Wer Trinkgeld gibt, will es richtig machen. Das ist korrekt von jenen, die Trinkgeld geben. Vor allem aber wichtig für Angestellte in zahlreichen Branchen, die ohne Trinkgelder mit ihrem Haushaltsbudget deutlich schlechter dastehen würden.
Orientierung ist gefragt – besonders bei jungen Erwachsenen
Trinkgelder beschäftigen die Schweizer Bevölkerung offenbar stärker, als man denken könnte. Eine neue Studie der Bank Cler und der ZHAW zeigt: Mehr als 40 Prozent der befragten Schweizerinnen und Schweizer sind gelegentlich oder häufig unsicher, ob und wie viel Trinkgeld in einer bestimmten Situation angebracht ist.
Besonders gross ist diese Unsicherheit dort, wo es keine historisch gewachsene Trinkgeldkultur gibt. Zum Beispiel beim Take-away, am Foodtruck oder beim Autoservice.
Auffällig ist zudem der Unterschied zwischen den Generationen: Junge Erwachsene zwischen 16 und 29 Jahren sind beim Trinkgeld deutlich unsicherer als ältere Personen. 56.8 Prozent der jungen Erwachsenen geben an, zumindest gelegentlich unsicher zu sein, wieviel Trinkgeld angebracht ist. Interessant ist auch, dass in der Deutschschweiz die Unsicherheit (45%) höher ist als in der Romandie (32%) oder dem Tessin (36%).
Im bedienten Restaurant gelten 5 bis 10 Prozent als Richtwert
Fast drei Viertel der Befragten (73.7%) geben in bedienten Restaurants meistens oder immer Trinkgeld, das sind 11.9 Prozentpunkte mehr als bei der Vorjahresumfrage. Nur etwa jeder Zehnte gibt selten oder nie Trinkgeld.
Als informeller Richtwert für das Trinkgeld gelten je nach Kontext zwischen 5 und 10 Prozent der Rechnungssumme. Die Studie zeigt jedoch, dass die wenigsten Menschen das Trinkgeld exakt berechnen. Stattdessen wird meist spontan und intuitiv aufgerundet.
Gerade dieses Aufrunden prägt das Trinkgeldverhalten besonders stark. Kleine Unterschiede beim Rechnungsbetrag beeinflussen die Höhe des Trinkgelds überraschend deutlich:
Ein Kaffee für 4.90 CHF wird häufig lediglich auf 5 CHF aufgerundet. Kostet derselbe Kaffee hingegen 5.10 CHF, bezahlen viele 5.50 CHF oder sogar 6 CHF. Die Höhe des Trinkgelds unterliegt somit weniger mathematischen Regeln. Vielmehr entscheidend sind psychologische Schwellenwerte und Alltagssituationen.
Was gilt als angemessen? Beispiele aus dem Alltag
Wieviel Trinkgeld als angemessen gilt, hängt stark von der Situation und vom Rechnungsbetrag ab. 62.2 Prozent der Befragten entscheiden spontan und abhängig von der jeweiligen Situation, wie viel Trinkgeld sie geben möchten. Nur 10.3 Pozent orientieren sich konsequent an einem fixen Prozentsatz. Gesellschaftlicher Druck spielt laut den Befragten zwar eine kleinere Rolle, dennoch hat rund ein Drittel schon einmal mehr Trinkgeld gegeben als ursprünglich geplant, um nicht geizig zu wirken.
- Im bedienten Restaurant zeigt sich ein klares Muster: Bei einer Rechnung von rund 64 CHF werden durchschnittlich knapp 4 CHF Trinkgeld gegeben – das entspricht etwa 6 Prozent. Fast 44 Prozent runden auf 70 CHF auf, während 33 Prozent lediglich auf 65 CHF aufrunden. In gehobenen Restaurants liegt das Trinkgeld bei einer Rechnung von 112 CHF bei durchschnittlich 7 CHF – 45 Prozent runden auf 120 CHF auf. Im Sternerestaurant steigt der Betrag bei einer Rechnung von 245 CHF zwar auf durchschnittlich 13.30 CHF, prozentual fällt das Trinkgeld mit 5.4 Prozent jedoch leicht tiefer aus.
- Auch bei Essenslieferungen gilt Trinkgeld für viele als üblich: Bei einer Bestellung von rund 30 CHF werden durchschnittlich 1.60 CHF bis 1.90 CHF als angemessen empfunden. Für einen Coiffeurbesuch von 65 CHF gelten meist rund 5 CHF Trinkgeld als passend, bei einer Stadtführung für 36 CHF rund 2 CHF.
- Deutlich grösser ist die Unsicherheit hingegen beim Autoservice. Fast jede zweite Person empfindet den Trinkgeldentscheid dort als schwierig. Nur 3 von 10 Personen finden bei einer Rechnung von 380 CHF ein Trinkgeld überhaupt angebracht – und wer gibt, rundet mehrheitlich auf 400 CHF auf.
Bargeldzahlungen nehmen ab, aber Barzahler bleiben grosszügiger
Trinkgeld wird zwar noch am häufigsten bar gegeben, doch der Anteil ist innerhalb eines Jahres von 69 auf 48 Prozent zurückgegangen. Bemerkenswert: Barzahler halten in fast allen untersuchten Szenarien ein höheres Trinkgeld für angemessen als digitale Zahler. Dies liegt nicht am Rundungsverhalten – auch bei digitalen Zahlungen wird meist auf einen runden Gesamtbetrag aufgerundet.
Fazit
Die Studie macht deutlich: Die Trinkgeldnorm ist in der Schweiz trotz des digitalen Wandels stark ausgeprägt. Vielen Menschen fehlen jedoch Anhaltspunkte für konkrete Situationen. «Wer Trinkgeld gibt, möchte Wertschätzung zeigen – und gleichzeitig sicher sein, dass der Betrag passt. Unsere Studie macht sichtbar, was in der Schweiz heute üblich ist, und schafft damit mehr Klarheit im Alltag», fasst Samuel Meyer, CEO der Bank Cler, zusammen.
Praktisch für die Sommerferien: Trinkgeld-Knigge für das Ausland
Schwieriger wird's oftmals im Ausland, weil Trinkgeld-Gewohnheiten von Land zu Land unterschiedlich sein können. Rechtzeitig zu den bevorstehenden Sommerferien hat die Bank Cler die Gepflogenheiten für alle wichtigen Länder und Regionen zusammengestellt.