Angesichts der aktuellen geopolitischen Volatilität steigen die Renditen von Staatsanleihen zusammen mit den Ölpreisen. Typischerweise als sicherer Hafen in Zeiten von Marktstress angesehen, haben Anleihen in den letzten Wochen diesen Status verloren, was eine Veränderung in der Sicht der Anleger auf Inflation, Zinssätze und Risiko widerspiegelt.
Haben Staatsanleihen ihre Rolle als sicherer Hafen verloren?
Der Ölpreis ist wichtig. Er fliesst direkt in Transportkosten, Heizkosten und die Kosten für den Transport von Gütern in der Wirtschaft ein. Wenn die Ölpreise stark steigen, steigen die Inflationsrisiken mit ihnen.
Selbst wenn die Gesamtinflation vorher nachgelassen hätte, setzen höhere Energiekosten eine Untergrenze unter die Höhe und wie schnell die Inflation fallen kann. Anleiheinvestoren betrifft dies sehr direkt. Wenn die Inflation höher als erwartet wird, verlieren diese Zahlungen an Kaufkraft. Die Antwort ist eindeutig: Investoren verlangen eine höhere Rendite als Ausgleich. Wenn die Anleihepreise fallen, steigen die Renditen.
Diese Dynamik war in den letzten Wochen deutlich geworden. Da die Ölpreise aufgrund von Bedenken hinsichtlich des Angebots gestiegen sind, haben die Märkte ihre Inflationsannahmen stetig erhöht. Im Gegenzug sind die Anleiherenditen in grossen Volkswirtschaften gestiegen.
Vier Dinge, die man heute über Anleiherenditen wissen sollte
1. Warum Anleihen sich nicht wie ein traditioneller Zufluchtsort verhalten haben
Höhere Ölpreise erhöhen das Risiko, dass die Inflation hartnäckig bleibt, was die Entscheidungsträger dazu zwingt, vorsichtig zu bleiben, selbst wenn das Wachstum nachlässt. Märkte, die sich zuvor mit weiteren Zinssenkungen arrangiert hatten, mussten neu bewerten. Weniger Kürzungen oder weiter in die Zukunft verschoben Senkungen bedeuten heute naturgemäss höhere Renditen. Das hilft zu erklären, warum Anleihen sich nicht wie ein traditioneller sicherer Hafen verhalten haben.
In der Vergangenheit trieben geopolitische Schocks oft die Renditen nach unten, da Investoren in Staatsanleihen einstiegen. Diesmal ist es anders. Der Schock kommt durch Energiepreise und Inflation, nicht durch einen Nachfrageeinbruch.
Wenn Inflation das Problem ist, bieten Anleihen keinen Schutz
2. Was Investoren unter einer "Prämie" verstehen und warum sie steigen
Das Wort "Premium" wird auf Märkten oft verwendet, die Idee dahinter ist einfach. Eine Prämie ist die zusätzliche Rendite, die für zusätzliches Risiko gefordert wird. Betrachten Sie es als Versicherungsgebühr.
Wenn die Welt ruhig und vorhersehbar erscheint, sind Investoren bereit, geringere Renditen zu akzeptieren. Wenn Unsicherheit steigt, wollen sie mehr bezahlt werden, um ihr Geld zu verleihen. Im heutigen Anleihemarkt steigen mehrere Prämien gleichzeitig. Es gibt eine höhere Inflationsprämie, was das Risiko widerspiegelt, dass Öl die Inflation hochhält. Es gibt auch eine höhere Risikoprämie, was die Unsicherheit darüber widerspiegelt, wo die Zinssätze letztlich landen. Und zunehmend gibt es eine geopolitische Risikoprämie obendrauf.
Keine dieser Prämien ist auf einer einzigen Zeile einer Tabelle sichtbar. Aber zusammen treiben sie die Renditen in die Höhe.
3. Geopolitik und die Rückkehr der Risikoprämie
Geopolitik spielt hier keine Rolle, weil Investoren versuchen, die nächste Schlagzeile vorherzusagen, sondern weil sie die Bandbreite möglicher Ergebnisse erweitert. Konflikte in energieproduzierenden Regionen erhöhen das Risiko von Lieferstörungen, Versandengpässen und plötzlichen Preisspitzen. Selbst wenn die schlimmsten Ergebnisse vermieden werden, steigt die Wahrscheinlichkeit einer Störung. Die Märkte preisen diese Unsicherheit ein.
Hier kommt die geopolitische Risikoprämie ins Spiel. Investoren fordern zusätzliche Entschädigungen für Kreditvergabe in einer Welt, in der Inflationsschocks wahrscheinlicher sind und politische Reaktionen weniger vorhersehbar sind. Entscheidend ist, dass diese Prämie nicht verschwindet, nur weil die Märkte sich für ein paar Tage "beruhigt" haben. Sie bleibt bestehen, solange die zugrunde liegenden Risiken ungelöst bleiben. Deshalb können die Renditen auch ohne frische schlechte Nachrichten hoch bleiben.
4. Anleiherenditen spiegeln unangenehme Wahrheiten wider
Kurz gesagt, höhere Ölpreise haben die Märkte an drei unangenehme Wahrheiten erinnert. Erstens sind die Inflationsrisiken nicht verschwunden. Zweitens haben die Zentralbanken keine unbegrenzte Freiheit, die Zinsen zu senken, wenn die Energiepreise weiter steigen. Drittens bringt Geopolitik reale wirtschaftliche Kosten, die Investoren nicht ignorieren können. Die Anleiherenditen spiegeln alle drei Faktoren wider.
Bis sich die Ölpreise stabilisieren und geopolitische Risiken zurückgehen, werden Anleger voraussichtlich weiterhin eine höhere Prämie für das Halten von Anleihen verlangen. Das ist keine Panik. Es ist rationale Preisgestaltung in einer weniger vorhersehbaren Welt.