Künstliche Intelligenz

Wird die KI zum neuen Gatekeeper in der Finanzberatung?

Ein Banken steht vor einer KI und bittet um Finanzberatung
Quelle: KI

Viele Menschen nutzen KI als "Erstkontakt" für Finanzberatung. Das wirkt sich auch auf die Rolle von Banken und Vermögensverwaltern aus.

Hat Künstliche Intelligenz das Zeug zum Finanzberater? Und, falls ja, wird diese Begabung von Anlegerinnen und Anlegern auch in Anspruch genommen?

Eine aktuelle Studie der Hochschule Luzern unter der Leitung von Prof. Dr. Andreas Dietrich zeigt: Bereits jede vierte Person in der Schweiz hat ChatGPT oder andere KI-Modelle schon einmal für Finanz- oder Anlagefragen konsultiert. Unter den Anlegerinnen und Anlegern ist es sogar jede dritte Person (32%).

Fazit: KI ist auf dem besten Weg, auch bei Finanz- und Anlagefragen im Mainstream anzukommen.

Unterschiede gibt es erwartungsgemäss bei den Altersgruppen: 32 Prozent der Gen Z stellen ihre Finanzfragen gelegentlich bis täglich an ChatGPT und Co. Bei der Generation Y sind es noch 15 Prozent. Bei der Babyboomer-Generation hingegen nutzen 89 Prozent KI gar nie für Finanzfragen.

Die erste Beratung findet immer häufiger bei der KI statt

Fragen zu ETFs, Hypotheken, Steuern oder zur Altersvorsorge wurden bislang traditionellerweise mit einem Finanzberater der Bank besprochen. Das ist heute noch nicht ganz anders, aber ChatGPT, Claude oder Gemini sind ganz nah und deshalb mit im Spiel.

Die Künstliche Intelligenz beantwortet auch komplexe Finanzfragen in Sekunden, erklärt Zusammenhänge verständlich und liefert auf Wunsch sogar unterschiedliche Strategien – immer verfügbar und ohne Ladenschlusszeiten. Wer mitten in der Nacht Fragen beantwortet haben will, bekommt das Feedback auch um Mitternacht.

Damit verändert sich die Customer Journey grundlegend. Die erste Beratung findet immer häufiger nicht mehr in einer Bankfiliale oder auf einer Website statt, sondern im Dialog mit einer KI.

Beeinflusst KI auch bereits Anlageentscheide?

Die Studie belegt: Die Nutzung von KI bleibt nicht auf allgemeine Informationen beschränkt, sie beeinflusst konkret Verhalten und Entscheide.

Rund die Hälfte der Personen, die KI für Finanzfragen einsetzen, gibt an, ihr Spar- oder Anlageverhalten aufgrund der Antworten angepasst zu haben. Manche investieren mehr, andere sparen konsequenter oder treffen ihre Anlageentscheide schneller. Selbst Anbieterwechsel werden bereits durch KI-Empfehlungen ausgelöst.

Die Künstliche Intelligenz wird damit zu einem echten Einflussfaktor für finanzielle Entscheidungen.

Für Banken beginnt ein neuer Wettbewerb

Bislang entschieden Suchmaschinen, Vergleichsportale oder Empfehlungen aus dem persönlichen Umfeld darüber, welche Anbieter überhaupt in Betracht gezogen wurden. Künftig übernimmt auch diese Rolle zunehmend die Künstliche Intelligenz. 

Wer in den Antworten einer KI nicht vorkommt oder nicht überzeugend präsentiert wird, verliert potenzielle Kundinnen und Kunden. Die Konkurrenz um die Aufmerksamkeit der Kundschaft verschiebt sich damit auf eine völlig neue Ebene.

Finanzberater verschwinden nicht, aber ihre Rolle verändert sich

Diese Entwicklung läutet nicht das Ende der persönlichen Beratung ein, die bleibt wichtig. Gerade bei komplexen Vermögens-Strukturen, im Zusammenhang mit Hypotheken, der Altersvorsorge oder der Nachlassplanung bleiben Erfahrung, Vertrauen und individuelle Beratung entscheidend.

Aber die Ausgangslage verändert sich. Immer mehr Kundinnen und Kunden erscheinen mit Vorwissen aus einem KI-Gespräch am Beratungstisch der Bank. Sie kommen vermehrt nicht mehr mit der Frage «Was soll ich tun?», sondern mit der Frage «Stimmt das, was mir ChatGPT empfohlen hat?».

Der Finanzberater ist damit oftmals nicht mehr der erste Informationsanbieter, er wird vielmehr zum Sparringspartner, der Empfehlungen einordnet, Risiken aufzeigt und individuelle Lösungen entwickelt. In gewisser Weise sitzt dabei die KI immer am Tisch.

Der Wandel hat erst begonnen

Die Studie zeigt darüber hinaus und mit überzeugenden Zahlen, dass Künstliche Intelligenz inzwischen im Alltag angekommen ist. Besonders jüngere Generationen nutzen KI regelmässig. Sie werden dieses Verhalten beibehalten, auch und gerade bei Finanzfragen.

Für Banken und Vermögensverwalter bedeutet das: KI ist weit mehr als nur ein neuer digitaler Kanal. Es ist ein grundlegender Wandel des Informations- und Beratungsverhaltens im Gange.

Die entscheidende Erkenntnis lautet: ChatGPT & Co. ersetzen den Finanzberater nicht. Die KI-Modelle werden aber für immer mehr Menschen zur ersten Anlaufstelle bei Finanzfragen.

Das sollten Finanzinstitute im Auge behalten, aus naheliegenden Gründen: Wer den ersten Kontakt zum Kunden verliert, verliert oftmals auch den zweiten.

Daraus lässt sich schliessen: Die eigentliche Disruption besteht nicht darin, dass KI Finanzberater ersetzt. Aber sie entscheidet immer häufiger darüber, welcher Finanzberater überhaupt noch eine Chance hat.