Künstliche Intelligenz & Wirtschaft

Souveräne KI: Warum Rechenleistung zur Staatsräson wird

Das Bild symbolisiert die Verbindung von Staat, KI und Rechenleistung
Quelle: KI

Staaten geben die Kontrolle über zentrale Bereiche nicht aus der Hand: Verteidigung, Energieversorgung, kritische Kommunikationsnetze – neu auch KI-Rechenleistung.

Was man im eigenen Haus hat, erhöht die Sicherheit und vor allem auch die Unabhängigkeit. Das gilt auch für Staaten im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz, KI-Modellen und Rechenleistung. Die Sicht von BIT Capital-Geschäftsführer und Co-CIO Marcel Oldenkott mit Fokus auf Wirtschaft, Branchen und Börsen. 


Künstliche Intelligenz entwickelt sich zur strategischen Infrastruktur, und Staaten werden zu den wichtigsten Investoren. Weltweit fliessen Milliarden in Rechenzentren, Chips, Energieversorgung und eigene KI-Modelle, um technologische Abhängigkeiten zu verringern und digitale Souveränität zu sichern.

Für Anleger markiert dieser Wandel eine neue Phase des KI-Zyklus: Die Nachfrage nach KI-Infrastruktur wird breiter, langfristiger und weniger konjunkturabhängig. Davon könnten Unternehmen entlang der gesamten Infrastrukturkette profitieren, weit über die bekannten KI-Chip-Hersteller hinaus.

Compute wird zur strategischen Ressource

Es gibt nur wenige Bereiche, deren Kontrolle Staaten nicht aus der Hand geben: Verteidigung, Energieversorgung oder kritische Kommunikationsnetze. Zunehmend gehört auch KI-Rechenleistung, sogenannter Compute, dazu. Während Künstliche Intelligenz vor wenigen Jahren noch als Innovation einzelner Technologiekonzerne galt, wird sie heute als strategischer Standortfaktor verstanden. Wer über ausreichende Rechenkapazitäten verfügt, kann nicht nur leistungsfähige KI-Modelle entwickeln, sondern stärkt zugleich seine wirtschaftliche Wettbewerbsfähigkeit und geopolitische Handlungsfähigkeit.

Diese Entwicklung verändert die Dynamik des globalen KI-Marktes grundlegend. Rechenzentren, Hochleistungschips und Dateninfrastruktur werden zu nationalen Schlüsselressourcen, deren Verfügbarkeit zunehmend über wirtschaftlichen Erfolg entscheidet.

Staaten werden zum neuen Käuferblock

Mit dieser Entwicklung verändert sich auch die Nachfrageseite des KI-Marktes. Neben Hyperscalern und grossen Technologieunternehmen treten immer häufiger Regierungen und Staatsfonds als Investoren auf. Sie finanzieren den Aufbau eigener Rechenzentren, investieren in nationale KI-Modelle und sichern sich den Zugang zu modernster Hardware.

Der entscheidende Unterschied liegt in der Motivation. Unternehmen investieren in der Regel dann, wenn sich Ausgaben durch Produktivitätsgewinne oder neue Umsätze rechnen. Staaten verfolgen dagegen langfristige sicherheits- und industriepolitische Ziele. Im Mittelpunkt steht die technologische Unabhängigkeit – nicht die kurzfristige Kapitalrendite. Dadurch entsteht eine strukturelle Nachfrage, die deutlich weniger anfällig für konjunkturelle Schwankungen ist.

Der globale Wettlauf um KI-Infrastruktur

Der Wettbewerb um Künstliche Intelligenz beschränkt sich längst nicht mehr auf bessere Sprachmodelle. Vielmehr entsteht ein globales Rennen um die zugrunde liegende Infrastruktur. Rechenzentren, Hochleistungschips, Energieversorgung und Datenhoheit werden zu den entscheidenden Faktoren im Wettbewerb der Volkswirtschaften.

Die USA investieren massiv in neue Compute-Kapazitäten und sichern ihre technologische Führungsrolle durch industriepolitische Massnahmen. China baut konsequent einen weitgehend unabhängigen KI-Stack aus Chips, Modellen und Cloud-Infrastruktur auf. Staaten im Nahen Osten investieren mit Milliardenbeträgen in Rechenzentren und Partnerschaften mit führenden Technologieunternehmen. Europa verfolgt ambitionierte Pläne, steht jedoch weiterhin vor der Herausforderung, eigene Schlüsseltechnologien aufzubauen.

Gemeinsam ist allen Strategien das Ziel, technologische Abhängigkeiten zu reduzieren und den Zugang zu kritischer KI-Infrastruktur langfristig zu sichern.

Ein robusterer Investitionszyklus

Für die Kapitalmärkte ist diese Entwicklung von besonderer Bedeutung. Bislang wurde vielfach diskutiert, ob die Investitionsdynamik im KI-Sektor nachlassen könnte, sobald Unternehmen ihre Renditeziele nicht mehr erreichen. Die wachsende staatliche Nachfrage verändert diese Perspektive.

Investitionen in KI-Infrastruktur orientieren sich zunehmend an langfristigen nationalen Interessen und weniger an kurzfristigen Gewinnüberlegungen. Das macht den Ausbau von Compute-Kapazitäten struktureller und widerstandsfähiger. Der KI-Investitionszyklus erhält damit eine zusätzliche Stabilitätskomponente, die über klassische Wirtschaftszyklen hinausreichen könnte.

Die Profiteure reichen weit über Chip-Hersteller hinaus

Mit dem Wandel hin zu souveräner KI erweitert sich auch der Kreis potenzieller Gewinner. Während bisher vor allem Hersteller von KI-Halbleitern im Mittelpunkt standen, profitieren künftig zahlreiche Unternehmen entlang der gesamten Infrastrukturkette.

Dazu gehören Betreiber und Ausrüster von Rechenzentren, Anbieter von Netzwerktechnik, Spezialisten für Kühl- und Gebäudetechnik, Stromnetzbetreiber sowie Unternehmen aus der Energieversorgung. Denn leistungsfähige KI benötigt nicht nur Chips, sondern vor allem ausreichend Energie, moderne Infrastruktur und skalierbare Rechenkapazitäten.

Warum sich der Blick auf die KI-Wertschöpfungskette lohnt

Für Anleger spricht vieles dafür, den KI-Boom künftig nicht mehr ausschliesslich über einzelne Technologieunternehmen zu betrachten. Der Aufbau souveräner KI-Infrastrukturen schafft eine zusätzliche, langfristig orientierte Nachfrage, die von staatlichen Investitionsprogrammen getragen wird und damit weniger von kurzfristigen Unternehmensbudgets abhängt. Gleichzeitig erweitert sich der Kreis potenzieller Profiteure deutlich: Neben Halbleiterherstellern profitieren Betreiber und Ausrüster von Rechenzentren, Anbieter von Netzwerktechnik, Spezialisten für Kühlung und Energieversorgung sowie weitere Unternehmen entlang der gesamten Infrastrukturkette.

Wer die nächste Phase des KI-Ausbaus verstehen will, sollte deshalb den Blick über die bekannten KI-Gewinner hinaus richten. Denn je stärker Staaten in den Aufbau eigener KI-Kapazitäten investieren, desto wichtiger werden diejenigen Unternehmen, die die notwendige Infrastruktur bereitstellen. Genau dort könnte in den kommenden Jahren ein erheblicher Teil der strukturellen Wertschöpfung entstehen.