Die Frau, die den Thermomix für Unternehmensprozesse verkaufen will – und keine Lust hat, auf die Zukunft zu warten.
Es gibt Menschen, die eine Idee so lange analysieren, bis sie sämtliche Gründe gefunden haben, warum sie nicht funktionieren kann. Und es gibt Sabrina Schenardi.
Mit sieben Jahren beschloss sie, Radiomoderatorin bei Roger Schawinski zu werden. Ein paar Jahre später wurde sie tatsächlich Moderatorin bei Radio 24. Danach Fernsehjournalistin beim SRF, später wechselte sie zur Schweizer Börse SIX und beschäftigte sich dort mit Innovation und Startups.
Als sie irgendwann BLP Digital entdeckte, schrieb sie CEO Tim Beck eine LinkedIn-Nachricht:
Ich liebe KI, ohne mich bekommt ihr das nicht auf die Kette, wir müssen sprechen
Subtil geht anders. Aber vielleicht erklärt diese Episode ziemlich gut, wie Sabrina Schenardi funktioniert.
Heute ist sie Mitgründerin von BLP Digital und treibt im Enterprise-Team die Geschäfts- und Kundenentwicklung voran.
Das Unternehmen automatisiert mit Künstlicher Intelligenz komplexe ERP-Prozesse. Warum? Menschen sollen möglichst wenig Zeit mit repetitiver Arbeit verbringen, die Maschinen besser, schneller und zuverlässiger erledigen können.
Schenardi ist eine ungeduldige Macherin. Andere haben diese Energie in der Vergangenheit nicht durchwegs schmeichelhaft beschrieben: «Zu viel», «zu schnell», «zu crazy».
Diese Schwächen, die offensichtlich keine sind, passen sehr gut zu einem Unternehmen, dessen Technologie ebenfalls lange mit einem ähnlichen Problem kämpfte: sie war ihrer Zeit voraus.
CEO Tim Beck und Sabrina Schenardi von BLP Digital
Sieben Jahre zu früh – und trotzdem losgelaufen
Schenardi war immer überzeugt, dass End-to-End-Automatisierung im ERP-Umfeld kommt – lange bevor der Markt dazu bereit war. BLP ist mit einer Vision gebaut worden, die sieben Jahre vor dem Markt lag: einem System, das autonom arbeitet und den Menschen nur dann einbindet, wenn er wirklich gebraucht wird. Als Produkt also eine grosse Kiste und kein kleines Rad.
Oftmals gehen Startups einen anderen Weg: Zuerst einen kleinen Use Case machen, eine Teilprozess-Lösung verkaufen, und sich dann möglichst schnell aufkaufen lassen. Das kann funktionieren.
BLP hat sich bewusst für die grosse Kiste entschieden. Statt nur die Waage zu bauen, wollte das Startup den ganzen "Thermomix" entwickeln. Eine Plattform, die Waage, Messer, Kochplatte und Topf ersetzt und den Menschen gezielt ruft, wenn es ihn braucht, und ihm das Gefühl gibt: dein Gericht ist fertig, du hattest Zeit für Anderes. End-to-End-Überzeugung eben, durchgezogen gegen jede Investorenlogik und Marktlogik.
Erst wenn jemand dafür bezahlt, wird aus einer Idee ein Unternehmen
Als Schenardi 2021 zu BLP stiess, existierte die Technologie bereits seit rund drei Jahren. Was fehlte, war der Beweis, dass ausserhalb der Entwicklerwelt tatsächlich jemand dafür bezahlen würde.
Diesen Part übernahm sie. Telefon, cold Calls, verkaufen, um aus einer Idee ein echtes Business zu machen. Schenardi hat die Hypothese "Kunden wollen das" validiert und in elf Monaten hundert Kunden und eine Million Franken Annual Recurring Revenue aufgebaut.
Sie definiert ein Startup-Unternehmen schnörkellos und trocken: Ein Unternehmen ist erst dann ein Unternehmen, wenn Kunden freiwillig dafür bezahlen.
Schweizerisch wachsen statt VC-Rakete spielen
BLP setzte nicht auf den klassischen VC-Turbo, sondern wuchs weitgehend aus eigener Kraft. Das Unternehmen arbeitet profitabel und ist als selbstfinanzierte Firma in fünf Jahren auf rund 180 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter angewachsen.
Das nimmt einer Gründerin zwar die berüchtigte Runway-Panik, aber es beseitigt nicht die Ungeduld. Ihr Problem war so gut wie nie die Frage, ob es weitergeht, sondern warum zum Teufel es nicht schneller weitergeht.
Mut zur Grösse: Deutschland
Bei der Expansion entschied sich BLP nicht unbedingt für den gemütlichen Weg. Das Unternehmen hatte sich schon früh Deutschland als zentralen Wachstumsmarkt ausgesucht. Ein Risiko, aber das Unternehmen denkt grundsätzlich gross.
Deutschland ist im ERP- und KI-Umfeld eine echt schwer zu knackende Nuss: komplex, langsam in Entscheidungen, stark reguliert. Dass BLP trotzdem mit voller Kraft in diesen Markt gegangen ist, war mutig, lag aber für das Unternehmen wegen der Sprache und der Grösse auf der Hand. BLP ist inzwischen in Deutschland gut gewachsen, doch der Weg zum Wachstum war härter als in anderen Ländern.
Das Gründerteam von BLP Digital: Tim Beck, Thore Harmuth, Sabrina Schenardi, Sven Beck
Der Feind ist nicht die KI, sondern der Copy-Paste-Job
Schenardis Begeisterung für Automatisierung entspringt keinem romantischen Verhältnis zu Technologie. Technologie ist für sie Mittel zum Zweck.
Was sie nervt, sind überholte Prozesse, in denen Menschen ihre Zeit mit Arbeiten verbringen, für die eigentlich kein Mensch mehr gebraucht werden sollte: PDFs abtippen, Daten übertragen, Preise manuell erfassen, Informationen von einem System ins nächste kopieren.
Das macht erfahrungsgemäss keine fröhlichen Menschen. Dazu kommt der demografische Wandel. Die oft gestellte Frage, ob KI Jobs vernichtet, bekommt dadurch eine interessante Gegenfrage: Was passiert, wenn Unternehmen für bestimmte Jobs schlicht keine Menschen mehr finden?
KI ist nicht die Zukunft, sie ist schon da
Einen Satz kann Schenardi nicht mehr hören: «In Zukunft wird KI ...». Warum? Künstliche Intelligenz ist keine Zukunftstechnologie mehr, KI ist Gegenwart.
Und genau darin sieht Schenardi eines der Probleme der Schweizer Wirtschaft. Während andernorts ausprobiert wird, möchte man hierzulande gerne erst sämtliche Risiken kennen und möglichst schon den Erfahrungsbericht jener lesen, die den Schritt vorher gewagt haben.
Eine durchaus sympathische Schweizer Eigenschaft – bis sie gefährlich wird. Bei Technologien, deren Leistungsfähigkeit sich innerhalb weniger Monate massiv verändert, kann Abwarten selbst zum Risiko werden.
Schenardis Gegenprogramm passt auf einen Bierdeckel: Liefere nöd lafere. Weniger reden, mehr machen, Fehler inklusive.
Sichtbarkeit ist Teil des Jobs
Wer Sabrina Schenardi auf LinkedIn verfolgt oder auf Veranstaltungen erlebt, weiss, dass sie ihre Vorstellungen nicht in Zurückgezogenheit und mit Zurückhaltung präsentiert. Sie ist sehr präsent und sie ist sichtbar.
Wenn ein Unternehmen eine Technologie entwickelt, die der Markt noch nicht vollständig versteht, reicht es ihrer Ansicht nach nicht, einfach das bessere Produkt zu bauen. Man muss auch die Geschichte dazu erzählen.
Sichtbarkeit versteht sie deshalb nicht als Ego-Projekt, sondern als Leadership-Aufgabe. Um nicht nur ein Produkt zu liefern, sondern auch Narrative zu schaffen. Rückblickend hätte sie damit gerne früher begonnen: etwas weniger "schweizerisch bescheiden" auftreten und die Geschichte offensiver erzählen, etwas mehr amerikanische Lust am grossen Narrativ.
Der Applaus ist sichtbar, das Training nicht
Unternehmertum kostet Zeit. Oftmals jene, die anderswo fehlt: Familie, Freunde, Gesundheit, Zeit für sich selbst. Schenardi romantisiert Unternehmertum nicht, sie zahlt den Preis, ohne den Erfolg nicht machbar ist.
Von aussen sieht man Bühnen, Wachstum, Kunden, LinkedIn-Posts und Erfolg. Weniger sichtbar sind lange Tage, Rückschläge und permanentes Nachjustieren. Schenardi vergleicht das mit Spitzensport: Der Applaus ist sichtbar. Das Training nicht.
Ohne Mut läuft’s auch nicht. Mut bedeutet allerdings nicht, immer richtig zu liegen. Manchmal ist es schlicht mutig, früh genug loszulaufen, obwohl die anderen noch darüber diskutieren, ob die Richtung überhaupt Sinn ergibt.
Sabrina Schenardi hat das mehrfach getan. Beim Radio. Beim Fernsehen. Beim Wechsel zur Börse. Und schliesslich als Mitgründerin von BLP.
Dass ausgerechnet eine Frau, der man früher sagte, sie sei "zu schnell", heute ein Unternehmen mit aufbaut, dessen Geschäftsmodell auf Beschleunigung basiert, ist eine Pointe, die man kaum besser hätte erfinden können.
The 60 Second Mindset – ein Einblick in die DNA von Macherinnen und Machern
Fünf Fragen an Sabrina Schenardi, Mitgründerin von BLP Digital
MoneyToday: Welchen Branchen-Mythos kannst Du nicht mehr hören?
Sabrina Schenardi: Der erste Mythos: "KI ist Zukunft". Wenn ich das Wort Zukunft höre, denke ich an "Zurück in die Zukunft" – fliegende Autos in 30 Jahren. Bei KI ist das Gegenteil der Fall: Sie ist längst Alltag, ob Menschen sie nutzen wollen oder nicht. Dieses ständige "in Zukunft wird KI…" blendet aus, dass wir mitten in diesem Wandel leben.
Der zweite Mythos: "Wir bauen das selbst, ist ja easy – ein paar Agenten zusammenklicken, fertig." Viele Kunden sagen sinngemäss: "Wir haben eine Library, Power BI, ein starkes internes IT-Team, wir klicken uns unsere eigenen Agenten.“ Ich nutze oft das Thermomix-Bild: Ja, du kannst dir eine Waage, ein Messer und eine Kochplatte kaufen – aber du baust dir keinen auditierbaren, global skalierbaren "Thermomix" selbst. Prozesse im P2P-Umfeld mit KI-gestützter, deterministischer Automatisierung solltest du nicht improvisieren – die Risiken bei Dokumentation, Halluzinationen und Verantwortung sind zu massiv.
Welchen Rat ignorierst Du bis heute bewusst?
Den Rat, erst lange zu überlegen, bevor man ins Handeln kommt. Ich bin überzeugt: Machen schlägt Grübeln – jede Erfahrung ist wertvoller als die perfekte Theorie.
Wo darf Technologie niemals den Menschen ersetzen?
Technologie darf den Menschen dort niemals ersetzen, wo es um Leben und Tod geht oder wo Entscheidungen mehr sind als die reine Faktenlage. Ich möchte, dass KI dort hilft, wo es um monotone, fehleranfällige Arbeit geht – zum Beispiel bei der Analyse von Mammographie-Bildern nachts um zwei Uhr. Ich vertraue eher einer ausgeruhten KI, die jedes Bild sieht, als einem übermüdeten Arzt – aber die finale Entscheidung, ob operiert wird, gehört dem Menschen.
Technologie ist für mich immer Mittel zum Zweck, nie Selbstzweck. Sie darf Entscheidungsgrundlagen massiv beschleunigen, Muster sichtbar machen und Fehler reduzieren. Aber Haltung, Empathie, gesunder Menschenverstand und das Abwägen von Konsequenzen bleiben menschlich. Genau so arbeiten unsere Agenten bei BLP: Sie operieren mit Kontext – das ist die Stärke von KI. Jede Entscheidung ist aber letztendlich deterministisch – richtig oder falsch – und wenn etwas nicht eindeutig korrekt ist, kommt immer ein Mensch ins Spiel.
Welche Eigenschaft hat Dich weitergebracht als jede Ausbildung?
Meine Kombination aus Neugier und Ungeduld. Ich will verstehen, wie die Welt funktioniert – und ich will es jetzt. Das treibt mich schneller voran als jeder Titel.
Welchen unbequemen Weckruf braucht die Schweizer Wirtschaft?
Hört auf abzuwägen und bis ins letzte Detail zu evaluieren, fangt an zu liefern. Wer in der KI-Ära auf Sicherheit wartet, schaut dem Zug hinterher – Machen ist die einzige echte Risikoversicherung.
Über die Serie “The Future favours the Bold”
In einer Medienbubble mit steigenden Arbeitslosenzahlen, gepaart mit wachsender Angst um den Job oder die bisher noch sehr komfortable Einkommenssituation, ist es manchmal schwer, Lichtblicke angemessen zu würdigen. Positive Geschichten als mutmachende Leitbilder sind gefragt, aber eher rar. In einer oft negativ konnotierten Berichterstattung über die Wirtschaftswelt mit verklausulierten Negativbotschaften, weichgespülten PR-Statements und generischen Erfolgsformeln für eine verheissungsvollere Zukunft, sucht MoneyToday nach dem echten Puls.
Was treibt die Macherinnen und Macher dieses Landes wirklich an, mutige, antizyklische oder mitunter verrückt anmutende Entscheidungen zu treffen und umzusetzen? Wie handeln sie, wenn die Powerpoint-Präsentation der Einflüsterer oder der Berater aus ist?
In einer losen Serie berichten wir über bemerkenswerte Unternehmen, Organisationen und Ventures, vor allem aber über spannende Persönlichkeiten – im wahrsten Sinne des Wortes. Wir leuchten Ideen, Handlungen und Entscheidungen aus, die in der manchmal etwas mau daherkommenden Mainstream-Berichterstattung oft untergehen.
Als Klammer richten wir im “60-Second-Mindset” den Scheinwerfer auf die Personen dahinter. Auf ihre Motivation und die durchaus auch vorhandenen “Inner Saboteurs” wie gehegte Zweifel, temporäre Verzagtheit und andere Bremsklötze. Wir nehmen die Fährte auf bei den "Humans in the Loop" und suchen deren DNA des Erfolgs – provokativ-pointiert und ohne Sicherheitsnetz, auch und gerade, wenn mitunter glückliche Zufälle Teil der Gleichung sind.
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