Die Schweiz ist diesen Sommer erstmals ein Land mit mehr Ü65 als U20 geworden, und fast niemand hat es kommentiert. Ist das eine Katastrophe? Für die eiligen Leser hier die Antwort in Kurzform:
Es kommt darauf an.
Für alle anderen folgen ein paar tiefergehende Gedanken zu einem der potenziell grössten unerschlossenen Märkte, der sich gerade auftut. Aktuell wird er von den meisten Akteuren eher halbbatzig bearbeitet mit Produkten aus dem letzten Jahrhundert und einem Altersbild aus dem vorletzten.
Die kursierenden Zahlen halten einer genauen Prüfung nur teilweise stand, die Demografie darunter aber schon. Und ausgerechnet die KI, die viele als Jobkiller fürchten, ist für die Generation 55 plus mitunter einer der besten Verbündeten seit Langem.
Die Meldung, die niemand gefeiert hat
Im April meldete das Bundesamt für Statistik eine Wachablösung. Sie lief knapp zwei Tage durch die Medien und verschwand dann im Archiv. Einleuchtend – der Böögg brannte ja tatsächlich nur sehr kurz auf dem Sechseläutenplatz in derselben Woche. Da waren solche unangenehmen Wahrheiten ein Medienthema mit viel weniger Klicks.
Die definitiven Ergebnisse vom 20. August bestätigen nun aber fundiert: in der Schweiz leben erstmals mehr Menschen über 65 als unter 20. 1'810'600 zu 1'804'500.
6’000 Menschen – eine Rundungsdifferenz: und trotzdem ein Regimewechsel. Denn dieser Abstand wird nie wieder kleiner. Demografie ist die einzige Grösse im ganzen Wirtschaftssystem, die praktisch nicht überraschen kann: Wer 2055 in Rente geht, ist heute längst geboren. Bis dahin wächst die Gruppe der über 65-Jährigen auf knapp 2.7 Millionen, gut ein Viertel der Bevölkerung. Der Altersquotient – Menschen über 64 je hundert Erwerbsfähige – klettert von heute 32.8 auf rund 45. Im Szenario einer verstärkten Alterung auf über 52.
Wir wissen das seit dreissig Jahren. Und haben trotzdem eine Wirtschaft gebaut, die so tut, als wäre es anders.
Was ich meine, wenn ich Longevity Economy sage
Vorab, damit wir uns nicht missverstehen: Ich rede weder von Nahrungsergänzungsmitteln noch von Kliniken mit Marmorfoyer und Infrarot-Bestrahlung neben der Kryokammer im Untergeschoss. Supplements und Voodoo mögen ihre Anhänger haben, im für mich relevanten Kontext interessiert das jedoch weniger.
Ich rede von der Wirtschaft eines Lebens, das nicht mehr in drei Blöcke zerfällt. Das Gottlieb Duttweiler Institut hat es schon 2015 in seiner gemeinsam mit der Swiss Life publizierten Studie "Digital Ageing" pointiert formuliert: "Die klassische Dreiteilung des Lebens in Ausbildung, Beruf und Ruhestand, mit teurer Uhr als Dankeschön für vier Jahrzehnte Einsatz im Betrieb, gehört definitiv der Vergangenheit an." Elf Jahre später sind die Zahlen eingetroffen. Die Angebote der (Finanz-)Wirtschaft grösstenteils bisher noch nicht.
Longevity Economy ist deshalb keine Branche, sondern eine Querschnittsverschiebung. Sie trifft die Passivseite der Bilanzen, weil Verpflichtungen länger laufen als kalkuliert. Die Aktivseite, weil Präzisionsmedizin, Biotech, Wohnen und Prävention von derselben Demografie leben. Die Nachfrageseite, weil die kaufkräftigste Kohorte der Geschichte anderes will, als ihr angeboten wird. Und die Arbeitsseite, weil Erwerbsbiografien sich verzweigen, statt mit 65 zu enden.
Kurzer Zwischenhalt: die 70-Billionen-Frage
Wer sich heute zum Thema informiert, landet innert Minuten bei einem Video, das "70 Billionen Dollar bis 2030" verspricht. Ich habe nachgerechnet. Das Ergebnis ist lehrreich – in beide Richtungen.
Die belastbare Quelle dahinter ist der Global Longevity Economy Outlook von AARP und Economist Impact, eine Auswertung über 76 Volkswirtschaften. Sie nennt für 2030 nicht 70, sondern 65 Billionen Dollar. 2020 waren es 45, bis 2050 sollen es 118 werden. Und sie misst etwas ganz anderes als einen Markt: den Beitrag der über 50-Jährigen zur globalen Wirtschaftsleistung. 2020 waren das 34 Prozent des Welt-BIP, 2030 rund 36, 2050 rund 39. Dahinter standen 2020 über eine Milliarde Arbeitsplätze.
Das ist also keine Marktgrösse, die man erobern kann. Es ist der Hinweis, dass die Wirtschaft der über 50-Jährigen kein Segment ist, sondern gut ein Drittel von allem.
Dasselbe Video nennt drei Firmen als Speerspitze der Longevity-Forschung. Schauen wir hin:
Altos Labs startete mit drei Milliarden Dollar, unter anderem von Jeff Bezos, und testete 2024 Reprogrammierung an entnommenen Organen – beeindruckende Wissenschaft, kein Produkt.
Unity Biotechnology verfehlte im Frühjahr 2025 mit seinem Hauptwirkstoff den primären Endpunkt, entliess faktisch die gesamte Belegschaft und prüft seither strategische Alternativen bis hin zur Liquidation.
Voyager Therapeutics entwickelt Gentherapien gegen Alzheimer – ein ernstzunehmendes Unternehmen, das mit Longevity im engeren Sinn wenig zu tun hat.
Zugelassen ist bis heute kein einziges Medikament gegen das Altern. Der erste Kandidat steckt in Phase 1.
Warum ich das so ausführlich erörtere? Weil die Longevity Economy als Thema ungefähr dort steht, wo Blockchain 2017 stand: grosse Zahlen, schöne Namen, dünne Anwendungen. Wer daraus ein Geschäft bauen will, muss die Zahlen auseinandernehmen können. Der Unterschied zu 2017 ist allerdings entscheidend: die Demografie unter dieser Story ist echt und terminiert. Der Markt kommt. Nur eben nicht als Pille.
Dr. Tobias Reichmuth, Helvetiens Longevity-Investor der ersten Stunde, hat es an einem Panel in drei Worten gesagt: Health is the new wealth. Ich ergänze: und Wealth braucht endlich Produkte für Health.
Longevity Economy steht als Thema ungefähr dort, wo Blockchain 2017 stand: grosse Zahlen, schöne Namen, dünne Anwendungen
Pole Position – mit angezogener Handbremse
Die Schweiz hätte für diese Verschiebung einen fast schon unfairen Vorteil als Ausgangslage. Präzisionsmedizin von Weltrang. Eine der höchsten Lebenserwartungen überhaupt. Ein kapitalgedecktes Vorsorgesystem mit über 1'220 Milliarden Franken, das die meisten Länder schlicht nicht haben. Und eine Vermögensverwaltung, die in Generationen statt in Quartalen denkt.
Und dann stolpern wir über die eigenen Füsse. Drei Beispiele:
Erstens. Die Erwerbstätigenquote der 65- bis 69-Jährigen liegt bei rund 23 Prozent und stagniert seit 2016 – während sie bei den Nachbarn und im OECD-Schnitt weiter steigt. 180'000 bis 200'000 Menschen arbeiten hierzulande über das Referenzalter hinaus, rund die Hälfte davon selbständig oder im Familienbetrieb. Übersetzt: Wer nach 65 weiterarbeiten will, muss es sich in aller Regel selbst organisieren. Als Arbeitgeberleistung ist das ungefähr so attraktiv wie eine Faxnummer als einzige Kontaktmöglichkeit auf der Website.
Zweitens, und das ist der Befund, der uns als Gesellschaft zu denken geben muss: 70 Prozent der Erwerbstätigen über 65 arbeiten aus Freude an der Sache. Aber 71 Prozent der Bevölkerung glauben, wer im Alter arbeite, tue das aus finanzieller Not. Tatsächlich nennt nur etwa ein Drittel finanzielle Gründe. Wir haben ein kollektives Bild vom arbeitenden Rentner, das mit der Realität wenig zu tun hat – und dieses Bild prägt Personalpolitik, Produktentwicklung und Gesetzgebung gleichermassen.
Drittens. 2023 bezogen erstmals mehr Neupensionierte Kapital als Rente: 41 zu 40 Prozent. Ein Jahr später steht es 45 zu 36. Damit ist das Langlebigkeitsrisiko von der Bilanz der Pensionskasse auf das Konto der einzelnen Person gewandert. Die Frage "Wie lange reicht mein Geld?" ist vom Sonderfall zum Massenphänomen geworden. Ein systematisches und preiswertes Beratungsangebot dafür? In den meisten Häusern Fehlanzeige.
Die laufende Vernehmlassung zur AHV 2030 diskutiert derweil vor allem die Einnahmenseite. Legitim, notwendig – aber nicht nur aufgrund der schwierig zu vereinenden Links-Rechts-Standpunkte nicht ausreichend. Ein Umlagesystem kennt genau drei Hebel: mehr Beiträge, längeres Arbeiten, tiefere Renten. Alles andere ist Kommunikation.
Das teuerste Missverständnis: unser Altersbild
Hier liegt für mich der Kern. Unser Problem ist nicht in erster Linie die Demografie. Es ist das Bild, das wir uns vom Alter machen, lange bevor wir dort ankommen.
Die GDI-Studie mit über tausend Personen zwischen 20 und 80 zeigt ein verblüffendes Muster: Die Jüngeren haben ein konservativeres Altersbild als die Pensionierten selbst. Über 60-Jährige gewichten Weiterbildung höher als Reisen. Das Eigenheim, für Jüngere der Inbegriff des Alterswohlstands, verliert bei den Betroffenen massiv an Bedeutung – viele wollen lieber zentral wohnen, ohne Auto, mitten im Leben. Und beim eigenen Gesundheitszustand sind die Jungen systematisch pessimistischer als die Realität es hergibt.
Das kostet Geld. Wer heute Angebote für die Generation 55 plus entwickelt, ist im Schnitt selbst zwischen 35 und 50 – und plant für ein Alter, das es so nicht mehr gibt. So entstehen Notrufuhren, Seniorenhandys und Vorsorgeprodukte, die technisch tadellos sind und trotzdem gemieden werden, weil sie ihre Nutzer stigmatisieren. Senioren-Branding kostet Marge. Immer.
Und dann kommt der zweite Denkfehler. Die Ü55 sind keine homogene Zielgruppe. Das GDI hat vier Idealtypen beschrieben, aufgespannt zwischen zwei Achsen: Will jemand im Alter noch wachsen oder eher bewahren – und nutzt er dafür Technologie oder nicht? Der Rebel Ager will nochmals gründen. Der Predictive Ager misst seine Biomarker. Der Ageless Ager investiert in Enhancement. Der Conservative Ager will seine Ruhe und einen Menschen am Telefon. Gleich alt, ähnlich vermögend, komplett verschiedenes Kaufverhalten.
Eine Segmentierung nach Geburtsjahr ist bei dieser Kundschaft die schlechteste aller Optionen. Und genau das machen leider fast alle.
Healthspan ist die neue Währung
Eine Zahl verdient mehr Aufmerksamkeit, als sie bekommt: Zwischen Lebenserwartung und gesunder Lebenserwartung, neudeutsch "Healthspan" klafft global eine Lücke von 10.7 Jahren. 1990 waren es 8.8. In den Hocheinkommens-Ländern sind es 12.7. Wir verlängern das Leben derzeit schneller als die Gesundheit.
Lebenserwartung ist eine Rentenfrage. Gesunde Lebenserwartung ist eine Kosten- und zugleich eine Ertragsfrage. Jedes Jahr, das die Medizin von der Krankheits- in die Gesundheitsphase verschiebt, entlastet Sozialwerke, verlängert Erwerbsfähigkeit und schafft Konsum. Das ist die eigentliche Investmentthese hinter der Longevity-Forschung – und um Klassen seriöser als jedes Versprechen auf Unsterblichkeit.
KI: der unterschätzte Verbündete
Jetzt zum Elefanten im Raum. Die öffentliche Debatte verknüpft KI und Longevity fast nur über eine Frage: Wer zahlt die Rechnung, wenn Maschinen die Arbeit machen, aber nur Menschen Sozialbeiträge zahlen? Berechtigt – nur eben nicht die ganze Geschichte.
Die beste Datengrundlage kommt vom Stanford Digital Economy Lab, das Lohndaten von Millionen US-Beschäftigten bis Juni 2026 ausgewertet hat. Einen flächendeckenden Stellenabbau gibt es ausdrücklich nicht. Aber: Die Beschäftigung der 22- bis 25-Jährigen in KI-exponierten Berufen liegt 19 Prozent unter dem Wert, den ein Vergleich mit Gleichaltrigen in weniger exponierten Berufen zeigt. Bei den Erfahrenen: keine vergleichbare Lücke. Die Anpassung läuft über ausbleibende Einstellungen, nicht über Entlassungen. Entscheidend ist nicht, ob ein Beruf "KI-exponiert" ist, sondern ob die Technologie die Aufgabe ersetzt oder ergänzt.
Die Gegenprobe verschweige ich nicht: Wer mit 55 plus auf der Substitutionsseite steht, scheidet seit 2023 messbar häufiger aus dem Erwerbsleben aus und kommt schwerer zurück. Erfahrung schützt nicht automatisch. Die richtige Seite der Linie schon.
Für die Generation 55 plus überwiegt trotzdem der Rückenwind – in genau den drei Dimensionen, die für ein langes Leben zählen.
Beruflich: Billig wird die Ausführung. Knapp bleiben Urteilsvermögen, Kontext und Beziehungen – die Währung der zweiten Berufshälfte. Und erstmals seit Jahrzehnten richtet sich eine Technologiewelle nicht gegen die Älteren: Man muss nicht programmieren können, man muss präzise denken und formulieren können. Der Werkzeugvorsprung der Digital Natives schmilzt gerade weg.
Gesundheitlich: Auszählungen der FDA-Liste kommen inzwischen auf über 1'400 KI-gestützte Medizinprodukte, die für den US-Markt freigegeben sind – der weit überwiegende Teil davon in den letzten fünf Jahren. Kein Versprechen, sondern Infrastruktur im Rollout. Biologische Alters-Uhren aus Blut, Netzhaut und EKG machen den eigenen Alterungsverlauf sichtbar; noch überwiegend Forschung, wie Nature Medicine diesen Juli nüchtern festhält. Aber hey, das ist ein vielversprechender Start.
Finanziell: Eine Untersuchung von Stanford und MIT zeigt, dass KI-gestützte Finanzberatung in Simulationen zu deutlich besseren Ergebnissen führt. Mit einem Haken, der mich mehr interessiert als der Befund selbst: Dieselbe Modellrechnung belegt, wer wenig Finanzwissen mitbringt, steht mit 60 rund 50'000 Dollar schlechter da. Frauen sogar fast 60'000. Komplette KI-Neulinge liegen sogar rund 100'000 hinter den Geübten. Der Nutzen hängt an der Qualität der Frage, nicht am Modell.
Das ist keine Kritik an der Technologie. Das ist die Definition einer Marktlücke.
Eine strategische Agenda mit fünf Baustellen – und wer sie besetzen sollte
Politik: Längeres Arbeiten muss sich lohnen und einfach sein. Steuerlich, sozialversicherungsrechtlich, administrativ. Bis zu einem Viertel der über 55-Jährigen möchte laut WEF im Alter arbeiten und tut es nicht. Dieses Potenzial liegt bei uns brach, während die Nachbarn zugreifen.
Finanzindustrie: Die Entnahmephase braucht endlich ein Angebot, das diesen Namen verdient. Zwischen "Rente" und "Kapital" liegt heute praktisch nichts.
Anbieter jeder Branche: Aufhören, nach Geburtsjahr zu segmentieren. Anfangen, nach Motivation und Technologie-Affinität zu segmentieren. Und Angebote bauen, die ohne Alters-Etikett auskommen.
Arbeitgeber: Die zweite Berufshälfte gestalten statt verwalten. Wer Fünfzigjährige aus der Weiterbildung nimmt, verschenkt fünfzehn und mehr produktive Jahre – und wundert sich anschliessend über den Fachkräftemangel.
Uns alle: Longevity Literacy. Das World Economic Forum (WEF) definiert in seinem Weissbuch dazu drei Dimensionen: Lebensqualität, Sinn und finanzielle Resilienz. Ohne anzuklagen hält das WEF trocken fest, dass weltweit nur rund ein Drittel der Menschen als finanziell gebildet gilt. Zinseszins funktioniert übrigens auch bei Gesundheit und Wissen. Nur eben erst, wenn man investiert hat.
Verwalten oder gestalten
Die Schweiz hat in der Longevity Economy eine seltene Freiheit: Sie ist reich genug, gesund genug und gut genug organisiert, um zu wählen:
Sind wir Verwalterin unseres eigenen Alterns – Renten kürzen, Beiträge erhöhen, Debatte vertagen.
Oder werden wir zur Volkswirtschaft, die als erste begreift, dass 20, 30 zusätzliche (gesunde) Lebensjahre kein Kostenblock sind, sondern der grösste unerschlossene Markt und die grösste ungenutzte Ressource, die wir haben.
My take: lasst uns auf Variante 2 setzen. Nicht aus naivem Optimismus – sondern weil die Zahlen das untermauern. Die geprüften, wohlgemerkt.
Was noch fehlt, sind Menschen in Banken, Versicherungen, Pensionskassen, Immobilienfirmen, dem Gesundheitswesen und Verwaltungen, die dieses Thema im eigenen Haus besetzen. Nicht in zehn Jahren, wenn alle es tun. Jetzt, solange der "unfaire Vorteil" als Vorsprung noch etwas wert ist.
Und ja, ich weiss, das klingt nach einer dieser Reden, die man am Ende eines Panels hält, bevor alle zum Apéro gehen. Der Unterschied ist bloss: diesmal steht das Datum schon fest. Es war der 20. August 2026.