Künftig kommt der Kredit zum Kunden – und nicht umgekehrt

Junger Mann studiert auf dem Smartphone ein Kreditangebot, das seine KI für ihn zusammengestellt hat
Bild: KI

Der klassische Weg zum Konsumkredit wandelt sich grundlegend – persönliche KI-Agenten, Wallets und digitale Plattformen spielen mit.

Der Markt für Konsumkredite ist im Wandel: Innovative Kundenschnittstellen entstehen und neue Wettbewerber drängen auf den Markt. Wallets, Plattformen, Zahlungsdienstleister, Neo-Banken, digitale Ökosysteme und KI-basierte Assistenten übernehmen zunehmend Aufgaben, die lange Zeit zum Kerngeschäft klassischer Banken zählten.

Diese Entwicklung wird sich weiter beschleunigen. Vieles, was bislang als Zukunftsszenario galt, wird bereits erprobt oder von ersten Marktteilnehmern produktiv eingesetzt: Wallets integrieren Finanzierungsfunktionen, KI-Systeme unterstützen Entscheidungsprozesse und digitale Assistenten unterstützen die Kundinnen und Kunden bei wichtigen Vorhaben. Die Frage ist nicht mehr, ob sich das Geschäft verändern wird, sondern wie schnell der Wandel stattfindet.

Vor allem die Einbindung von Künstlicher Intelligenz erweitert das Spielfeld der Möglichkeiten enorm: Moderne KI-Systeme entwickeln sich von Auskunfts- und Analysewerkzeugen zu Entscheidungssystemen. Sie werten Informationen aus, vergleichen Optionen und leiten Handlungsempfehlungen ab.

Künftig können persönliche KI-Agenten proaktiv den individuellen Finanzierungsbedarf erkennen, Angebote bewerten und Entscheidungen vorbereiten. Gleichzeitig entstehen digitale Netzwerke, in denen Systeme KI-gestützt miteinander kommunizieren. Die eigentliche Auswahl einer Finanzierung könnte somit zunehmend durch die Interaktion von KI-Agenten, Wallets, Plattformen und Bankensystemen vorbereitet werden.

Damit verändert sich der klassische Ablauf bei einem Konsumkredit.

Künftig kommt der Kredit zum Kunden – und nicht umgekehrt

Das Beratungsunternehmen Cofinpro wirft einen analytischen Blick auf diese Entwicklung – und auch darauf, wohin die Reise gehen könnte. Fünf Thesen zum Thema:

These 1: Ein Finanzierungsbedarf wird situativ erkannt und adressiert

Was kommt: Ein Konsumkredit beginnt heute in der Regel mit einer aktiven Suche, dem Vergleich verschiedener Angebote und der abschliessenden Antragstellung. Künftig könnten persönliche Finanzassistenten oder KI-basierte Systeme die Lebenssituation, Ziele, Konsummuster und finanzielle Möglichkeiten der Kundschaft kontinuierlich analysieren und daraus Handlungsempfehlungen ableiten. Somit würden Finanzierungsoptionen nicht erst dann sichtbar, wenn ein konkreter Kreditbedarf formuliert wird. Sie würden bereits im Vorfeld vorbereitet und in passenden Situationen proaktiv vorgeschlagen.

Was das bedeutet: Die Entscheidung bleibt bei den Kunden. Die Analyse von Optionen, der Angebotsvergleich sowie Teile der Anbahnung und Abwicklung werden jedoch zunehmend an intelligente Systeme delegiert. Dadurch wird die Finanzierung stärker zu einem integrierten Bestandteil von Kauf-, Nutzungs- und Lebenssituationen und weniger zu einem eigenständigen Prozess, den der Kunde aktiv initiieren muss.

These 2: Banken konkurrieren künftig um Relevanz in digitalen Entscheidungs-Netzwerken

Was kommt: Künftig wird es immer weniger entscheidend sein, welche Bank die Kundinnen und Kunden kennen oder aktiv auswählen. Vielmehr wird massgebend sein, welche Anbieter in Wallets, Plattformen, KI-basierten Finanzassistenten sowie weiteren digitalen Ökosystemen integriert sind. Gleichzeitig verlagert sich die Vorbereitung von Kreditentscheidungen zunehmend in digitale Entscheidungs.Netzwerke. Persönliche Finanzassistenten, Wallets, Plattformen und Bankensysteme tauschen Informationen automatisiert aus, bewerten Finanzierungsoptionen und bereiten Entscheidungen vor. Die Auswahl eines Kreditangebots entsteht somit immer häufiger durch die Interaktion dieser vernetzten Systeme, ohne dass die Kunden einzelne Angebote aktiv vergleichen.

Was das bedeutet: Für Banken verändert sich der Wettbewerb grundlegend. Künftig ist es nicht nur entscheidend, die Kundschaft zu erreichen, sondern auch in den relevanten digitalen Ökosystemen bekannt, präsent und technisch anschlussfähig zu sein. Wer in diesen Entscheidungs-Netzwerken nicht berücksichtigt wird, läuft Gefahr, trotz wettbewerbsfähiger Produkte gar nicht mehr in die Auswahl zu gelangen.

These 3: Im Zeitalter von KI wird Vertrauen zum Auswahlkriterium automatisierter Entscheidungen

Was kommt: Wenn nicht mehr Menschen, sondern Systeme Finanzierungsentscheidungen vorbereiten, auswählen und zur Entscheidung präsentieren, wird Vertrauen in automatisierte Entscheidungsprozesse zu einem entscheidenden Erfolgsfaktor. Noch geniessen die klassischen Banken einen Vertrauensvorschuss gegenüber FinTechs und Neo-Banken. Künftig muss Vertrauen jedoch nicht nur gegenüber Menschen, sondern auch für automatisierte Systeme nachweisbar und maschinenlesbar sein. Automatisierte Entscheidungsprozesse berücksichtigen dabei sowohl die persönlichen Präferenzen der Kundschaft als auch regulatorische und risikobezogene Anforderungen. Somit entwickeln sich Regulatorik, Transparenz, Nachvollziehbarkeit und KI-Governance von Bremsfaktoren zu strategischen Erfolgsfaktoren innerhalb automatisierter Entscheidungsprozesse.

Was das bedeutet: Systeme und KI-Agenten werden bevorzugt mit Anbietern interagieren, deren Prozesse, Daten und Entscheidung leicht zugänglich, nachvollziehbar, verlässlich und standardisiert sind. Damit wird Vertrauen zunehmend zu einem messbaren und maschinenlesbaren Kriterium innerhalb automatisierter Prozesse, etwa in Form eines Trust-Scores. Künftig entscheidet nicht nur die Kundschaft, wem sie vertraut, sondern die Systeme treffen entsprechende Auswahl- und Vorschlagentscheidungen selbst.

These 4: Die Zukunft der Kundenschnittstelle wird vor der Regulierung entschieden

Was kommt: Die Entwicklung von KI-Agenten, Wallets, tokenisierten Finanzierungsmodellen und neuen Plattformökonomien schreitet deutlich schneller voran als regulatorische Anpassungsprozesse. In einem Markt mit immer mehr Wettbewerbern entsteht für Banken ein strategisches Spannungsfeld: Wer früh handelt, kann Wettbewerbsvorteile erzielen, geht jedoch technologische und regulatorische Risiken ein. Wer hingegen auf vollständige Klarheit wartet, riskiert, dass andere Marktteilnehmer die relevanten Kundenzugänge, Partnerschaften und digitalen Ökosysteme besetzen. Vor diesem Hintergrund ist es für Banken entscheidend, regulatorische Entwicklungen laufend zu analysieren, zu antizipieren und die Balance zwischen frühzeitigen Investitionen und strategischer Zurückhaltung sorgfältig zu steuern.

Was das bedeutet: Die Innovationsgeschwindigkeit wird zu einem entscheidenden Wettbewerbsfaktor. Die Frage lautet daher nicht mehr nur, welche Lösungen regulatorisch möglich sind. Es geht für Banken darum, früh Erfahrungen zu sammeln, Kompetenzen aufzubauen, in zukünftigen Entscheidungs-Netzwerken präsent zu sein und die regulatorisch korrekte Lösung frühzeitig umsetzen zu können.

These 5: Banken entwickeln sich vom Kapitalgeber zum Infrastruktur- und Datenpartner

Was kommt: Während die Kreditvergabe lange Zeit eng mit der Bereitstellung von Kapital verbunden war, könnten Banken künftig verstärkt Funktionen übernehmen, die über die reine Finanzierung hinausgehen oder sie ersetzen. Dazu gehört beispielsweise die Bewertung von Risiken, die Bereitstellung von Daten, die Orchestrierung digitaler Finanzierungsprozesse sowie die Sicherstellung regulatorischer Anforderungen.

Gleichzeitig eröffnen technologische Entwicklungen wie die Tokenisierung von Kreditforderungen neue Möglichkeiten der Refinanzierung und Kapitalbereitstellung. So werden in Zukunft Kreditportfolios gebündelt, bewertet und über digitale Plattformen handelbar gemacht. Dadurch entstehen neue Investorenstrukturen, alternative Finanzierungsquellen und veränderte Wertschöpfungsmodelle. Darüber hinaus können Banken ihre Wertschöpfung erweitern, indem sie Finanzierung, Absicherung und weitere ergänzende Dienstleistungen zu integrierten Lösungen innerhalb digitaler Ökosysteme bündeln.

Was das bedeutet: In diesem Umfeld entwickeln sich Banken zunehmend zu Infrastruktur-, Technologie- und Datenpartnern innerhalb digitaler Finanzierungs-Ökosysteme. Ihre Rolle verschiebt sich von der Kapitalbereitstellung hin zur Bereitstellung von Risikoexpertise, Vertrauen, Technologie, Daten und Prozessen. Je nach strategischer Ausrichtung können Banken verschiedene Rollen einnehmen – beispielsweise als Kapitalgeber, Plattformbetreiber, Infrastruktupartner oder Datenanbieter. Dadurch ergeben sich neue Wertschöpfungsmöglichkeiten, die über das klassische Kreditgeschäft hinausgehen.

Ein Blick nach vorn und konkrete Empfehlungen

Im Report "Die Zukunft des Konsumkredits" skizzieren die Experten von Cofinpro anhand eines beispielhaften Tages in einer möglichen Kreditwelt der 2030er-Jahre, wie sich diese Entwicklungen auf Kunden, Banken und andere Marktteilnehmer auswirken könnten.

Interessant ist, dass sich diese Entwicklung nicht auf Kredite beschränken wird, sie kann zahlreiche weitere Finanzdienstleistungen mit einschliessen.

Konkrete Empfehlungen gibt's auch, wie sich Finanzinstitute auf die Veränderungen vorbereiten können. Der Report kann kostenlos als PDF runtergeladen werden, gleich hier.