Künstliche Intelligenz

GenAI Zurich – die Macher haben übernommen

Bühne mit Leinwand am GenAI Zurich

Nach zwei Tagen GenAI meint Patrick Comboeuf: Der Honeymoon ist vorbei. Und das ist wunderbar.

Die Crew rund um die umtriebigen Köpfe der GenAI Zurich lockte einmal mehr progressive Vor-, Mit- und Nachdenker der globalen Tech- und Digital-Elite nach Zürich vor Ostern. Das abwechslungsreiche und hervorragend kuratierte Programm stand unter dem ambitionierten Anspruch, den Nebel des KI-Hypes zu lichten und Generative AI endlich in greifbaren Business Value zu übersetzen.

Wurden die Organisatoren diesem hehren Anspruch gerecht? Für den eiligen Leser die Antwort in Kurzform: Absolut. Aber mit einer Klarheit, die den reinen Technokraten wehtun dürfte.

Für alle anderen gibt’s hier ein paar Reflexionen zu Inhalt, Teilnehmern, dem elektrisierenden Vibe in den Räumen und auf der Bühne im Zürcher Volkshaus sowie dem eigentlichen Elefanten im Raum: uns Menschen.

Der "Zurich Vibe" – Vom Beobachter zum Akteur

Wer in den letzten Monaten irgendwo im Internet (ja, das gibt’s noch…;)) unterwegs war, konnte sich vor generischen KI-Platitüden kaum retten. Doch vor Ort in Zürich spürte man etwas völlig anderes. Die unternehmerische Inertia – dieses typisch schweizerische "Warten wir mal ab, was die Amerikaner machen" – war wie weggeblasen.

Aldo Podestà brachte diese Energie in seinem Rückblick wunderbar auf den Punkt: «Zurich felt different today. Not because of another shiny tech release, but because the collective mindset shifted from exploring to executing.»

Genau das ist es, was die Entrepreneure und mutigen Macher von den Mitläufern oder Bedenkenbewirtschaftern unterscheidet: Das "Risk of Ignorance" übersteigt mittlerweile jedes finanzielle Risiko eines Pilotprojekts. Wer jetzt noch in endlosen Komitee-Sitzungen abwägt und debattiert, hat den Knall nicht gehört. Die Konferenz hat unmissverständlich klargemacht: Die Macher haben das Steuer übernommen.

Das heisst mitnichten, dass das ungezügelte Ausgabenwachstum für Lizenzen der Myriaden von Tools und Modellen so weitergeht. Viele Unternehmen haben erkannt und auch unter Beweis gestellt, dass hier mittlerweile sehr selektiv vorgegangen wird.

Wer jetzt noch in endlosen Komitee-Sitzungen abwägt und debattiert, hat den Knall nicht gehört

Agentic AI als Lizenz zum Leapfrogging?

Eine der stärksten thematischen Strömungen der Konferenz war der rasante Shift von rein generativen hin zu produktiven "agentischen" Modellen (Agentic AI). Wir tippen nicht mehr nur Prompts in ein Chatfenster, wir orchestrieren digitale Assistenten, die autonom komplexe Tasks abarbeiten.

Das ist der Sweetspot für den Standort Schweiz. Joel Walther fasste diesen "Swiss Tech"-Muskel nach der Veranstaltung treffend zusammen: «We are moving beyond chatbots to Agentic AI. The energy at the GenAI Zurich proves that the Swiss ecosystem doesn't just consume innovation, we actively build it.»

Wir werden in Europa die Milliardenbudgets der Big Techs nicht überbieten können. Müssen wir auch nicht. Unsere Chance liegt darin, die klügsten, sichersten und pragmatischsten Ökosysteme zu bauen. Massgeschneidert für den Kontinent der mittelständischen Unternehmen, verlässlich wie ein Uhrwerk und basierender auf der legendären Ingenieurskunst. Cleverness (und Datenqualität) schlägt Budget.

Der Elefant im Raum: The Human in the Loop

Doch bei all der faszinierenden Technik und den beeindruckenden Demos – KI wird auch nach den Flitterwocher gerade in den Unternehmen nur fliegen, wenn das Team #AugmentedHumanity sich ausreichend Gehör verschafft. Die beste Technologie verkommt zu einer Investitionsruine, wenn wir die Menschen in der Organisation nicht früh und in vielen Facetten mitzunehmen imstande sind.

Die beste Technologie verkommt zu einer Investitionsruine, wenn wir die Menschen in der Organisation nicht früh und in vielen Facetten mitzunehmen imstande sind

Vor zwei, drei Jahren mag manch ein Quick-Fix-Manager oder Kostenreduzier-Guru geglaubt haben, er könne ein KI-Tool einfach über den Zaun werfen und auf ein Effizienzwunder hoffen. Die Transformations-Expertin Carolin Biedermann traf den Nagel auf den Kopf: «AI Transformation ist 10 Prozent Tech und 90 Prozent Change Management. Wenn wir die Kultur nicht mitnehmen, scheitert der beste Code.»

Technokratische Empfehlungen, die den menschlichen Faktor, Ängste und die mitunter nicht gänzlich unberechtigte Change-Resistenz in traditionellen Unternehmen ausblenden, sind toxisch. Wir müssen die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter befähigen, nicht ersetzen. Technologie wie Künstliche Intelligenz muss uns dienen, nicht umgekehrt.

Diesen zutiefst menschlichen Aspekt des Events unterstrich auch Alica Pesic sehr passend: «In the end, it’s the human connections that turn AI from a tool into a transformation. Der persönliche Austausch heute war pures Gold.»

Aufstehen, Krone richten, Prompts schreiben

Die GenAI Zurich war kein lauter, notwendiger Weckruf, sondern eher eine Bestätigung dafür, was viele Unternehmen und Protagonisten der Szene unterschwellig schon eine Weile gespürt haben. Der Honeymoon der netten KI-Bildchen ist definitiv vorbei. Jetzt beginnt die anstrengendere, aber – weil viel wirksamer – auch wunderbare Arbeit im Maschinenraum der Transformation.

Wir müssen aufhören, Referenzierungen zu Tech-Giganten unreflektiert als allgemeingültiges Rezept für den hiesigen Mittelstand zu verkaufen. Oder wie es Olivier Cornet, CEO von Livemap, pointiert auf den Punkt brachte: «Wir brauchen mutige Leader und fähige Engineers, die im Tandem den Status quo herausfordern. Das bedeutet zwangsläufig auch, Fehler zu machen. Jede gute Idee verliert im ersten Kontakt mit der Realität ein paar Federn.»

Der Autor: Patrick Comboeuf (com)

Patrick Comboeuf, Redaktion MoneyToday.ch

Vordenker für digitale Themen in der Schweiz mit starkem Draht ins Silicon Valley. Ausgeprägtes Gespür für Entwicklungen, digitale Notwendigkeiten und Defizite. Patrick ist Associate Editor bei MoneyToday.ch und als Beobachter und Schreiber für unsere Redaktion unterwegs, um den Scheinwerfer auf Ereignisse und Protagonisten zu richten.