Challenger-Banken

Wird Tinkoff-Manager Artem Yamanov Revolut-Gründer Nikolay Storonsky "in den Hintern treten"?

Zwei Manager rennen eine Treppe hinauf
Bild: golero | Getty Images

Ob der Tritt gesetzt wird oder nicht, Revolut und N26 bekommen in Europa Konkurrenz, welche für zusätzliche Bewegung sorgen wird.

Das russische FinTech und die Neo-Bank Tinkoff fliegt selbst für Branchenkenner westlich von Moskau oftmals unter dem Radar. Das könnte sich bald ändern. Die Holding hinter Tinkoff (TCS Group Holding PLC) hat am 6. Februar 2020 ihre Pläne kommuniziert, ein "neues FinTech-Projekt" in Europa lancieren zu wollen.

Die publizierte Meldung lässt darauf schliessen, dass die Holding plant, die Rezeptur und den Erfolg von Tinkoff in Russland in neuer Verpackung in Europa zu wiederholen. Das FinTech soll "eine Reihe von Dienstleistungen" für Retailkunden in Westeuropa (ohne GUS) anbieten, einzig auf Kredite will das Startup vorderhand verzichten. Der Start des Projekts ist noch im laufenden Jahr geplant.

Alles in allem sind die kommunizierten Pläne in der Medienmitteilung noch eher vage formuliert, eine gewisse Brisanz bekommt die Ankündigung durch die Konkretisierung der personellen Besetzung.

Das erfolgsverwöhnte Team eines FinTechs, das Westeuropa erobern will

Die von der Tinkoff-Presseabteilung publizierte Meldung markiert mit einem personellen Hinweis den Willen zum Erfolg. Die Passage im Original-Wortlaut:

"Um sich auf das neue Projekt zu konzentrieren, werden Artem Yamanov, Senior Vice President und Business Development Director der Tinkoff-Bank, und Alexander Emeshev, Vice President für die Entwicklung neuer Produkte der Tinkoff-Bank, die Aktivitäten in ihren derzeitigen Funktionen bei der Tinkoff-Bank abbauen. Beide sind Gründer des neuen Unternehmens und werden Co-Investoren sein."

Artem Yamanov, Tinkoff-Bank
Alexander Emeshev, Tinkoff-Bank

In diesem Hinweis liegt insofern eine gewisse Brisanz, als Tinkoff-Gründer Oleg Tinkov damit auf das Duo verzichtet, das die Neo-Bank und vor allem das Ökosystem des FinTechs in Russland gross gemacht hat. Was "gross" meint, ist im Kurzportrait der Tinkoff-Bank unten zusammengefasst.

Oleg Tinkov legt auch gleich eine Fährte, wen der Tinkoff-Ableger in Westeuropa im Visier haben könnte. Nach Recherchen unserer Kollegen von Finance Forward geht Tinkov davon aus, dass sein "mit Abstand talentiertester Manager, Artem Yamanov, Revolut-Gründer Nikolay Storonsky "in den Hintern treten" wird.

Niklas Wirminghaus von Finance Forward hat bei Chris Weafer, dem ehemaligen Chefstrategen der russischen Sberbank, nachgefragt, was vom Europa-Projekt der beiden Gründer zu halten ist. Weafer hält die Tinkoff-Bank und ihre Macher für "ausserordentlich innovativ" und sagt:

Das ist ein direkter Angriff auf Revolut und N26 – sie werden mit einer Aggressivität auf den Markt kommen, die Revolut und N26 so noch nicht kennen

Diese Prognose ist insofern bemerkenswert, als N26 und vor allem Revolut in Strategie, Expansion und Wachstum nicht durch Zurückhaltung auffallen und selbst mit sichtbarer Aggressivität unterwegs sind. Auf die mögliche Neudefinition des Begriffs darf man gespannt sein. 

Die Tinkoff-Bank und ihr Ökosystem

Tinkoff als mehrfach international ausgezeichnete Online-Bank bezeichnet sich selbst weniger als Bank, vielmehr als kundenzentriertes Ökosystem, das sämtliche Bedürfnisse seiner Kunden abdeckt. Zu den Kunden gehören Konsumenten und Businessanwender.

Im Bereich der Finanzdienstleistungen ist Tinkoff vergleichbar mit N26 und Revolut, geht jedoch innerhalb des Ökosystems sehr viel weiter. Deshalb positioniert sich Tinkoff als Lifestyle App mit Fokus auf Lifestyle Banking und mit zusätzlichen Lifestyle Services in nahezu allen wichtigen Lebensbereichen.

Nach eigenen Angaben betreut die 2006 gegründete Tinkoff-Bank heute über 10 Millionen Kunden, hat 13'000 Mitarbeiter an Bord, 70 Prozent davon sind IT-Spezialisten. Mit diesem hohen Anteil legt Tinkoff eine Fährte auf die wirklich zentralen Faktoren, an denen ein App gemessen wird: Komfort, Einfachheit, Vielseitigkeit, Flexibilität, grosser Funktionsumfang innerhalb von Systemen und Umgebungen, die zuverlässig funktionieren.

Die Holding ist seit 2013 an der Londoner Börse gelistet, ist mit einem Marktanteil von 13,2 Prozent die zweitgrösste Kartenherausgeberin in Russland und bezeichnet sich selbst als eine der profitabelsten Banken der Welt, Return on Equity 2019: 59 Prozent. Weitere Details und Kennziffern zur Tinkoff-Bank gibt's hier

Das Video wirkte schon bei seiner Entstehung 2018 "etwas aus der Zeit gefallen", es zeigt aber auch heute noch, was Tinkoff unter Ökosystem versteht.