Nicht ausserhalb, sondern mittendrin

Bild: Studie Roland Berger Strategieberatung | Successfully navigating changes to payments regulations Payment Services Directive 2 – A strategic and technological challenge

Das Beratungsunternehmen Roland Berger formuliert drei Thesen und begründet in seiner aktuellen Studie, weshalb mit PSD2 in Europa vieles anders wird.

Mit der PSD2 öffnen Banken ihre Systeme und gewähren Drittparteien wie FinTechs, Startups und Finanzdienstleistern Zugriff auf Konten und Daten ihrer Kunden. Das verändert die bisherigen Spielregeln, schafft ganz neue Voraussetzungen und Open Banking wird Realität. – Eine bemerkenswerte Studie, Auswirkungen zu Märkten und eine brennende Frage: Kann die PSD2 ohne die Schweiz stattfinden?

Nicht ausserhalb, sondern mittendrin

Die Strategieberater haben die Auswirkungen der erweiterten Zahlungsdienste-Richtlinie PSD2 analysiert und in einer Studie zusammengefasst. Im Kern kommen die Analysten zum Schluss: PSD2 findet nicht ausserhalb statt, sondern mittendrin – in Europa, im eigenen Land, in der eigenen Bank. Gefragt sind Agilität, Innovationskraft und die konsequente Ausrichtung auf neue Wünsche und Bedürfnisse von Kunden und Kundengruppen.

The Big 3

Über drei Thesen dokumentiert das Beratungsunternehmen die Resultate der Studie:

  • 2018 wird ein Jahr der Veränderungen für europäische Banken
  • 1 Milliarde Konten in Europa werden betroffen sein
  • 25 bis 40 Prozent des Gewinns stehen auf dem Spiel

Diese drei Thesen werden im Bericht zur Studie ausführlich beleuchtet sowie mit Fakten und Zahlen untermauert.

Was die PSD2 bewirken kann

Einige Kernpunkte der Studie in der Zusammenfassung:

Die Rolle der passiven Banken
Den grössten Handlungsbedarf ortet Roland Berger Strategieberatung bei den Banken selbst, weil die neue Richtlinie bisherige Geschäftsmodelle und Märkte "monumental" erschüttern wird. Agieren die Banken nicht, öffnen sich riesige Chancen für Drittanbieter und für kleinere offensiv agierende Banken. In der Auswirkung kann eine passive Bank zur Verwalterin der (kostspieligen) regulatorischen Vorschriften werden, welche eine (ebenso kostspielige) technische Infrastruktur unterhält, die von Dritten genutzt werden darf.

Die Rolle der aktiven Banken
Eine aktive Bank agiert in gewisser Weise selbst als TPP (Third Party Provider), indem sie ihren Kunden neue Leistungen und Services direkt anbietet und damit Abwanderungstendenzen verhindert. Und mehr als das: mit starken Tools und kundenorientierter Ausrichtung schafft sie eine Kundenbindung, die sich nicht nur in Haltbarkeit und Treue, vielmehr auch in Erträgen auszahlen wird. Die Bank ist dabei aktuell sogar im Vorteil, weil sie oftmals auf langjährige Kundenbeziehungen und Vertrauen bauen kann.

Die Rolle der Kunden
Bankkunden erhalten die Hoheit über ihre Daten zurück, profitieren von neuem Komfort, neuen Services und entscheiden sich, mit welchem Anbieter sie zusammenarbeiten möchten. Das kann die Hausbank sein, das können Drittanbieter sein. Im Resultat kann ein Kunde über ein einziges Portal und Frontend sämtliche Leistungen zu nutzen, die im in den Bereichen Banking, Finanzen und Zahlungsverkehr wichtig sind. Damit bekommt PFM (Personal Finance Management) ein neues Gewicht und etabliert sich als Standard für Bankkunden. Und: Kunden kommen mit einer wachsenden Zahl von Anbietern und Angeboten auf neue Ideen, vergleichen stärker und werden anspruchsvoller.

Make-or-Break Chapter?
Roland Berger Strategieberatung sieht in der PSD2 das Risiko eines "Make-or-Break Chapter" in der Geschichte der europäischen Banken. Mit einem geschätzten Anteil von 25 bis 40 Prozent des Gewinns einer Bank, der zur Disposition steht, im eigenen Hause bleiben kann oder an Drittanbieter verloren geht, welche schneller und überzeugender im Markt agieren.

Möglichkeiten und Risiken

Roland Berger Strategieberatung malt in der Studie keine rabenschwarzen Szenarien, im Gegenteil. Zahlreiche Handlungsoptionen für Finanzinstitute im Umfeld der PSD2 werden diskutiert und präsentiert, die hervorragende Aussichten bieten, um mehr als nur am Ball zu bleiben. Der Bericht formuliert sachlich die geänderten Voraussetzungen, die damit verbundenen Herausforderungen und auch die neuen Chancen, die sich bieten.

Risiken und damit eher düstere Prognosen präsentieren sich nur jenen Marktteilnehmern, welche sehr stark mit sich selbst beschäftigt bleiben, die PDS2 und die kommenden Veränderungen als Entwicklung "von ausserhalb" positionieren, ohne direkte Bezüge zum eigenen Geschäft, zu den eigenen Märkten und zu den eigenen Kunden herzustellen. Ins Hintertreffen geraten können auch jene, welche zu lange abwarten, ohne selbst aktiv zu werden und dabei das Tempo unterschätzen, mit dem Mitbewerber, Banken und Drittanbieter, bereits seit längerem unterwegs sind.

Kann die PSD2 ohne die Schweiz stattfinden?

Die PSD2 kann ohne die Schweiz stattfinden. Die Schweiz als Nicht-EU-Land ist nicht verpflichtet, die neuen Regeln zu übernehmen und umzusetzen. Das ist jedoch nur die eine Seite der Medaille und überhaupt nicht der springende Punkt. Es geht nicht um die PSD2 als Regelwerk, es geht vielmehr um Kunden, Anbieter und Märkte, welche sich durch die PSD2 massiv verändern werden. Und diese Veränderungen kennen weder Grenzen noch akzeptieren sie Abstinenz. Die Auswirkungen der PSD2 stehen im Zentrum und diese Auswirkungen betreffen die Schweiz genau so, wie jedes andere Land in Europa. Die PSD2 wird mit oder ohne die Schweiz stattfinden, deshalb stellt sich die Frage anders:

Welche Rolle wird die Schweiz und werden Schweizer Banken dabei spielen, wenn Open Banking in Europa neu gestaltet und definiert wird?

Höchste Zeit, dass Auswirkungen und Strategien rund um die PSD2 mit Fokus auf die Schweiz breit diskutiert werden. Und dass eine berufene Stelle die Themenführerschaft übernimmt. Unsere kürzlichen Recherchen haben ergeben, dass die PSD2 bei EFD/SIF, FINMA, SBVg und SIX aktuell nicht als vordringliches Thema betrachtet wird, mehr als eine Entwicklung, die mit Interesse beobachtet wird. Das ist von der Roadmap des EU-Projekts her gesehen etwas beunruhigend. Die PSD2 kommt 2018. Die Welle der Auswirkungen kommt möglicherweise sehr viel schneller auf uns zu, als gedacht. Und wünschbar ist, dass uns diese Auswirkungen nicht um die Ohren fliegen, sondern dass noch genügend Zeit bleibt, Open Banking auch in der Schweiz zu planen, zu konzipieren, technisch umzusetzen und innerhalb regulatorischer Leitplanken zur Blüte zu bringen.

Fazit

Die PSD2 ist weder gefährlich noch risikolos, sie ist in ihren Dimensionen und Auswirkungen einfach sehr anspruchsvoll, in jeder Beziehung, und deshalb fordernd. In Bezug auf Geschäftsmodelle in veränderten Umfeldern, neue Produkte, neue Services, in Bezug auf Technologie und Prozesse und auch in Bezug auf neues Marketing, weil sich Haltung, Wünsche und Ansprüche von Kunden ebenfalls verändern werden. Allerdings lässt die PSD2 auch jedem Anbieter und Marktteilnehmer die Wahl – zwischen ganz vorne mitzuspielen, ein bisschen dabei zu sein und das Schlimmste zu verhindern oder sich links und rechts überholen zu lassen, bleiben alle Optionen offen.

Die Studie zum Runterladen

Der Bericht mit 16 Seiten hält sich knapp und ist dennoch ausführlich. Er umreisst die wesentlichen Kernpunkte der erweiterten Richtline und beleuchtet die möglichen Rollen von Banken, Drittanbietern und Kunden. Vor allem entwerfen die Macher strategische Szenarien, wie man sich positionieren kann, um von der PSD2 zu profitieren. Diese hervorragende Studie kann als PDF kostenlos runtergeladen werden:

Successfully navigating changes to payments regulations
Payment Services Directive 2: A strategic and technological challenge

Die Macher der Studie
Roland Berger Strategy Consultants ist ein international tätiges Beratungsunternehmen mit Schwerpunkt Strategieberatung. Roland Berger Strategieberatung beschäftigt 2'400 Mitarbeiter und ist mit 50 Büros in 34 Ländern vertreten.


Stichworte zum Thema im Lexikon: PSD2 | Open Banking | API Banking | TPP | XS2A

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