Eine Nachlese zur Digital Economy Award Night 2019

Parmelins Manifest, kundenrelevante Innovation & buzzige Slampoetik

Video: Horizont | Digital Economy Award 2019
Video: Horizont | Digital Economy Award 2019
Video: Horizont | Digital Economy Award 2019

Eine denkwürdige Nacht im Zürcher Hallenstadion – aus mehreren Gründen, einige davon hier zusammengefasst.

Die Digital Economy Awards 2019 sind Geschichte. Letzte Woche fanden wiederum fast 700 meist ausnehmend gut gekleidete Vetreterinnen und Vertreter der helvetischen Wirtschafts- und Digitalgemeinschaft den Weg ins Hallenstadion nach Zürich Oerlikon.

Swiss ICT, der mit über 2'500 Mitgliedern grösste und gleichzeitig älteste Verband für die Schweizer Digitalindustrie setzt mit dieser Abendveranstaltung dem auch heuer an Anlässen reichen Jahr quasi die Krone auf.

“Les absents ont toujours tort.” Gilt das französische Bonmot, wonach die Abwesenden immer im Unrecht sind auch hier? Und war die 2019er-Ausgabe des Digital Economy Award ein guter Jahrgang? 

Für eilige Leser hier die Antworten auf beide Fragen in der gebotenen Kürze: JA!

Für ersteres war bereits die "nur" als Grussbotschaft angekündigte Rede von Bundesrat und Wirtschaftsminister Guy Parmelin verantwortlich. Parmelins Ansprache war sehr viel mehr als das. 

Oft finden sich in bundesrätlichen Verlautbarungen an derartigen Veranstaltung neben zwei, drei bedeutungsschwangeren Sätzen zu den Herausforderungen der Zukunft vor allem salbungsvolle, sonst aber eher seichte Worte. Nicht so in Parmelins Plädoyer für mehr Mut sowie einen verstärkten Dialog mit der Gesellschaft. Viele seiner Aussagen muteten mehr wie ein Manifest, denn wie eine freundliche Begrüssungsrede an.

Digitalisierung ist mehr als Elektrifizierung

Auch heute denkt man noch zu oft, man hätte einen grossen Schritt in der Digitalisierung getan, wenn man ein Papierformular durch ein PDF ersetzt

Beim Bundesrat ist der Wille und die Überzeugung vorhanden, nicht im Stadium der blossen digitalen Elektrifizierung stehenzubleiben. Mit der letzten Monat verabschiedeten E-Government-Strategie werden auf allen Ebenen der Verwaltung die Weichen in Richtung von noch mehr Bürgernähe und der Verbesserung der Rahmenbedingungen für die Wirtschaft gestellt. 

Coolness erreichen wir nicht mit Katzenbildern

In seiner launigen Tour d’Horizon sparte der sympathische Magistrat nicht mit entwaffnender Ironie. Er geisselte dabei auch die Verhinderer in unserer von Konsens oftmals leider auch auf Bewahren des Status quo dominierten nationalen Kultur.

Ist es ein Widerspruch, wenn sich der Bundesrat wünscht, dass sich mehr Digital Natives (und Nomads) für eine Karriere als Staatsangestellte entscheiden? Ja, wir können als Verwaltung beim Coolness-Faktor definitiv noch zulegen. Aber gerade bei der Sinnfrage, welche die Generation Y und Z oft ins Zentrum ihrer Berufsüberlegungen stellen, punktet die Arbeit für die Bürger*innen und die Gesellschaft der Schweiz immer mehr.

Wir dürfen nicht selbstgefällig werden, wir müssen uns als Exekutive, Verwaltung, Bürger*innen und natürlich als Wirtschaft immer wieder inspirieren und anspornen, dem Fortschritt und damit uns selbst nicht mit Bürokratie und Ausreden im Weg zu stehen

Einmal mehr: Wer etwas will, findet Wege. Wer etwas nicht will, sucht Gründe. 

Wenn wir das technologische Potenzial besser nutzen und alle diese grossen Themen stringent vernetzen, werden wir auch diese monumentalen Herausforderungen meistern. Mit mutigem Tun und der Vertiefung des generationenübergreifenden Dialogs – nicht nur am nationalen Digitaltag – schaffen wir bei den Menschen Vertrauen, dass eine digital geprägte Zukunft für uns alle Sinn stiftet.  

Der Bundesrat will mit der "Mind the Gap"-Strategie den durch den Brexit hervorgerufenen Unsicherheiten entschieden und konstruktiv begegnen. Die Alterung der Gesellschaft hat nicht nur Auswirkungen auf unsere Sozialwerke, sondern auch massive Konsequenzen auf die Verfügbarkeit von wichtigen Fachkräften. Wir brauchen technologischen Fortschritt wie 5G, Künstliche Intelligenz, Robotik, Internet of Things, Blockchain oder Autonome Mobilität, um den Wohlstand in unserem Land auch für die künftigen Generationen zu sichern.

Dadurch werden wir dem Schreckgespenst von weniger Arbeit =  weniger Konsum = weniger Wachstum entkommen. Gerade 5G wird für eine vernetzte Nation wie die Schweiz dominiert von Wissensarbeitern zu einer Schicksalsfrage. Es gehe nicht darum, Katzenbilder schneller verschicken zu können. Nein, Parmelin stellt optimale technologische und rechtliche Rahmenbedingungen sogar bewusst über die Glorifizierung der "guten alten Zeit". Und direkt an das Publikum gerichtet fordert er uns alle auf, gemeinsam daran zu arbeiten, dass sich Wachstumsimpulse, Innovation und die Ansprüche der Gesellschaft gegenseitig befruchten. 

Deshalb: Brexit, Alterung der Gesellschaft, Fachkräftemangel – übernehmen wir (endlich) wieder das Primat des Handelns!

Vom Winzer zum Digitalturbo? – Bundesrat und Wirtschaftsminister Guy Parmelin

Vom Winzer zum Digitalturbo?
Bundesrat und Wirtschaftsminister Guy Parmelin


Ein als Grussbotschaft getarntes Manifesto?

Die Politik muss ein integraler Teil dieser Initiativen sein. Der Wirtschaftsminister nannte an dieser Stelle den Bericht zum Stand der Künstlichen Intelligenz, der im Bundesrat aktuell behandelt wird. Nur wenn wir das "Warum’"und die nutzenstiftenden Anwendungsfälle den Menschen in unserem Land verständlich kommunizieren, wird der rational offensichtliche Fortschritt auch im Alltag angenommen.

Ähnlich wie bei Robotik, IoT und den Entwicklungen zu Autonomen Fahren als einem der Kernelemente unserer zukünftigen Mobilität, müssen wir besser lernen, der technologischen Komplexität durch Geschichten und prägnante Botschaften die Tür zur Gesellschaft zu öffnen. Oder in den Worten von Guy Parmelin:

Die Zukunft ist nicht aufzuhalten – lasst sie uns aktiv gestalten, für, mit und dank allen Bürger*innen dieses Landes

Solide Kundenrelevanz schlägt Innovationstheater

Bei der Auszeichnung der Preisträger schien dieser launige Wachmacher des Magistraten tatsächlich noch nachzuwirken. In total sechs Kategorien kürte eine mit versierten Fachexpert*innen (für "The Next Global Hot Thing" eine Gruppe von Unicorn-Scouts) die Sieger und würdigte deren Projekte und Leistungsausweise.

Auffällig bei allen Gewinnern: Kundenrelevanz und Traction, also demonstrierte Marktakzeptanz, standen klar über effekthascherischer Buzzword-Akrobatik. Für letzteres sorgte vor jeder Preisübergabe übrigens der begnadete Ostschweizer Slam-Poet Renato Kaiser. Er brachte mit stakkato-artigen Satzkreationen das teilweise kryptische Geschwurbel inspirierend und verständlich auf den Punkt.

Sandipan Chakraborty, Gründer und CEO von SONECT - Gewinner von ‘The Next Global Hot Thing’ und dem Fintech-Publikumpreises - ein Engagement von SIX Fintech Ventures

Sandipan Chakraborty, Gründer und CEO von Sonect
Gewinner von "The Next Global Hot Thing" und dem FinTech-Publikumpreis,
ein Engagement von SIX FinTech Ventures


SVA Aargau, Gewinner bei Digital Transformation – Government & NPO

Sozialversicherung Aargau (SVA)
Gewinner des Digital Transformation Award – NPO & Government


Christian Gmünder, COO Wealth Managment Vontobel, Gewinner des Digital Transformation Award – Grossunternehmen

Christian Gmünder, COO Wealth Management Vontobel
Gewinner des Digital Transformation Award – Grossunternehmen

Digitalisierung ist nicht Tools & Tech, sondern Menschen für Menschen – wir haben uns im Team die letzten Monate vier Mal neu erfunden, trotzdem stehen wir ganz am Anfang


Ehrenpreisträger Marc Walder im Generationendialog mit Yasmeen Comboeuf (21)|

Ehrenpreis "Digital Economy Ambassador"

Zum ersten Mal wurde der Ehrenpreis "Digital Economy Ambassador" verliehen. Marc Walder, CEO von Ringier und Initiant von Digitalswitzerland, ist der erste Digital Economy Ambassador der Schweiz.

Hintergrund, Reaktionen und eine Laudatio der besonderen Art gibt's in diesem Artikel.


Das Organisationsteam rund um Swiss ICT hat mit viel Herzblut eine stimmige Plattform etabliert, um beispielhafte Initiativen angemessen zu würdigen. Wenn es in den kommenden Ausgaben gelingt, neben der grossmehrheitlich männlichen Babyboomer-Elite auch jüngere und weibliche Stimmen auf die Bühne zu bringen, dürfte sich nicht nur Bundesrat Parmelin freuen. Der imperative Wunsch nach mehr Inclusion und Diversity als Schlüssel zur gesellschaftlichen Akzeptanz von digitalem Fortschritt war in seinem Appell an die Shaperinnen und Shaper sowie den Tischgesprächen spürbar und hörbar.