Angesichts des jüngsten Preisschubs bei Bitcoin stellt sich die Frage, ob sich der aktuelle Bärenmarkt seinem Ende nähert. Seit dem Tief bei knapp 58’000 US-Dollar ist der Kurs zeitweise auf über 80’000 US-Dollar gestiegen und hat dabei mehrere wichtige technische und On-Chain-Marken zurückerobert. Dies deutet darauf hin, dass sich die Marktdynamik verändern könnte. Eindeutig ist die Lage jedoch noch nicht. Die kommenden Wochen dürften entscheidend dafür sein, ob die jüngste Rally den Beginn einer breiteren Trendwende markiert oder lediglich eine weitere vorübergehende Erholung innerhalb des Bärenmarkts darstellt.
Autor: Pascal Hügli, Crypto Investment Manager bei Maerki Baumann
Bitcoin hat mit der jüngsten Rally gleich mehrere wichtige Schwellen überwunden. Der Kurs liegt wieder über dem 200-Tage-Durchschnitt von rund 69’500 US-Dollar. Auch die durchschnittliche Anschaffungsschwelle der Kurzzeithalter, die ungefähr bei 70’000 US-Dollar liegt, wurde zurückerobert. Damit befinden sich viele Marktteilnehmerinnen und Marktteilnehmer, die in den vergangenen Monaten gekauft haben, wieder im Gewinn.
Hinzu kommt der Durchbruch über den 10-Monate-Durchschnitt. Historisch war dessen erstmalige Rückeroberung nach mehreren Monaten eines Bärenmarkts jeweils ein starkes Indiz dafür, dass die Abwärtsphase auslief. Das ist keine Garantie für einen neuen bullischen Aufwärtstrend, erhöht aber die Wahrscheinlichkeit eines Regimewechsels.
Die entscheidende Hürde liegt bei rund 81’000 US-Dollar
Freie Bahn hat Bitcoin damit noch nicht. Der 50-Wochen-Durchschnitt liegt derzeit bei rund 81’000 US-Dollar und hat sich in früheren Marktphasen als hartnäckiger Widerstand erwiesen. Auch diesmal dürfte der Bereich von den verbleibenden Bären verteidigt werden. Nach dem jüngsten Anstieg auf über 81’000 US-Dollar fiel Bitcoin wieder unter 80’000 US-Dollar zurück.
Für eine belastbarere bullische Bestätigung müsste Bitcoin diese Zone nachhaltig durchbrechen und anschliessend als Unterstützung etablieren. Solange dies nicht gelingt, bleibt auch ein erneuter Rücksetzer möglich.
Hinzu kommt die September-Saisonalität. Seit Bestehen von Bitcoin war der September im Durchschnitt der schwächste Monat. Allerdings hat dieses Muster in den vergangenen drei Jahren nicht gehalten: 2023, 2024 und 2025 endeten jeweils mit einem positiven September-Ergebnis. Saisonalität liefert daher Kontext, aber kein verlässliches Signal für sich allein.
Gewinnmitnahmen treffen auf institutionelle Nachfrage
Die On-Chain-Daten zeigen zudem, dass einige Anlegerinnen und Anleger, die sich während der Schwächephase bei Kursen um 60’000 US-Dollar positioniert hatten, die jüngste Rally für Gewinnmitnahmen nutzten. Nach dem schnellen Anstieg ist ein solcher Verkaufsdruck nicht ungewöhnlich. Er zeigt jedoch, dass sich Bitcoin oberhalb der jüngsten Akkumulationszone zunächst durch diese "Hot Money"-Abverkäufe arbeiten muss.
Gleichzeitig sind institutionelle Käufer wieder stärker in den Markt zurückgekehrt. In den vergangenen zwei Wochen sind rund 2.5 Milliarden US-Dollar in Bitcoin-ETFs geflossen. Weitere 1.5 Milliarden US-Dollar flossen in Ethereum-ETFs. Bemerkenswert ist, dass die Ethereum-ETFs in diesem Zeitraum an keinem einzigen Tag Nettoabflüsse verzeichneten. Das ist wichtig. Denn wenn bestehende Anleger Gewinne mitnehmen, institutionelles Kapital dies jedoch kompensiert, kann der Markt trotz des unter der Oberfläche liegenden Verkaufsdrucks potenziell stabil bleiben.
Der Vierjahreszyklus steht vor einem historischen Test
Von einem definitiven Ende des Bärenmarkts zu sprechen, wäre dennoch verfrüht. Marktteilnehmerinnen und Marktteilnehmer sollten weniger in absoluten Szenarien als in Wahrscheinlichkeiten denken. Und die Wahrscheinlichkeit, dass sich der Bärenmarkt seinem Ende nähert, ist mit der Rückeroberung der zentralen Niveaus klar gestiegen.
Besonders spannend ist nun, ob Bitcoin das Muster des viel diskutierten Vierjahreszyklus durchbrechen kann. Bleibt der jüngste Aufwärtstrend in den kommenden rund 40 Tagen intakt und erreicht Bitcoin kein neues Tief, hätte sich der bisherige Zyklustiefpunkt erstmals im dritten statt wie in früheren Zyklen im vierten Quartal gebildet.
Die Bären haben dieses Szenario jedoch noch nicht aufgegeben. Sie verweisen unter anderem auf die US-Midterms am 3. November 2026, die zusätzliche Volatilität auslösen könnten. Aus dieser Perspektive könnte insbesondere ein demokratischer Sieg im Kongress kurzfristig eine negative Bitcoin-Reaktion provozieren. Dabei handelt es sich um ein Marktszenario, nicht um eine gesicherte Prognose.
Fazit: definitive Trendwende noch nicht in Sicht
Die jüngste Rally ist mehr als eine gewöhnliche Gegenbewegung: Bitcoin hat den 200-Tage-Durchschnitt, die durchschnittliche Anschaffungsschwelle der Kurzzeithalter und den 10-Monate-Durchschnitt zurückerobert. Gleichzeitig deuten die ETF-Zuflüsse darauf hin, dass institutionelle Nachfrage wieder einen relevanten Teil des Kaufdrucks stellt.
Für eine definitive Trendwende reicht dies noch nicht. Entscheidend ist, ob Bitcoin den 50-Wochen-Durchschnitt und damit die Widerstandszone um 81’000 US-Dollar nachhaltig überwinden kann.
Bleibt der Aufwärtstrend über die kommenden Wochen intakt und entsteht kein neues Tief, würde nicht nur das Ende des Bärenmarkts wahrscheinlicher. Auch der traditionelle Vierjahreszyklus von Bitcoin stünde vor einem historischen Bruch.