Vom Neoliberalismus zum Technokapitalismus

Milan Calovic, Doktorand in Politikwissenschaft an der Fakultät für Politikwissenschaft der Universität Belgrad
Milan Calovic, Doktorand in Politikwissenschaft an der Fakultät für Politikwissenschaft der Universität Belgrad mit einer Spezialisierung auf Geopolitik, politische Ökonomie und Finanzwesen

Eine kritische Betrachtung: Milan Calovic über CBDCs, datengetriebene Governance und die Rekonfiguration globaler Macht.


Einleitung

Der globale Kapitalismus befindet sich in einem strukturellen Übergang, der über Businesszyklen, Finanzkrisen oder geopolitische Rivalitäten hinausgeht. Im Zentrum dieses Wandels steht jetzt die Natur des Geldes selbst und wie es geschaffen, gesteuert, zirkuliert und überwacht wird. In der heutigen globalen Landschaft, geprägt von rasanten technologischen Innovationen, geopolitischen Umbrüchen und wiederkehrenden Wirtschaftskrisen, zeigt die neoliberale Weltordnung deutliche Anzeichen der Erosion. 1 Dieser Artikel untersucht den Übergang vom neoliberalen Finanzkapitalismus zu einem entstehenden Regime, das häufig als Technokapitalismus bezeichnet wird. 2 Diese Faktoren könnten schlussendlich zu digitaler Governance führen. 3

Aufbauend auf politischer Ökonomie, Elitentheorie und kritischer Theorie analysiert dieser Artikel die institutionellen Grundlagen des Neoliberalismus, den Verlust seiner Legitimität sowie den Aufstieg hybrider Machtstrukturen, in denen finanzielle und technologische Eliten «zusammenschmelzen». Er kommt zu dem Schluss, dass der Technokapitalismus keinen revolutionären Systemwandel darstellt, sondern eine graduelle institutionelle Transformation mit tiefgreifenden Folgen für Demokratie, Souveränität, Finanzsysteme und die gesellschaftliche Struktur insgesamt. 4

Die Analyse konzentriert sich auf den Aufstieg digitaler Währungen, insbesondere von digitalen Zentralbankwährungen (Central Bank Digital Currencies, CBDCs), als neues finanzielles Paradigma, das in umfassendere politische, technologische und ideologische Verschiebungen eingebettet ist. Basierend auf zentralen Werke wie Luis Suarez-Villas Technocapitalism, The Technological Republic von Alex Karp und Nicholas Zamiska, 5 Kohei Saitos Kritik in Capital in the Anthropocene(auch unter dem Titel Slow Down: The Degrowth Manifesto), 6 sowie Yanis Varoufakis’ Diagnose techno-feudaler Machtstrukturen in Technofeudalism, 7 untersucht dieser Artikel, wie sich CBDCs durch technokapitalistische und technokratische Governance-Strukturen verfestigen und zugleich Souveränität, realen Wert und individuelle Autonomie gefährden könnten.

Was ist Technokapitalismus?

Der Übergang vom Neoliberalismus und globalen Finanzkapitalismus zum Technokapitalismus bedeutet nicht nur einen Wandel dominanter Wirtschaftszweige, sondern eine grundlegende Rekonfiguration von Macht. 3 Der Neoliberalismus operiert über Institutionen wie den Internationalen Währungsfonds (IWF), die Weltbank, die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) sowie das Petrodollarsystem. 8 Der Aufstieg einer multipolaren Weltordnung, sichtbar etwa im wachsenden Einfluss Chinas, Indiens und Russlands, stellt jedoch die Hegemonie des US-Dollars infrage und könnte auch neoliberale Institutionen schwächen. 9 Fragmentierte globale Lieferketten, verschärft durch Konflikte (zum Beispiel in der Ukraine oder im Jemen), Sanktionen und Protektionismus, schaffen Raum für eine neue Wirtschaftsordnung. 9

Dieses Nachfolgesystem, das von Zbigniew Brzezinski „technokratische Governance“, 10 von Yanis Varoufakis als „Techno-Feudalismus“, 7 oder von Luis Suarez-Villa als „Technokapitalismus“ bezeichnet wurde, 3 zeichnet sich durch eine tiefere Verflechtung von staatlicher und kooperativer Macht aus, mit besonderem Schwerpunkt auf monopolistischer Kontrolle über Daten, Künstliche Intelligenz und Überwachungssysteme.

Im Gegensatz zum Finanzkapitalismus, der auf Kredit, monetärer Dominanz und Kapitalflüssen beruhte, gründet der Technokapitalismus auf der Kontrolle von Daten, digitalen Infrastrukturen, Algorithmen und programmierbaren Systemen. 11 Der Finanzkapitalismus konnte seine Legitimität nur noch durch Interventionen wie quantitative Lockerung, Nullzinspolitik und Notfallliquidität aufrechterhalten, wodurch die Grenzen zwischen Markt und Staat zunehmend verwischten. 7 Der Technokapitalismus bringt dagegen Lösungen hervor, bei denen technologische Plattformen die Finanzmärkte als primäre Koordinatoren des wirtschaftlichen Lebens ersetzen und die Finanzsphäre technologischen Strukturen unterordnen. 3

Das Finanzsystem der Zukunft: Digitale Zentralbankwährungen

Zentral für diesen Wandel ist die Digitalisierung des Geldes, insbesondere durch CBDCs. Diese stellen keine blossen technischen Aktualisierungen von Bargeld dar, sondern eine Transformation der Ontologie des Geldes selbst. Aus einem anonymen Inhaberinstrument entsteht nachverfolgbare, programmierbare Recheneinheit. 9 Eine CBDC ist die digitale Währung einer Zentralbank, denominiert in nationaler Währung und zugänglich entweder für Finanzinstitutionen (Wholesale) oder für die breite Öffentlichkeit (Retail). Sie ist zentralisiert, erfordert vertrauenswürdige Intermediäre oder staatliche Infrastruktur und verankert politische Zielsetzungen direkt im Geldsystem. 9 Ihr Wert leitet sich aus der Haftung der Zentralbank, dem Status als gesetzliches Zahlungsmittel, der Glaubwürdigkeit in der Sicherung von Preisstabilität, makroökonomischen Fundamentaldaten sowie institutionellen Rahmenbedingungen ab – im Gegensatz zu Kryptowährungen, die auf Knappheit oder Spekulation beruhen. 9

Grundsätzlich jedoch besitzt eine CBDC, wie alle Formen von Fiatgeld, keinen intrinsischen Wert. Sie ist weder an Gold gebunden wie im Goldstandard noch an den globalen Ölhandel in US-Dollar wie im Petrodollarsystem. Vielmehr handelt es sich um ein immaterielles monetäres Konstrukt, dessen Gültigkeit nicht auf physischer Substanz oder inhärenter Knappheit beruht, sondern auf einem sozial produzierten und institutionell durchgesetzten Konsens.

Würden sich Menschen kollektiv weigern, eine CBDC zu nutzen, etwa um sich der durch sie ermöglichten Überwachung zu entziehen, würde sie ihren gesamten Wert verlieren. Im Kern wird der Wert einer CBDC durch gesetzliche Vorgaben, staatliche Autorität, die Glaubwürdigkeit der Zentralbank sowie durch die kollektive Akzeptanz der Nutzer getragen, die die Währung als legitimes Tauschmittel, Recheneinheit und Wertaufbewahrungsmittel anerkennen.

Diese Akzeptanz wird kontinuierlich durch alltägliche ökonomische Praktiken, vertragliche Verpflichtungen, Steuerzahlungen und Abwicklungssysteme reproduziert, wodurch die Nutzung der Währung naturalisiert und ihre Zirkulation stabilisiert wird. In diesem Sinne stellt eine CBDC eine rein abstrakte Geldform dar, die nur so lange existiert, wie Vertrauen, Nachgiebigkeit der Population und koordinierter Glaube in ihren Wert innerhalb des Geldsystems aufrechterhalten werden. 9

Wie Mao Zedong jedoch bekanntlich feststellte, dass politische Macht letztlich „aus dem Lauf eines Gewehrs“ erwächst, beruht auch monetäre Macht auf einer zugrunde liegenden Architektur der Zwangsausübung, namentlich auf der Fähigkeit des Staates, Gesetze durchzusetzen, Steuerzahlungen zu erzwingen, den Zugang zu finanzieller Infrastruktur zu regulieren und Nichtbefolgung zu sanktionieren.

Im digitalen Zeitalter wird diese Zwangsgrundlage zunehmend nicht nur durch physische Gewalt (den „Lauf des Gewehrs“), sondern durch Kontrolle über Zahlungssysteme, Konten, Identitäten und programmierbare Geldregeln vermittelt. Dies verdeutlicht, dass finanzielle Autorität, ebenso wie politische Autorität, untrennbar mit den materiellen und institutionellen Mitteln ihrer Durchsetzung verbunden ist.

Historisch diente Geld selbst unter staatlicher Ausgabe als neutrales Tauschmittel. 4 CBDCs stellen diese Neutralität infrage, indem sie Programmierbarkeit ermöglichen. Die Beschränkung der Verwendung auf bestimmte Güter, die Anwendung differenzierter Zinssätze oder die automatische Durchsetzung von Besteuerung und Geldstrafen wird mit CBDCs möglich. 12 Aus politischer Perspektive erhöht dies die Effizienz während sich aus Sicht der politischen Ökonomie Geld in ein Instrument der Governance verwandelt. 12 In Kombination mit digitaler Identität und KI-gestützter Kreditvergabe könnten solche Systeme die Kreditvergabe automatisieren und technokapitalistische Kontrolle weiter verfestigen. 11

Der Technokapitalismus integriert finanzielle und technologische Eliten, anstatt sie zu verdrängen, und bildet hybride Machtstrukturen, in denen Finanzinstitutionen, Investmentfonds und Technologiekonzerne durch Eigentumsverhältnisse, datengetriebene Finanzpraktiken und gemeinsame Interessen miteinander verflochten sind. 3 Dies zeigt sich besonders deutlich in den Debatten um CBDCs, die programmierbare und vollständig nachverfolgbare Geldsysteme versprechen. Während neoliberale Governance auf Marktmechanismen und Schuldendisziplin beruhte, operiert der Technokapitalismus über algorithmische Kontrolle und digitale Überwachung. 7 Monetäre, soziale und politische Prozesse werden so technischer Gestaltung unterworfen, die in digitale Systeme eingebettet ist. 12

Dieser Übergang lässt sich auch mit Antonio Gramscis Konzept der Hegemonie erklären, dem zufolge Macht nicht allein durch Zwang, sondern durch die Herstellung von Zustimmung oder Konsensus aufrechterhalten wird. 13 Im Technokapitalismus wird Zustimmung durch technologische Systeme sowie durch Diskurse von Effizienz, Sicherheit, Innovation und Resilienz vermittelt, die politische Entscheidungen als technisch notwendig und apolitisch darstellen. Michael Hardt und Antonio Negris Konzept des „Empire“ ergänzt diese Perspektive. Macht zirkuliert zunehmend durch dezentralisierte Netzwerke, Plattformen, Standards, Protokolle und potenziell KI, statt durch territoriale Kontrolle. 14 Kontrolle wird allgegenwärtig, aber unsichtbar, sie wird durch Datenaggregation, algorithmische Selektion und digitale Normen vermittelt. 11

Geopolitische Implikationen und Risiken

Eine multipolare Welt beschleunigt den Technokapitalismus, wobei der Wettbewerb sich auf Künstliche Intelligenz, Quantencomputing und digitale Standards konzentriert. Rivalisierende technologische Ökosysteme verstärken geopolitische Blöcke und verankern Technologie in nationalen Sicherheitsstrategien. 10

Chinas Modell zeigt, wie Technokapitalismus mit staatlicher Kontrolle koexistieren kann, während westliche Ansätze private Plattformen bevorzugen. 5 Der digitale Yuan (e-CNY) veranschaulicht, wie CBDCs geopolitische Ziele fördern können, zum Beispiel die Reduzierung der Abhängigkeit vom US-Dollar, die Verschärfung von Kapitalverkehrskontrollen und den Ausbau von Überwachungssystemen.

Andere Staaten könnten CBDCs aus ökonomischer oder geopolitischer Notwendigkeit einführen, was die Macht des Petrodollars untergräbt und Alternativen zu SWIFT fördert. Dies könnte konkurrierende digitale Währungsblöcke hervorbringen und eine multipolare Geld und Weltordnung beschleunigen. 9

Der Technokapitalismus begünstigt Herrschaft durch Expertise und depolitisiert CBDCs, indem er sie als rein technische Modernisierungen darstellt. 12 Dadurch werden normative Annahmen verschleiert, während Hegemonie durch die Darstellung der Unvermeidlichkeit und Effizienz aufrechterhalten wird. 13 Zu den Risiken zählen die oligarchische Konzentration von Ressourcen in Code, Daten und Netzwerken, wodurch demokratische Prozesse eingeschränkt werden, wenn Algorithmen politische Entscheidungen formen oder ersetzen. 11 Krisen wie zum Beispiel Finanzinstabilität, Pandemien, Klimawandel oder Cyberbedrohungen, dienen als Rechtfertigung für verschärfte Kontrolle, wobei CBDCs in diese Logik nahtlos passen. 2

Kritische Perspektiven warnen davor, dass CBDCs digitale Herrschaftsstrukturen weiter verstärken könnten. Kohei Saito argumentiert, dass digitaler Kapitalismus ökologische Zerstörung und Ungleichheit verschärft und Widerstand durch technologische Abstraktion neutralisiert. 6 Varoufakis beschreibt dieses System als Techno-Feudalismus, in dem Plattformen Renten aus Daten und Infrastruktur extrahieren und klassische Profite verdrängen. 7 CBDCs könnten somit einer rentenbasierten digitalen Ordnung dienen, indem sie Überwachung und Stabilisierung verstärken, ohne Verteilungs- oder ökologische Probleme zu lösen. 6  

Überwachung, verhaltensbezogene Steuerung und intransparente Entscheidungsprozesse untergraben Rechenschaftspflicht und erzeugen eine Machtform, die zugleich dezentralisiert und hoch konzentriert ist. 12 Daten werden zu einem Instrument der Vorhersage und Kontrolle und erweitern den Überwachungskapitalismus auf das gesamte wirtschaftliche Leben. 11 Ob CBDCs demokratische Koordination ermöglichen oder technokratische Dominanz vertiefen, hängt letztlich von politischen Auseinandersetzungen über die Architektur des Geldes ab.

Der Übergang vom Neoliberalismus zum Technokapitalismus stellt eine stille, institutionell vermittelte Transformation dar. 4 Die zentrale Frage lautet nicht nur, wer regiert, sondern durch welche technologischen Systeme Macht organisiert, legitimiert und ausgeübt wird. 12 Der Technokapitalismus kann Stabilität erzeugen oder Abhängigkeiten vertiefen, diese Frage bleibt offen. Klar ist jedoch, dass die Architektur der entstehenden Weltordnung nicht in Parlamenten, sondern in Rechenzentren, Algorithmen und digitalen Infrastrukturen entworfen wird.

Referenzen

  1. David Harvey, A Brief History of Neoliberalism (Oxford: Oxford University Press, 2005).
  2. Naomi Klein, The Shock Doctrine: The Rise of Disaster Capitalism (New York: Metropolitan Books, 2007).
  3. Luis Suarez-Villa, Technocapitalism: A Critical Perspective on Technological Innovation and Corporatism (Philadelphia: Temple University Press, 2009).
  4. Karl Polanyi, The Great Transformation: The Political and Economic Origins of Our Time (New York: Farrar & Rinehart, 1944).
  5. Alex Karp and Nicholas Zamiska, The Technological Republic: Hard Power, Soft Belief, and the Future of the West (New York: Crown, 2025).
  6. Kohei Saito, Capital in the Anthropocene: Towards the Idea of Degrowth Communism (Cambridge: Cambridge University Press, 2023).
  7. Yanis Varoufakis, Technofeudalism: What Killed Capitalism (London: Bodley Head, 2023).
  8. Carroll Quigley, Tragedy and Hope: A History of the World in Our Time (New York: Macmillan, 1966); International Monetary Fund, Global Financial Stability Report (Washington, DC: IMF, various years); World Bank, World Development Report (Washington, DC: World Bank, various years).
  9. Bank for International Settlements, Annual Economic Report (Basel: BIS, various years).
  10. Zbigniew Brzezinski, Between Two Ages: America’s Role in the Technetronic Era (New York: Viking Press, 1970).
  11. Shoshana Zuboff, The Age of Surveillance Capitalism: The Fight for a Human Future at the New Frontier of Power (New York: PublicAffairs, 2019).
  12. Michel Foucault, Security, Territory, Population: Lectures at the Collège de France 1977-1978, trans. Graham Burchell (New York: Picador, 2007).
  13. Antonio Gramsci, Selections from the Prison Notebooks, ed. and trans. Quintin Hoare and Geoffrey Nowell Smith (New York: International Publishers, 1971).
  14. Michael Hardt and Antonio Negri, Empire (Cambridge, MA: Harvard University Press, 2000).

Der Autor: Milan Calovic

Milan Calovic, Doktorand in Politikwissenschaft an der Fakultät für Politikwissenschaft der Universität Belgrad mit einer Spezialisierung auf Geopolitik, politische Ökonomie und Finanzwesen

Milan Calovic ist Doktorand in Politikwissenschaft an der Fakultät für Politikwissenschaft der Universität Belgrad mit einer Spezialisierung auf Geopolitik, politische Ökonomie und Finanzwesen. Seine Arbeit konzentriert sich auf die Geschichte wirtschaftlicher Systeme, die Entwicklung globaler Finanzstrukturen und die Herausbildung der neoliberalen Weltordnung.

Auf der Grundlage historischer Forschung und zeitgenössischer Analysen untersucht Calovic Imperium, Macht, Korruption und systemische Transformationen in den internationalen Beziehungen. Seine Veröffentlichungen erstrecken sich von Geschichte über politische Analysen bis zu Bildungsprojekten.