Finanzplatz Schweiz

Revolut will Schweizer Bank werden – Heimvorteil der Banken hat ein Ablaufdatum

Der repräsentative Eingang einer Schweizer Bank mit einer Revolut-Karte in der Türe
Bild: KI

Die Sicht unseres Gastautors: Wo Schweizer Banken vorerst relaxed bleiben können, wo Zurücklehnen zum Risiko wird und welchen Schuh Revolut in die Türe stellen kann.

Am 16. September hat Revolut bei der FINMA eine Banklizenz beantragt und 150 Millionen Franken Investitionen über fünf Jahre angekündigt. Die Reaktionen reichen von "Frontalangriff" bis "PR-Nummer". Beides greift zu kurz.

Und das Timing hätte kaum unglücklicher sein können: In derselben Woche wurde bekannt, dass Betrüger sich als Behörde ausgaben und von Revolut Passkopien, Selfies und Kontoauszüge von rund 700 Kunden erhielten. Laut Financial Times stammen die meisten davon aus der Schweiz und Frankreich.

Ich habe Paymit mitaufgebaut, aus dem später Twint wurde, und F10 (aus dem später Tenity wurde) in Zürich und Singapur lanciert. Ich kenne beide Seiten: die Bank, die sich verteidigt, und das FinTech, das angreift. Deshalb lohnt sich ein Blick darauf, was im Ausland wirklich passiert ist.

Was Revolut den Banken im Ausland genommen hat. Und was nicht.

Die überraschende Antwort: In der Bilanz fast nichts.

In Irland hat Revolut rund 3.4 Millionen Kunden. Trotzdem halten AIB, Bank of Ireland und PTSB weiterhin rund 86 Prozent der Einlagen und über 90 Prozent der neuen Hypotheken. In Litauen ist Revolut nach Bilanzsumme die grösste Bank, und trotzdem haben sich die Einlagen der Swedbank im selben Zeitraum fast verdoppelt.

Verloren haben die Banken etwas anderes: den Alltag. In Irland hat Revolut die Zahlungen unter Freunden übernommen, vor allem bei den unter 25-Jährigen. Die drei grossen Banken brauchten Jahre für eine Antwort. Ein erster gemeinsamer Anlauf wurde 2023 auf Eis gelegt. Erst im März 2026 kam Zippay. Da hatte Revolut eine ganze Generation schon gewonnen.

Das Muster: Revolut nimmt zuerst die Frequenz, dann die Gebühren und erst ganz zum Schluss die Bilanz. Wer nur auf Einlagen und Hypotheken schaut, sieht den Angriff erst, wenn er vorbei ist.

Revolut nimmt zuerst die Frequenz, dann die Gebühren und erst ganz zum Schluss die Bilanz

Der Schweizer Sonderfall heisst Twint

Warum ist Revolut in der Schweiz mit 1.3 Millionen Kunden bisher vor allem eine Ferienkarte geblieben? Weil die Schweizer Banken etwas hatten, das den Iren fehlte: eine gemeinsame Antwort auf das Bezahlen im Alltag. Twint hat über 6 Millionen aktive Nutzerinnen und Nutzer und kam 2025 auf 901 Millionen Transaktionen. Revolut bietet heute kein Twint an. Das war der Heimvorteil.

Mit einer Schweizer Lizenz ändert sich das. Über 40 Banken sind bei Twint angeschlossen, sogar die Bezirks-Sparkasse Dielsdorf hat eine eigene Twint-App. Einer lizenzierten Schweizer Bank mit 1.3 Millionen Kunden den Zugang zu verweigern, dürfte schwierig werden. Und Revolut will Twint, es steht bereits offiziell auf der Prüfliste. David Tirado, heute CCO und verantwortlich für die Schweizer Ankündigung, hat die Strategie schon 2024 offen formuliert: lokale Zahlungssysteme wie Bizum, Blik oder Tikkie seien entscheidend, um Hauptbank zu werden.

Wird Revolut Twint-Issuer und eBill-Partner, fällt der letzte sichtbare Grund weg, für den Alltag noch ein Konto bei der Hausbank zu brauchen. Schweizer IBAN, eBill, Einlagensicherung und Twint in einer App: Das ist das volle Paket, inbesondere für die jüngeren Kunden.

Wo Revolut aus meiner Optik angreifen wird

  1. Das Lohnkonto. Wie bereits angekündigt mit Schweizer IBAN, eBill, Einlagensicherung und Twint fallen die letzten Gründe weg, den Lohn nicht dorthin zu schicken. In Grossbritannien stieg der Anteil der Smartphone-Banken als Hauptbank in sechs Jahren von 1 auf 6 Prozent. In der Schweiz liegt er bei gut 1 Prozent.
  2. Die Säule 3a. 58 Milliarden Schweizer Franken liegen auf 3a-Konten, die in den letzten zehn Jahren im Schnitt 0.4 Prozent Zins brachten. Revolut hat die Reichweite, die UX und mittlerweilen den Trust, das in kurzer Zeit zu skalieren.
  3. Anlegen. Ein Schweizer Steuerauszug per Knopfdruck löst einen der grössten Schmerzpunkte heutiger Revolut-Anleger.
  4. Zahlungsannahme für KMU. Konto, Terminal und Auszahlung aus einer App.
  5. Fremdwährungen. Hier ist der Kampf längst entschieden.

Wo die Banken vorerst relaxed bleiben können

  1. Hypotheken. 1.31 Billionen Schweizer Franken Volumen, 95 Prozent bei Banken. Revolut vergibt konzernweit Kredite von rund 6 Prozent seiner Kundeneinlagen und will laut Management nie über 10 bis 20 Prozent gehen. Das erklärte Ziel ist "effectively zero risk".
    Hypotheken gibt es bisher nur in Litauen, in Irland wurden sie auf nach 2026 verschoben. Irland zeigt: Selbst mit 3.4 Millionen Kunden bleibt die Hypothek bei den etablierten Banken.
  2. Zinsen als Köder. Bei einem SNB-Leitzins von 0 Prozent funktioniert dieser Hebel im Franken nicht.
  3. Private Banking und KMU-Kredite. Hier zählen Beratung, Beziehung und Bonität vor Ort.
  4. Vertrauen, noch. Wer den Lohn umzieht, fragt zuerst, ob Geld und Daten sicher sind. Der Datenabfluss der letzten Woche gibt den Banken hier einen Vorsprung. Aber Vorsicht mit Schadenfreude: Die Täter haben keine Systeme geknackt, sie haben per gefälschter Behördenanfrage einfach gefragt. Das kann jeder Bank passieren.

Das eigentliche Problem: Der Heimvorteil war nie eine Strategie

Der Heimvorteil war Infrastruktur, gebaut vor über zehn Jahren: Twint, QR-Rechnung, eBill. Das sind starke Gemeinschaftsleistungen des Finanzplatzes, angeführt von der SIX Payment Services. Mit der Fusion mit der Worldline ist dieser Antreiber der Banken im Markt verschwunden, respektive in der Rest SIX untergegangen. Am Kundenerlebnis der einzelnen Bank hat sich seither aber wenig bewegt. Stattdessen wurde zurückgefahren:

  • UBS schloss um 2018 ihr Innovationslabor im Wealth Management. Die interne Devise laut Ex-Mitarbeitern: "We'll follow, not lead".
  • Die Basler Kantonalbank schloss ihr Lab Keen und erklärte sich zum "Smart Follower".
  • Die BLKB stellte Radicant ein: 105 Millionen Schweizer Franken Abschreiber, 94 Stellen.
  • Postfinance verkaufte 2025 ihre Hälfte an Yuh, ausgerechnet an der ersten Schweizer Neo-Bank, die profitabel wurde.
  • Zak von der Bank Cler, nutzt das noch jemand?

Die Lehre aus Radicant ist nicht, dass sich Innovation nicht lohnt. Die Lehre ist, dass eine teure Parallelbank ohne Zugang zu den Kunden der Mutter nicht funktioniert. Yuh zeigt, was funktioniert: bestehende Stärken nutzen, klare Zielgruppe, schnelles Produkt.

"Smart Follower" war vernünftig, solange niemand vorne lief. Jetzt läuft jemand vorne, mit über 80 Millionen Kunden, 2.3 Milliarden Dollar Vorsteuergewinn im Jahr 2025 und einer Bewertung von 115 Milliarden Dollar.

Was ich jetzt tun würde

Revolut braucht realistisch bis 2028 für Schweizer Produkte, und der Datenabfluss dürfte die FINMA-Prüfung nicht beschleunigen. Das ist ein Zeitfenster von zwei bis drei Jahren. Irland zeigt, was passiert, wenn man es verstreichen lässt.

  1. Die Grundlagen reparieren, bevor Revolut sie vergleicht: Fremdwährungszuschläge, Kontoeröffnung in unter zehn Minuten, eine App, die man gerne öffnet.
  2. Die Jungen halten, solange sie noch da sind: ein Lohnkonto für unter 30-Jährige, das in der App mit Revolut mithalten kann.
  3. Die 3a digitalisieren, bevor es jemand anderes tut.
  4. Innovation wieder aufbauen, aber nicht als Labor mit Foliensätzen, sondern als kleine Produktteams mit eigenem Budget, klarer Frist und direktem Zugang zu den eigenen Kunden.
  5. Gemeinsam handeln, wo es um Infrastruktur geht. Twint war die richtige Antwort 2016. Die Twint-Direktlastschrift ab 2027 ist ein guter nächster Schritt. Nur: Sobald Revolut Twint-Issuer ist, profitiert der neue Mitbewerber davon genauso. Gemeinsame Infrastruktur schützt nicht mehr, sie ist Voraussetzung. Den Unterschied macht die einzelne Bank.

Die Gefahr ist, dass Revolut den Banken übermorgen das Lohnkonto und den Alltag wegnimmt

Mein Fazit

Die Gefahr für Schweizer Banken ist nicht, dass Revolut ihnen morgen die Hypothek wegnimmt. Die Gefahr ist, dass Revolut ihnen übermorgen das Lohnkonto und den Alltag wegnimmt. Und wer den Alltag hat, sieht als Erster, wann jemand ein Haus kaufen will.

Die Banken haben gut zwei Jahre. Das reicht, wenn sie jetzt anfangen.

Meine Frage an die Kolleginnen und Kollegen in den Banken: Was hat eure Bank seit Twint gebaut, das eine 25-Jährige freiwillig jeden Tag öffnet?

Der Autor: Thomas Landis

Thomas Landis, unabhängiger Interim-Manager

Thomas Landis verantwortet Innovations- und Transformations-Projekte in der Finanzindustrie, von der ersten Idee bis zur Marktreife.

Bekannt wurde er als Kopf hinter Paymit, das später mit Twint zur meistgenutzten Payment-App der Schweiz wurde (6 Mio. Nutzer, über 900 Mio. Transaktionen pro Jahr). Anschliessend baute er bei der SIX den FinTech Incubator F10 (heute Tenity) in Zürich und Singapur auf, danach leitete er als CDO die digitale Transformation der Andermatt Swiss Alps im Auftrag von Samih Sawiris.

Zuletzt verantwortete er bei QAI Ventures die Schnittstelle von AI, Quantum Technology und Corporate Venture Building und schuf dort ein Ökosystem für "Quantum for Finance", das Banken, Versicherungen und Regulatoren in der Schweiz, Kanada und Singapur miteinander vernetzt.

Heute treibt Landis als unabhängiger Interim-Manager Banken und Konzerne bei grossen, komplexen AI-Transformations- und Innovations-Projekten voran.