, bevor sie 2013 nach Zürich kam. Mit ihrer Arbeit und durch ihre Mandate möchte Christina die (digitale) Welt ein bisschen besser, fairer und lebenswerter machen.