Die Zukunft der Zahlungskarten | Teil 2

Zahlungsmethoden im Wandel – Welche Entwicklungen prägen die Zukunft von Zahlungskarten?

Uwe Jaspers von Entrust
Bild: Entrust

Physische Zahlkarten werden nicht verdrängt, sie werden durch neue Technologien ergänzt – im Zentrum steht die Konvergenz physischer und digitaler Zahlungssysteme.

Auch wenn der Name "Entrust" nur den wenigsten Verbrauchern geläufig ist, so werden über 80 Prozent aller Bezahlkarten weltweit mit den Lösungen von Entrust personalisiert und jeden Tag werden über 10 Millionen Identitäts- und Zahlungsnachweise ausgegeben. Hinzu kommen über 24 Millionen SWIFT-Nachrichten, die täglich mit Technologien von Entrust verschlüsselt und gesichert übertragen werden. Und auch wenn es um das Bezahlen per Smartphone geht, sind Lösungen von Entrust zur digitalen Identitätsprüfung und kontextuellen Authentifizierung im Einsatz.

Uwe Jaspers, VP Financial Secure Issuance Sales EMEA bei Entrust, wirft im zweiten Teil seiner Analyse einen fundierten Blick in die unmittelbare Zukunft von sicheren Bezahlsystemen.


Wie sieht die Zukunft für Zahlungskarten aus?

Auch wenn der grösste Anteil finanzieller Transaktionen über die Zahlungssysteme der drei grossen Player Union Pay, Visa und Mastercard läuft, so gibt es eine nahezu unüberschaubare Vielzahl weiterer Kartenanbieter – angefangen von den grossen Namen wie American Express, über nationale Zahlungssysteme bis hin zu Private Label-Karten im Einzelhandel, zum Beispiel von Kaufhäusern oder Tankstellennetzen. 

Wir gehen davon aus, dass sich insbesondere der Bereich der nationalen Zahlungssysteme (wie zum Beispiel die Girocard oder die Cartes Bancaires) in den nächsten Jahren erheblich weiterentwickeln wird. Hier gibt es viele Vorteile, die auch für Länder mit einer weniger globalen Infrastruktur von Vorteil sind – unter anderem die Fähigkeit, massgeschneiderte Angebote zu entwickeln oder in enger Zusammenarbeit mit Zentralbanken, lokalen Banken oder Händlerorganisationen die notwendigen technischen und regulatorischen Infrastrukturen bereitzustellen.

So wird lokalen Anbietern und Konsumenten der Zugang zu Zahlungssystemen leichter gemacht und die Abhängigkeit von internationalen Organisationen sinkt. Wir sehen daher eine starke Zunahme bei neu ausgestellten Karten für nationale Zahlungssysteme. Ein prominentes Beispiel ist die Mir-Karte in Russland. Seit ihrer Einführung im Jahr 2015 wurden bereits 79 Millionen Karten ausgestellt, derzeit versucht man das System auch ausserhalb Russlands zu etablieren. Andere Beispiele sind RuPay in Indien und Troy in der Türkei. 

Auch in der EU wird schon seit längerem an einem eigenen System gearbeitet. Am 2. Juli dieses Jahres gab nun eine Gruppe von 16 europäischen Grossbanken aus fünf Ländern (Belgien, Frankreich, Deutschland, den Niederlanden und Spanien) bekannt, dass mit der Implementierungsphase eines neuen einheitlichen Zahlungssystems begonnen werden soll. Die European Payments Initiative (EPI) hat es sich zum Ziel gesetzt, eine einheitliche gesamteuropäische Zahlungslösung zu schaffen, die Instant Payments/SEPA Instant Credit Transfer (SCT Inst) nutzt und eine Karte für Verbraucher und Händler in ganz Europa, eine digitale Brieftasche sowie P2P-Zahlungen bietet.

Die Lösung zielt darauf ab, ein neues Standard-Zahlungsmittel für europäische Verbraucher und Händler für alle Arten von Transaktionen zu werden – in Geschäften, online, zur Bargeldabhebung und für "Peer-to-Peer"-Zahlungen. Bis Ende 2020 haben europäische Marktteilnehmer, einzelne Banken oder Bankenkonsortien sowie Drittanbieter von Zahlungsdienstleistungen Zeit, sich der Initiative anzuschliessen. Es wird erwartet, dass EPI im Jahr 2022 in die operationelle Phase eintreten wird.

Neben der zu erwartenden steigenden Nachfrage bei nationalen Zahlungssystemen sind auch im Bereich der öffentlichen Verkehrsmittel neue Einsatzmöglichkeiten für die Zahlungskarte zu erwarten. Derzeit wenden sich viele Verkehrsbetreiber von Papiertickets, Magnetstreifen und Bargeldzahlungen ab und wechseln von geschlossenen Zahlungskreisläufen zu offenen Konzepten. Hieraus ergeben sich weitere Möglichkeiten für kontaktlose Karten, E-Wallets und für das Bezahlen über mobile Endgeräte. Ähnliche Initiativen sieht man bei Tankstellen oder Mietwagen-Verleihern. Ein weiterer Einsatzbereich sind Karten für Gehaltsabrechnungen oder soziale Dienstleistungen, die insbesondere Menschen zugutekommen, die über kein eigenes Bankkonto verfügen.

Neue Technologien für die Zahlungskarte der Zukunft 

Mit den zunehmenden Anwendungsgebieten verändern sich nun auch die technischen Möglichkeiten im Bereich der Zahlungskarten rasant. Zunehmend werden Technologien für das Instant Issuing, also die sofortige Ausstellung von Bezahlkarten angefragt. Musste man früher einige Tage warten, bis man von seiner Bank oder anderen Zahlungsdienstleistern eine personalisierte Karte zugeschickt bekam, ist es mittlerweile oft nur noch eine Frage von wenigen Minuten. Karten werden heute nicht mehr nur bei stationären Bankfilialen und Kartenpersonalisierungsbüros ausgestellt, sondern auch an Terminals in Einzelhandelsgeschäften, auf Kreuzfahrtschiffen, Flughäfen, an Kiosken oder in Spielbanken.

Möglich wird das durch technologische Innovationen, die ein Höchstmass an Sicherheit und Datenschutz garantieren. Mobile ID-Proofing-Technologien ermöglichen die kontaktlose Identifikation und Multi-Faktor-Authentifizierung des Kunden. Transaktionale Risikoanalysen und kontextuelle Authentifizierung gehören zu den Schlüsselkomponenten für sichere Transaktionen über das Smartphone. Der Daten- und Kommunikationsschutz wird durch Public Key Infrastructure (PKI)-Lösungen mit lückenloser Schlüsselverwaltung gewährleistet. Entrust bietet sogar eine Lösung für die sichere, PCI-konforme Ausstellung von Karten über die Cloud an.   

Ein weiterer Trend sind mobile Bankfilialen mit Selbstbedienungsterminals, in denen Verbraucher ihre finanziellen Transaktionen eigenständig durchführen können. Dies funktioniert nicht nur für das Abheben und Einzahlen von Beträgen, teilweise werden auch bereits Instant Issuing Services angeboten. Insbesondere im Nahen Osten sind solche mobilen Bankfilialen in Vans oder Bussen stark im Kommen.  

Der Formfaktor von Bezahlkarten hat sich über die Jahre hinweg wenig verändert, dafür jedoch ihre Ausstattung mit digitalen Funktionen. Wir sehen immer mehr Karten mit integrierter Elektronik, wie zum Beispiel kleinen Buttons, über die sich bei Multi-Accountkarten der gewünschte Kartentyp (Debit- oder Kreditkarte) festlegen lässt. Auch Karten mit OTP (One Time Password)-Display zur Authentifizierung sind im Einsatz. Selbst Varianten mit dynamischem CVV Code existieren bereits.

Jegliche Karten mit Display sind aber immer noch sehr kostspielig und daher noch nicht im Massenmarkt angekommen. Vermutlich werden sich biometrische Sicherheitsfunktionen auch eher durchsetzen – zum Beispiel Karten mit integriertem Fingerprint-Sensor. Dieser aktiviert nach erfolgter Authentisierung ohne PIN-Eingabe den kontaktlosen Zahlvorgang. Wir schätzen die Akzeptanz für solche Sicherheitsfunktionen hoch ein, da Verbraucher diese bereits von ihrem Smartphone kennen und nutzen.

Auch im Bereich Design hat die Zunahme der Kartenanbieter zu frischem Wind geführt. Heute sehen wir zum Beispiel vertikale Karten, personalisierte Bilder und Texte, aber auch verstärkt Karten aus Metall oder umweltfreundlicheren Materialien mit einem gegenüber Plastik reduzierten ökologischen Fussabdruck. Hier öffnen neue digitale Druck-Technologien den Weg für innovative Ansätze.

Fazit: Konvergenz physischer und digitaler Zahlungssysteme

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Auswahl an verschiedenen Zahlungsweisen in den letzten Jahren zwar stark gestiegen ist, die Kartenzahlung aber immer noch mit weitem Abstand als beliebteste Zahlmethode fungiert – ob in lokalen Geschäften, online oder mobil. Dies wird durch den Trend hin zum kontaktlosen Bezahlen nochmals weiter angetrieben. Derzeit sieht es also nicht nach einer Verdrängung physischer Zahlkarten durch digitale und mobile Lösungen aus, eher nach einer Ergänzung.

Das Angebot verbreitert sich stetig, um für jeden individuellen Kunden und jede individuelle Situation die optimale Lösung bieten zu können. Gleichzeitig gibt es jedoch einen Verdrängungswettbewerb innerhalb der einzelnen Systeme – so sind zum Beispiel einige Anbieter von E-Wallets mittlerweile wieder vom Markt verschwunden. Entscheidend wird für alle Zahlungsmethoden das Vertrauen der Verbraucher in die Sicherheit und den Schutz ihrer Daten sein.


Zahlungsmethoden im Wandel – Eine Analyse in zwei Teilen

Im ersten Teil seiner Analyse wirft Uwe Jaspers einen tiefergehenden Blick auf den Stand der Entwicklung digitaler Zahlungsmethoden – hier zu lesen.