Hustle Con

Abseits vom Tech-Hype – die andere Gründerszene im (Greater) Silicon Valley

Paramount Theater, Oakland, Kalifornien
Bild: Hustle Con, Oakland | Paramount Theater

Was ist von einer Konferenz zu halten, die der Rezeptur "Startup Tactics for Non-Techies" und dem Format von TED-Konferenzen folgt? Patrick Comboeuf hat sich umgeschaut und berichtet von der Hustle Con in Oakland.

Letzte Woche fand in Oakland am nördlichen Ende der Bay Bridge bereits zum 5. Mal die Hustle Con statt. Die Konferenz gehört zum beliebten Stelldichein der boomenden amerikanischen Gründerszene. Trotz der geographischen Lage im Silicon Valley, dem Zentrum der digitalen Welt, heben sich Inhalte und Gespräche unter den Teilnehmern wohltuend ab vom technologischen Buzz rund um AI, Machine Learning, Blockchain und Conversational Commerce.

“Ein MBA in 8 Stunden für ein paar Hundert Dollar”

Mit diesem zugegeben etwas aufgesetzt anmutenden Anspruch gelingt es den Organisatoren rund um den umtriebigen End-Zwanziger Sam Parr, Jahr für Jahr fast 3'000 Leute ins ehrwürdige Paramount Theater zu locken. Dieser Palast aus der Art Deco-Zeit wirkt als geschickt gewählter Gegenpol zu den glitzernden Fassaden der Skyline von San Francisco, der Schwesterstadt auf der anderen Seite der Bucht. 

Paramount Theater, Oakland, Kalifornien
Bild: Paramount Theater

Auch das Setting mutet mehr wie eine Unconference oder ein Barcamp an und nicht wie eine typische Konferenz. Selbst die Auftritte der zahlreichen Sponsoren, unter anderen auch Microsoft365 oder Salesforce, geben sich cool und wenig "corporate".

Und ja, auch auf ein glamouröses Catering, hierzulande oft ein beliebtes Mittel, um mangels hochstehender Inhalte die Teilnehmer wenigstens über die Nahrungszufuhr etwas einzulullen, wird komplett verzichtet. Stattdessen sperrt man kurzerhand eine Seitenstrasse neben dem Theater. Damit entsteht Raum für die (gefühlt) gesamte Flotte der in der Bay Area sehr beliebten Foodtrucks.

Dies macht selbst die Mittagspause der Konferenz zu einem unvergesslichen Happening, reich an inspirierenden Begegnungen und vielfältigen kulinarischer Entdeckungen.

Zielgruppe: (Tech-)Unternehmer ohne Programmierkenntnisse

Auf den ersten Blick ein Widerspruch, steht genau dieser Typus von Protagonisten für das Erfolgsgeheimnis von Hustle Con. Natürlich sind auch Hoodie-tragende Nerds mit zusammengebundenen Haaren allgegenwärtig, aber eben nicht nur. Auch sie haben nie Anlass sich zu langweilen. Fast überall ist eine wohldosierte Portion "Tech" zu spüren, sei es in den Vorträgen oder in den Diskussionen an den Ständen im mehrstöckigen Foyer. Allen gemeinsam ist die Begeisterung für die unprätentiös vorgetragenen Gründer- und Lebensgeschichten der Speaker. 

Die Organisatoren scheuen keine Mühen, damit sich auch die Nicht-Techie-Gründer gut aufgehoben fühlen. Bekanntlich ist ja nicht jeder oder jede mit einer guten Idee gleichzeitig auch mit Talent in der technischen Umsetzung gesegnet.

Sharing is caring – gerade bei gemachten Erfahrungen

Hustle Con wird geleitet von Sam Parr und einem Team von jungen Mitstreitern. Im Jahre 2013, damals noch Student am College in Tennessee, erhielt Parr ein Angebot von Airbnb für einen Job in San Francisco. Er jettete hin, lernte in seiner AirBnB-Unterkunft John Havel kennen, der ihn flugs zum Partner seines Startups machte. Zu einer Karriere bei Airbnb kam es dann halt eben nicht.

Nach erfolgreichem Exit mit dem Verkauf der Firma und einem Auftritt bei der ersten Austragung von Hustle Con mit knapp 100 Teilnehmern, entschied sich Parr selbst einzusteigen und aus der Konferenz etwas weitaus Grösseres zu machen. Er überzeugte Havel, seinen Partner in Crime, mit ihm die nächste Konferenz zu organisieren.

«Die Idee hinter Hustle Con war, dass John, ich und die anderen im Team alle Tech-Firmen gründen und erfolgreich verkaufen konnten, ohne dass wir selber Coding-Skills hatten», erklärt Sam Parr. «Also entschieden wir, eine Bühne für die besten Nicht-Techie Gründer zu schaffen, um andere an ihren Erfahrungen teilhaben zu lassen».

Sam Parr, Gründer von Hustle Con mit M.C. Liz
Bild: Sam Parr, Gründer von Hustle Con mit M.C. Liz

Im Verlauf der Jahre ist daraus dann eine Art "Startup MBA in einem Tag" geworden, mit den Gründern als Professoren. So entstand ein Anlass, wo echte Umsetzung gelehrt wird und zwar von Menschen, die wirklich eine Ahnung haben von der Gründung eines Unternehmens und allen Wirrungen, die damit einhergehen.

Deshalb findet sich auf der Liste der Referenten weder ein MBA Professor, der so etwas nur "akademisch" kennt, noch ein Vizepräsident oder Senior Director of Gedöns aus irgendeinem Corporate-Büro. Sam Parr selbst ist angetan vom Format der TED-Konferenzen – 18-Minuten-Slots für teilweise fantastische Geschichtenerzähler. Hustle Con sollte aber etwas weniger förmlich daherkommen. In etwa so, wie wenn TED und das Coachella Festival ein Baby hätten. Und genau das gelingt den Machern auch.

Ein Programm mit unzähligen wertvollen Knowledge Nuggets

Das hervorragend austarierte Lineup der Speaker, unter anderen Lisa Stone von Ellevest, der Investitionsplattform mit der Mission den Gender Gap zu schliessen, Justin Kan, der die Gamer-Zuschau-Plattform (!) Twitch für fast USD 1 Milliarde an Amazon verkaufte oder Max Mullen vom Instacart, ein bekanntes Unicorn aus dem Valley, hatte tatsächlich für alle Zuschauer nutzenstiftende Inhalte bereit. Hier eine (ganz knappe) Auswahl an vom Publikum via Twitter kurierten Learnings von diesem wirklich kurzweiligen Tag in Oakland.

Bild: Twitter

Knackig formulierte Learnings und die Neu-Definition von WTF

Für den eher zurückhaltenden Europäer mag die fröhliche amerikanische Art des Storytelling anfänglich etwas irritierend wirken. Spätestens aber bei den knackig formulierten Learnings und Mantras wirkt dieser "can do"-Spirit extrem ansteckend.

Stellvertretend für zahlreiche neue Einsichten sei hier noch die Neu-Definition von WTF erwähnt, mit welcher der Sperrgut-Unternehmer (!) Brian Scudamore von 1-800-Got-Junk? wohl allen im Saal aus dem Herzen sprach. W.T.F steht in der nordamerikanischen Startup-Szene für "Willingness To Fail", also der Lust durch (frühes) Scheitern schnell (und günstig) zu lernen.

Ein nicht so überraschendes Erfolgsgeheimnis, welches auch der einen oder anderen Initiative aus der Schweiz – egal ob von einem Startup oder einem etablierten Unternehmen – gut anstehen würde.

Der Autor: Patrick Comboeuf

Patrick Comboeuf, Associate Editor bei MoneyToday.ch, ist einer der profiliertesten digitalen Vordenker der Schweiz. Mehrere Wochen im Jahr verbringt er im Silicon Valley, dem Zentrum der digitalen Welt.

Seit 2013 engagiert am Institute for Digital Business der HWZ, unter anderem als Director of Studies für den Lehrgang CAS Digital Leadership. Als Vorstandsmitglied der Fintechrockers sowie als Partner der Crypto Advisory Group unterstützt er etablierte Unternehmen sowie aufstrebende Startups dabei, ihre Geschäftstätigkeit friktionsfrei in digitalen Ecosystemen und in der Blockchain zu verankern.

Als früherer CTO bei Ifolor, Head of Digital Experience bei Swiss Life und als Leiter Digital Business bei den SBB, war Patrick Comboeuf federführend verantwortlich für eine Vielzahl digitaler Initiativen. Er teilt sein Wissen gerne sozialmedial auf LinkedIn und Twitter sowie als Keynote Speaker, Moderator oder Podiumsgast auf Konferenzen im In- und Ausland.