Bemerkenswerte Überlegungen waren vom Präsidenten der Deutschen Bundesbank letzte Woche an der Sitzung der Euro50 Group in London zu hören. Joachim Nagel ging in seiner Rede ausführlich auf die zunehmende Bedeutung von Stablecoins ein.
Vor dem Hintergrund des Genius Act, der in den USA Stablecoins reguliert, hielt Nagel fest, dass die US-Regierung den Markt für Kryptowerte offiziell fördert, insbesondere den Markt für Stablecoins, die in US‑Dollar denominiert sind.
Im Vergleich zu anderen "geldähnlichen" Vermögenswerten wie etwa Einlagen, so Nagel, machen Stablecoins zwar nur einen geringen Anteil am Markt aus, doch verzeichneten sie zuletzt eine kräftige Zunahme. Aktuell beläuft sich ihr Marktvolumen je nach Definition auf gut 300 Milliarden US‑Dollar mit stark wachsender Tendenz.
Der Bundesbank-Präsident hob in seiner Rede explizit die Vorteile von Stablecoins hervor. Zum Beispiel die Möglichkeit programmierbarer Transaktionen, die mit Zentralbankgeld noch nicht möglich sind. Oder dass Stablecoins mit geringeren Transaktionskosten und kürzeren Ausführungszeiten auch und gerade grenzüberschreitende Zahlungen erleichtern würden, für Private und für Unternehmen.
Was bedeutet die Dominanz von US-Dollar-basierten Stablecoins für Europa?
Die zunehmende Bedeutung von Stablecoins könne für den Euroraum auch Risiken bergen, gibt Joachim Nagel, zu bedenken. Nämlich dann, wenn Stablecoins, insbesondere solche in Fremdwährung, weithin als Zahlungs- und Wertaufbewahrungsmittel im Euroraum genutzt werden.
Derzeit liegt der Anteil von Stablecoins in Euro bei unter 1 Prozent, der überwiegende Teil lautet auf US‑Dollar, führte Nagel weiter aus. Bliebe es bei dieser Marktzusammensetzung und würde rein hypothetisch eine heimische Währung durch Stablecoins ersetzt werden, so käme dies einer Dollarisierung der entsprechenden Volkswirtschaft gleich. Die Wirksamkeit der inländischen Geldpolitik, warnte der Bundesbank-Präsident, könnte in diesem Szenario stark beeinträchtigt werden, ganz zu schweigen davon, dass dies die Souveränität Europas schwächen könnte.
Wie kann die Gefahr der Dollarisierung europäischer Volkswirtschaften minimiert werden?
Nagel erachtet das Risiko, dass dieses Szenario eintritt, als gering. Dennoch möchte er die Wahrscheinlichkeit noch weiter verringern und gleichzeitig die Souveräntitä von Europa stärken. Wie kann das gelingen? Der Bundesbank-Präsident sieht zwei Massnahmen:
An erster Stelle die Einführung von digitalem Zentralbankgeld für den Wholesale-Bereich (Wholesale CBDC). Institutionelle Akteure an den Finanzmärkten könnten dann programmierbare Transaktionen in Zentralbankgeld ausführen. Ausserdem würde das europäische Finanzsystem dadurch effizienter und widerstandsfähiger werden. Das Eurosystem hat bereits die notwendigen Sondierungsarbeiten in diesem Bereich durchgeführt und treibt zwei Projekte voran. Ein Projekt hat die Einführung einer Interoperabilitätslösung für Wholesale-CBDCs im laufenden Jahr zum Ziel.
Zweitens könnte das Eurosystem DLT-basierte Zahlungsinstrumente unterstützen, die nicht direkt mit Zentralbankgeld verbunden sind, insbesondere tokenisierte Einlagen und auf Euro lautende Stablecoins.
Diese Massnahmen, so Nagel, würden es möglich machen, hochmoderne digitale Technologien zu nutzen, um die Wirksamkeit der Geldpolitik in einer unsicheren geopolitischen Zukunft aufrechtzuerhalten. Darüber hinaus würden sie die Souveränität Europas stärken.
Die neue Offenheit der Zentralbanken
Die Statements des Bundesbank-Präsidenten sind bemerkenswert und zeigen eine erstaunlich grosse Offenheit der Deutschen Bundesbank und wahrscheinlich auch der Europäischen Zentralbank (EZB) gegenüber Stablecoins. Bei den CBDCs ist die EZB weitgehend autonom, bei den Stablecoins hingegen läuft es nicht ohne private Anbieter.
Verschiedene Initiativen von US-Präsident Donald Trump, Kryptowährungen und insbesondere Stablecoins in den amerikanischen Zahlungs-Alltag zu bringen, lösen mit Blick auf Stablecoins berechtigerweise Befürchtungen aus, die Dollar-Dominanz könnte auch auf Europa überschwappen.
Im Krypto- und DeFi-Bereich ist das schon längst passiert, im "normalen" Zahlungsverkehr von Privaten und von Unternehme innerhalb von Europa ist im Moment das Feld noch offen.
Fazit
Es ist sicher eine gute Idee, der Dollar-Dominanz im Stablecoin-Markt mit Euro-basierten Stablecoins zu begegnen. Und entsprechenden Initiativen auch von regulatorischer und EZB-Seite her Rückenwind zu geben.
Ein vielversprechendes Projekt kommt von AllUnity mit dem Euro-Stablecoin EURAU, wir haben berichtet, hier, hier und hier. Die neue Offenheit der Zentralbanken hilft mit, die Euro-Dominanz im Euroraum verteidigen zu können. Die Euro-Stablecoin-Initiative von AllUnity wird inzwischen auch von der Deutschen Börse unterstützt, um dem EURAU in Europa Flügel zu verleihen.
Aus derselben Küche kommt übrigens auch der nächste CHF-gedeckte Stablecoin – also nicht aus der Schweiz, sondern aus Deutschland. Wir haben berichtet, hier. AllUnity hat das schon länger anhaltende Krypto- und Stablecoin-Regulierungs-Vakuum in der Schweiz genutzt und lanciert den CHFAU-Stablecoin.
Das FinTech will damit nach eigenen Aussagen den Schweizer Franken, eine der stabilsten und vertrauenswürdigsten Währungen der Welt, auf digitale Märkte erweitern. Das klingt nach einer überzeugenden Zielsetzung, die auch gut zu einem Schweizer Unternehmen mit einem Schweizer Stablecoin gepasst hätte.