Künstliche Intelligenz

Wirtschafts-Akademie erwartet massiven Jobabbau durch KI

Das Gebäude der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg
Bild: MDart10 | Shutterstock

Was sich schon länger abzeichnet, verlangt nach neuen und kreativen Lösungen – die Politik hat bisher noch keine überzeugenden Modelle geliefert.

Künstliche Intelligenz bietet enorme Chancen, bringt jedoch auch neue Herausforderungen für Politik, Wirtschaft und Geselllschaft. Eine dieser Herausforderung ist der Umgang mit Jobs, welche durch die KI wegrationalisiert werden. Und der Umgang mit Menschen, welche diese Jobs verlieren. Für dieses politische und gesellschaftliche Problem sind neue Lösungen gefragt – die Lösung kann sicher nicht sein, eine stark wachsende Zahl von "KI-Opfern" wie gewohnt durch die Arbeitsämter zu schleusen.

Heute schon Realität, werden die Auswirkungen durch KI auf Jobs und den Arbeitsmarkt in Zukunft noch grösser. Das muss nicht zum Problem werden, wenn allen voran die Politik Lösungen und Modelle enwickelt, wie Gesellschaft und Wirtschaft mit diesen neuen Entwicklungen umgehen können. Menschlich und sozialverträglich.

Das wird nur funktionieren, wenn die Politik spätestens jetzt aktiv wird. Bisher war aus dieser Richtung nicht viel zu hören. Passiv abwarten und zuschauen gilt nicht mehr. Ohne tragfähige Lösungen könnte eine Lawine von Problemen auf uns zukommen, die schwer zu bremsen sein wird. 

Die Sicht der Bonner Wirtschafts-Akademie

Ein düsteres Bild malt die Bonner Wirtschafts-Akademie (BWA) mit Blick auf KI, noch verstärkt durch die Energie-Krise. Die Ausführungen der BWA sind interessant, sie benennt zentrale Punkte und skizziert auch Lösungsansätze, die im Zusammenhang mit KI und deren Auswirkungen alle Länder beschäftigen werden. Vor allem aber sind diese Ausführungen auch als Weckruf an die Politik zu verstehen.

Die Energie- und die KI-Krise werden zu einem Verlust von Arbeitslätzen historischen Ausmasses in Deutschland führen, warnt die Bonner Wirtschafts-Akademie. Die aktuelle Umfrage des Instituts der Deutschen Wirtschaft (IW), wonach fast 30 Prozent der Unternehmen noch in diesem Jahr Stellen streichen wollen, sei erst der Anfang, bewertet die BWA die Entwicklung.

Geschäftsführer Harald Müller skizziert eine düstere Zukunft: «Die Kombination aus Energie- und KI-Krise wird Hunderttausende von Arbeitsplätzen sowohl in der Industrie als auch im Büro vernichten». Diese Entwicklung komme noch "on top" auf die Jobverluste in der Automobilindustrie, heisst es bei der BWA.

Mit dem Begriff "KI-Krise" umschreibt die Bonner Wirtschafts-Akademie die rasant zunehmende Übernahme von Büroarbeitsplätzen durch KI-Systeme und von Industriejobs durch eine künftige Generation humanoider Roboter.

BWA-Chef Müller verweist auf eine aktuelle Umfrage der Beratungsfirma Mercer in den USA unter rund 1'000 CEOs, wonach 99 Prozent Einschnitte beim Personal aufgrund von Künstlicher Intelligenz erwarten. Die befragten Firmenchefs schätzen, dass derzeit etwa die Hälfte der Arbeitsleistung in ihren Unternehmen ausschliesslich von Personal ohne KI-Unterstützung erbracht wird.

In den kommenden Jahren soll dieser Anteil nach KI-Einführung und dem damit verbundenen Personalabbau auf etwa 35 Prozent sinken. «Zwei Drittel der Arbeitsplätze, die nicht der Rationalisierung zum Opfer fallen, werden mit Künstlicher Intelligenz ausgestattet», fasst Müller zusammen. Er befürchtet: «Wir werden eine ähnliche Entwicklung auch in Deutschland erleben».

Steigende Angst vor Arbeitsplatzverlust durch KI

Laut "Global Talent Trends 2026"-Report, für den rund 12'000 Teilnehmer befragt wurden, darunter nicht nur CEOs, sondern auch personal­verantwortliche Beschäftigte, steigt die Angst vor der KI-Krise. Während sich 2024 noch 28 Prozent der Beschäftigten durch Künstliche Intelligenz bedroht fühlten, sind es inzwischen 40 Prozent.

«Der Angstfaktor wird in den Firmen völlig unterschätzt», hat Müller in Gesprächen mit zahlreichen Personalverantwortlichen festgestellt. Er erläutert die Zusammenhänge: «Wir stellen zusehends einen passiven Widerstand gegen KI in den Belegschaften fest, weil sie befürchten, sich selbst wegzurationalisieren. Diese Unsicherheit führt dazu, dass KI-Projekte häufig nicht an der Technik scheitern, sondern an fehlender Akzeptanz innerhalb der Arbeitnehmerschaft. Transparente Kommunikation, betriebliche Qualifizierungsoffensiven und die aktive Einbindung der Betroffenen stellen entscheidende Voraussetzungen für eine erfolgreiche KI-Transformation dar.»

Spagat zwischen demografischem Faktor, Fachkräftemangel und KI

BWA-Geschäftsführer Müller appelliert an Politik und Gewerkschaften, den Wandel der Arbeitswelt durch Künstliche Intelligenz aktiv mitzugestalten und nicht allein der Wirtschaft zu überlassen.

Die absehbaren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt werden gewaltig sein und bedürfen einer politischen Antwort

Den Gewerkschaften empfiehlt er, sich in die KI-Transformation zukunftsgewandt zu involvieren. «Eine blosse Abwehr­haltung wird nicht zum Erfolg führen», mahnt Müller, und begründet: «Eine verzögerte KI-Einführung in der deutschen Wirtschaft wird letztlich die Wettbewerbsfähigkeit der hiesigen Unternehmen beeinträchtigen und am Ende zu noch höheren Arbeitsplatzverlusten führen».

Vielmehr gelte es, den Spagat zwischen demografischem Wandel und KI-Einführung hinzukriegen. Konkret: Wenn die Baby Boomer in Rente gehen und der Fachkräftemangel weiter zunimmt, eröffnet Künstliche Intelligenz die Chance, diesen Verlust an Arbeitskraft auszugleichen, ohne Produktivität zu verlieren.

Müller gibt zu bedenken, dass bis 2036 voraussichtlich beinahe 20 Millionen Beschäftigte der Baby-Boomer-Generation aus dem Erwerbsleben ausscheiden werden. Gleichzeitig rückten schätzungsweise nur etwa 12 Millionen jüngere Arbeitskräfte nach. KI kann helfen, diese Lücke auszugleichen.

Allerdings würden vor allem die hohen Energiekosten in Deutschland zu einer verstärkten Abwanderung des produzierenden Gewerbes ins Ausland führen, die von der KI-Entwicklung nicht kompensiert werden kann, sondern im Gegenteil in ihren Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt verstärkt werde, weist der BWA-Geschäftsführer auf die Zusammenhänge zwischen Energie- und KI-Krise hin. «Der Arbeitsmarkt steht im Feuer», sagt er, «und das ist erst der Anfang».

Humanoide KI-Roboter auf dem Vormarsch

Eine aktuelle Studie der Bonner Wirtschafts-Akademie gemeinsam mit der Gewerkschaft IGBCE kommt zum Schluss, dass die sogenannte "Physical AI" (KI in der realen Welt) auf dem Vormarsch ist. Darunter versteht man humanoide Roboter, die viele körperliche Arbeiten übernehmen könnten. 

Laut Umfrage gehen 62 Prozent der Arbeitnehmer- und Arbeitgebervertreter davon aus, dass in Zukunft humanoide KI-Roboter, also dem Menschen nachkonstruierte und mit Künstlicher Intelligenz ausgestattete Maschinen, selbstständig betriebliche Aufgaben planen und ausführen können. Mehr als ein Drittel (36 Prozent) der Befragten erwarten diese Entwicklung innerhalb der nächsten zehn Jahre.

Fazit: KI verändert die Welt, die Welt muss sich mitverändern

Dass KI die Welt in vielfacher Hinsicht verändert, steht ausser Frage. Im Moment noch unklar ist, wie die Politik die wirtschaftliche und gesellschaftliche Welt verändern will, um einen neuen passenden Rahmen für diese Entwicklung zu schaffen.

Hier ist Kreativität und Weitsicht gefragt. Damit die Möglichkeiten und der Nutzen von KI allen zugute kommen.