Quantenbedrohung: Hat das Rennen bereits begonnen?

Ein Quantencomputer steht vor einem Bankhaus, dazwischen ein Schutzschild
Quantencomputer könnten eines Tages heutige Verschlüsselungsverfahren überwinden – Banken müssen sich bereits jetzt auf diese Herausforderung vorbereiten | Bild: Me & KI

Thomas Brunner von Sygnum ist der Meinung: Digitale Vermögenswerte sind heute sicher. Aber die Bedrohung ist dennoch ernst zu nehmen.

Die Meinungen zum Gefahrenpotenzial von Quantencomputern gehen heute noch ziemlich weit auseinander. Die einen glauben, dass die Entwicklung schneller zu realen Bedrohungs-Szenarien führen könnte als heute vermutet. Andere denken, wenn überhaupt, dann vielleicht in zehn Jahren oder noch später. Und ganz Unbekümmerte sind der Ansicht, dass um Quantencomputer viel Lärm um nichts gemacht wird und daraus niemals eine neue Bedrohung entstehen wird.

Den absoluten und treffsicheren Blick in die Zukunft hat niemand. Thomas Brunner, Leiter Custody und Staking bei Sygnum, hat aber eine klare Vorstellung davon, wie insbesondere Banken heute schon mit dem Thema umgehen sollten. Er plädiert dafür, die Bedrohung ernst zu nehmen – und er erklärt auch, warum.

Codes schützen unsere Zahlungen, Banktransaktionen und digitalen Vermögenswerte. Sie könnten eines Tages von einem Quantencomputer geknackt werden. Niemand weiss, wann das geschehen wird. Banken müssen jedoch auf diese Möglichkeit vorbereitet sein.

Fachleute haben für diesen Moment einen Namen: "Q-Day". Das ist der Tag, an dem ein Quantencomputer die Codes knacken kann, die das Finanzsystem absichern. Heute ist keine Maschine dazu in der Lage. Die Prognosen darüber, wann es so weit sein könnte, gehen weit auseinander.

Die Bedrohung ist dennoch ernst zu nehmen. Diese Schutzcodes erfüllen zwei Aufgaben: Sie machen Daten unlesbar und signieren Transaktionen, um zu belegen, wer sie autorisiert hat. Bei digitalen Vermögenswerten bilden sie die Schlüssel, die den Zugang zu den Vermögenswerten selbst ermöglichen. Algorithmen, die Quantenangriffen standhalten können, gibt es bereits. Mehrere Regierungen fordern ihre Einführung schon heute. Der richtige Ansatz ist, die zeitliche Unsicherheit gelassen zu nehmen und mit der Arbeit zu beginnen.

Algorithmen, die Quantenangriffen standhalten können, gibt es bereits – mehrere Regierungen fordern ihre Einführung schon heute

Ein Risiko, das bereits heute besteht

Die Migration einer grossen Institution braucht Zeit. Daten, die heute gestohlen werden, könnten morgen entschlüsselt werden. Dahinter steckt die Strategie "heute sammeln, später entschlüsseln": Ein Angreifer fängt verschlüsselte Daten ab und setzt darauf, dass künftige Maschinen sie entschlüsseln können. Für alle Informationen, die lange relevant bleiben, besteht diese Bedrohung bereits heute.

Am meisten Sorgen bereitet das Risiko von Fälschungen. Gefälschte Signaturen könnten es ermöglichen, digitale Vermögenswerte zu bewegen, die man für geschützt hielt.

Zwei Arbeitsbereiche, die parallel angegangen werden müssen

Eine Bank muss zwei Ebenen gleichzeitig migrieren: die Kryptografie, die Vermögenswerte und Kommunikation der Kundinnen und Kunden schützt, sowie die Kernbankensysteme, auf denen sie aufbaut. Diese Systeme sind oft veraltet und miteinander verknüpft. Das Tempo wird durch jene der beiden Ebenen bestimmt, die langsamer vorankommt.

Im Zentrum steht die sogenannte kryptografische Agilität: die Fähigkeit, ein Signatur- oder Verschlüsselungsverfahren auszutauschen, ohne alles zu beeinträchtigen, was davon abhängt, und gleichzeitig den Betrieb aufrechtzuerhalten. Dafür muss bekannt sein, wo die Schlüssel gespeichert sind – oft auch an unerwarteten Orten wie in Backups.

Digitale Vermögenswerte bringen zusätzliche Komplexität mit sich. Eine Verwahrstelle kann die Schlüssel für die On-Chain-Vermögenswerte ihrer Kundinnen und Kunden nicht einfach nach Belieben ändern. Bei einer Migration geht es genauso sehr um Abläufe und Zustimmung wie um Kryptografie.

Deshalb sind wir der Ansicht, dass die Programme der Banken bis 2027 weit fortgeschritten sein sollten – und damit vor den Zeitplänen der grossen Netzwerke liegen. Der grösste Teil der Kosten entfällt darauf, alle Bereiche zu entwirren und zu testen, die auf Kryptografie angewiesen sind.

Ein Thema für den Verwaltungsrat

Für einen Verwaltungsrat sind drei Fragen entscheidend: Wissen wir, wo unsere kryptografischen Risiken liegen? Haben wir einen Migrationsplan? Verfügen wir über die nötige Agilität, um ihn umzusetzen? Sobald die Aufsichtsbehörden dieses Risiko in ihre Berichtsanforderungen aufnehmen, wird es von der Innovations-Roadmap auf die Audit-Agenda rücken.

Bis 2030 oder 2035 wird quantenresistente Kryptografie bei Zahlungen, der Verwahrung und der Kommunikation Standard sein

Auch gegenüber Kundinnen und Kunden ist eine ehrliche Botschaft zugleich beruhigend: Heute kann kein Computer diese Kryptografie knacken, die Vermögenswerte sind sicher und die Arbeit, um das auch künftig zu gewährleisten, läuft bereits. Kundinnen und Kunden wollen wissen, dass ihr Anbieter einen Plan hat und ihn umsetzt, um Risiken frühzeitig zu mindern.

Bis 2030 oder 2035 wird quantenresistente Kryptografie bei Zahlungen, der Verwahrung und der Kommunikation Standard sein. Netzwerke und Verwahrstellen werden die Vermögenswerte ihrer Kundinnen und Kunden reibungslos und mit deren Zustimmung auf neue Signaturen umstellen können. Letztlich geht es um eine Fähigkeit: Kryptografie bei Bedarf ändern zu können. Institutionen, die diese Fähigkeit jetzt aufbauen, werden rechtzeitig bereit sein.