Ethereum Merge

Die wichtigste FinTech-Geschichte des Jahres 2022 – alles, was Sie über den Ethereum Merge wissen müssen

Olga Feldmeier, Mitgründerin und Verwaltungsratspräsidentin Smart Valor
Olga Feldmeier, Mitgründerin und Verwaltungsratspräsidentin Smart Valor (Bild: Smart Valor)

Olga Feldmeier über den Ethereum Merge im September, warum der Merge ein grosses Ding ist und welche tiefgreifenden Veränderungen zu erwarten sind.

Nach Jahren der Spannung steht der Ethereum Merge endlich bevor. Der Merge ist eines der wichtigsten Ereignisse in der Geschichte der Kryptowährungen und der FinTech-Branche – und alle warten gespannt darauf, ob das Ethereum-Team ihn auch wirklich hinbekommt.

Auf die Frage nach dem grössten Herausforderer in der Finanzbranche würden vielen Menschen zuallererst grosse FinTech-Unternehmen wie Revolut, Stripe oder Klarna einfallen. Daten sprechen da allerdings eine andere Sprache. Der grösste Herausforderer in der Branche ist nämlich weder ein öffentliches noch ein privates Unternehmen – der grösste Herausforderer ist ein Netzwerk: das Ethereum-Netzwerk um Vitalik Buterin. Der Wert von Ethereum ist etwa zehnmal grösser als der Wert der wertvollsten FinTech-Unternehmen. Der native digitale Token Ether (ETH) erreichte letztes Jahr eine Marktkapitalisierung von 560 Milliarden US-Dollar, was etwa der 17-fachen Grösse von Revolut, einer der wertvollsten Challenger-Banken, und der zehnfachen Grösse der heutigen UBS entspricht.

In einigen Wochen steht eines der grössten Ereignisse in der Geschichte von Ethereum an: der sogenannte "Merge", die Wiedergeburt des Netzwerks als Proof-of-Stake-Blockchain. Technisch gesehen bedeutet dies, dass das Ethereum-Protokoll (Code) von Proof-of-Work (PoW) zu Proof-of-Stake (PoS) übergeht. Das hat grosse Auswirkungen auf die Blockchain selbst und ist etwas, was noch nie zuvor unternommen wurde. Der Name des Zusammenschlusses, "Merge", stammt von der Tatsache, dass zwei unabhängige Blockchains zum ersten Mal miteinander "verschmelzen" werden. Das wird die Art und Weise, wie der native Token Ether ausgegeben wird und wie das Netzwerk gewartet wird, verändern. Es wird auch einen grossen Einfluss auf die Menge des ETH-Angebots haben.

Warum also wirft die Ethereum Foundation ihr Regelwerk über den Haufen, nachdem sie das grösste Finanzökosystem in der Kryptowelt geschaffen und eine milliardenschwere Struktur auf einer PoW-Blockchain aufgebaut hat? Und, was noch wichtiger ist: Was bedeutet das alles für Investoren? Finden wir es heraus.

Der Mann hinter dem Merge

Ich kenne Vitalik Buterin, den Gründer und das Gesicht von Ethereum, seitdem er 2014 hier im Schweizer Crypto Valley im Kanton Zug, angekommen ist. Schüchtern und zerbrechlich wirkte er damals, jedoch äusserst getrieben und visionär. «Die Smart Contracts von heute sind ziemlich dumm», sagte er mir damals, «aber eines Tages, werden sie sehr mächtig sein». Wie mächtig und gross Ethereum in den darauffolgenden sechs Jahren wurde, konnten wahrscheinlich weder er noch ich ahnen. Fakt ist: bereits vier Jahre später haben wir in Basel auf seinen Ehrendoktortitel angestossen und Vitalik ist heute eine lebende Legende.

Doch schon damals war eines klar: Vitalik und die anderen Mitbegründer von Ethereum hatten sich etwas wirklich Revolutionäres ausgedacht. Etwas, das sich von Bitcoin, dem einzigen anderen digitalen Asset zu dieser Zeit, völlig unterschied. Die Bitcoin-Blockchain hat zu Recht den Ruf, ein erprobtes und bewährtes Protokoll zur Transaktionsverarbeitung zu sein. Aber Ethereum hob die Dinge auf ein anderes Level. Diese beiden Blockchain-Netzwerke haben nicht nur eine neue Art des Geldverständnisses geschaffen. Sie haben es vollständig programmierbar gemacht. In den letzten Jahren hat Ethereum immer wieder bewiesen, dass es die Heimat einiger der bemerkenswertesten Innovationen in der Branche der digitalen Vermögenswerte ist – ein Trend, der bis heute anhält.

Seitdem sind viele sogenannte Ethereum-Herausforderer auf den Plan getreten. Einige haben überlebt, viele andere sind inzwischen wieder verschwunden. Aber eines ist sicher: keiner von ihnen konnte Ethereum jemals auch nur annähernd verdrängen.

Warum der Merge ein grosses Ding ist

In der Geschichte der Kryptoindustrie waren die meisten Blockchains bisher Proof-of-Work-Blockchains. Dass die native Blockchain der zweitgrössten Kryptowährung nach Marktkapitalisierung bald zu PoS wechselt, ist eine enorme Veränderung für die Branche. Vor allem aus zwei Gründen: 

  • Keine Blockchain mit einem derart grossen Finanzökosystem (203 Milliarden US-Dollar an Vermögenswerten) hat jemals von Proof-of-Work zu Proof-of-Stake gewechselt
  • Ethereum ist das grösste Finanzökosystem in der Branche, und alles, von der Sicherheit bis zur Wartung des Netzwerks, wird sich durch den Zusammenschluss ändern. 

Warum also nimmt die Foundation diese enorme Veränderung vor? 

Der Zusammenschluss ist für die meisten in der Branche keine Überraschung, auch wenn Sie, liebe Leserinnen und Leser, gerade erst davon gehört haben. Das Ereignis ist Teil der ursprünglichen Roadmap für Ethereum und stand schon, bevor das Netzwerk überhaupt in Betrieb genommen wurde. Die Hauptziele des Merge sind es, Ethereum energieeffizient, sicher und skalierbar zu machen. 

Neben den Zielen, die die Ethereum Foundation für das Netzwerk selbst verfolgt, wird der Merge jedoch eine Reihe von Konsequenzen nach sich ziehen, die sich auf Investoren aller Art auswirken werden.

Proof-of-Stake beseitigt das Energieproblem der Kryptowährungen

Die Umstellung von Ethereum auf Proof-of-Stake wird die Diskussion über Kryptowährungen und Energie für immer verändern.  

Bei einem Proof-of-Work-System konkurrieren sogenannte Miner, also Personen oder Unternehmen, die das Netzwerk mit leistungsstarken, teuren Computern unterhalten, mit anderen Minern um das Privileg, einen Transaktionsblock aufzuzeichnen. Man denke hier an einen Stapel von Transaktionen im SWIFT-Banksystem. Dazu müssen ihre Computer ein mathematisches Rätsel lösen. Je mehr Computer um den Gewinn des Rätsels konkurrieren, desto komplexer wird das Rätsel und desto mehr Rechenkapazität wird benötigt. Wenn das Rätsel gelöst ist, kann der nächste Transaktions-Block aufgezeichnet und zur Blockchain hinzugefügt werden. Für diese Arbeit erhalten die Miner neu ausgegebene Ether. Dieses System führt dazu, dass Ethereum derzeit pro Jahr so viel Strom verbraucht wie Finnland und einen CO₂-Fussabdruck hat, der dem der Schweiz entspricht. 

Die Umstellung von Ethereum auf Proof-of-Stake wird die Diskussion über Kryptowährungen und Energie für immer verändern

Mit Proof-of-Stake wird das Mining gänzlich abgeschafft. Anstatt mathematische Rätsel zu lösen, müssen die Leute, die das Netzwerk aufrechterhalten, Ether besitzen und sie im Netzwerk staken. Dadurch werden die Nodes betrieben und die Transaktionen im Netzwerk validiert. Der Einsatz von Ethereum-Token anstelle von Mining wird den Energieverbrauch von ETH um etwa 99,95 Prozent reduzieren. Das bedeutet, dass Proof-of-Stake etwa 2’000 Mal energieeffizienter ist als Proof-of-Work. Nach Angaben der Ethereum Foundation entsprechen die Energiekosten eines Validatoren im Netzwerk dem Betrieb eines Laptops.

Das sind natürlich grossartige Nachrichten für die Umwelt – das ist aber auch ein wichtiges Signal für das breite Spektrum institutioneller Anleger, die unbedingt in einen so innovativen Vermögenswert einsteigen wollten, aber aus ESG-Gründen (Umwelt, Soziales, Governance) bisher gehemmt waren. Nach dem Merge wird Ethereum seinen Platz unter den grüneren Anlageoptionen für digitale Vermögenswerte einnehmen, was dazu führen wird, dass institutionelle Anleger grössere Posten investieren werden. 

Thematische Investitionen sind ebenfalls ein wachsender Trend, da viele Menschen gerne nach ihren Leidenschaften und Überzeugungen investieren. Die Aufnahme von Kryptowährungen in diese Portfolios war schwierig, da viele jüngere, umweltbewusste Anleger das Potenzial von Kryptowährungen gegen ihre angeblichen Umweltauswirkungen abwägen mussten. Nach dem Merge werden wir wahrscheinlich beobachten, wie ETH in eine breitere Palette von thematischen Anlageoptionen aufgenommen wird.

Das Angebot wird sich für immer verändern

Es werden viel weniger Ether-Token auf dem Markt verfügbar sein. Früher erhielten die Miner Ether für die Aufrechterhaltung des Netzwerks und die Aufzeichnung der Transaktionen. Es gab einen starken Verkaufsdruck, um die Kosten für Strom, Immobilien und Ausrüstung zu bezahlen. Infolgedessen verkauften die Miner in der Regel etwa 90 Prozent ihrer ETH-Rewards. 

Nach dem Merge werden viel mehr ETH in der Blockchain gelocked sein und weniger davon werden auf dem Markt zum Trading zur Verfügung stehen. Das liegt daran, dass die Validatoren einen Anreiz haben, die Token zu halten, um eine ETH-Belohnung durch Einsätze zu verdienen. Aber das ist nicht die einzige Auswirkung auf das Angebot der Ether-Token. 

Die ETH-Ausgabe – das heisst die Schaffung neuer ETH, die es vorher nicht gab – wird um das Zehnfache zurückgehen, von 4,3  auf 0,43 Prozent. Nach dem Merge werden mit jedem Block weniger ETH geschaffen. Zusätzlich hat Ethereum kürzlich einen Burn-Mechanismus eingeführt. Dabei wird ein Teil der Ether-Token-Rewards, die an Miner geschickt werden, nun verbrannt, das heisst dauerhaft zerstört und aus dem Verkehr gezogen. Kombiniert man all dies, erhält man eine deflationäre Kryptowährung, bei der das verfügbare Angebot nach einigen Schätzungen um bis zu 2 Prozent pro Jahr abnimmt. Das bedeutet jedoch nicht, dass das ETH-Angebot auf null schrumpfen wird. Tatsächlich wird es in den nächsten Jahrzehnten um ein stabiles Gleichgewicht zwischen 60 und 100 Millionen ETH kämpfen. 

Die Kombination all dieser Faktoren könnte auf einen positiven Ausblick für ETH hindeuten, da weniger Token auf dem Markt verfügbar sind und mehr Investoren ihr Vermögen einsetzen möchten. Ausserdem zeigt die Ethereum-Blockchain keine Anzeichen für eine Verlangsamung ihres Innovationstempos. Für die Zukunft sind weitere Updates geplant, die die Transaktionskosten senken und die Geschwindigkeit erhöhen würden. Das bedeutet, dass der Merge und die folgenden Upgrades zu einer noch grösseren Nutzung von Ethereum und einer noch grösseren Nachfrage seitens der Anleger führen werden, was sich letztlich positiv auf den langfristigen Ethereum-Preis auswirken wird.

Ether wird zur ultimativen Ertrags-Benchmark 

Der Merge wird eine ganze Reihe neuer Möglichkeiten eröffnen, Erträge zu erwirtschaften. Zunächst einmal bedeutet die Umstellung auf Proof-of-Stake, dass die Aufrechterhaltung des Netzwerks an sich schon Erträge abwirft, da die Validatoren nicht mehr die Kosten eines physischen Standorts zur Lagerung ihrer Mining-Maschinen sowie die damit verbundenen Betriebskosten tragen müssen. 

Jeder, der 32 ETH, den Mindesteinsatz, besitzt, kann damit zur Sicherung des Netzwerks beitragen und für diese Arbeit einen Ertrag auf sein Vermögen erzielen. Die Staking-Rewards variieren je nachdem, wie viel Ether validiert werden und wie hoch die Rewards im Netzwerk zu diesem Zeitpunkt sind. Die Rewards sind höher gewichtet, wenn weniger Ether eingesetzt werden, um dann die Partizipation zu steigern. 

Viele Menschen sind nach dem Zusammenbruch grosser DeFi-Kreditgeber wie Celsius skeptisch, was die Ertragschancen von Kryptowährungen angeht. Und das zu Recht: Viele dieser Unternehmen und Netzwerke boten unhaltbare Renditen und waren nicht transparent darüber, woher sie ihr Geld bekamen und was sie damit machten. Der Merge wird den Menschen eine transparente und regelkonforme Möglichkeit bieten, ihr Krypto-Vermögen zu steigern. 

Die Lösung des Energieproblems von Ethereum öffnet die Tür zu einer viel breiteren Akzeptanz

Bisher spielte Staking gegenüber Lending und Mining immer nur die zweite Geige, wenn es darum ging, Ertrag auf sein Vermögen zu erwirtschaften. Aber jetzt, da ein so grosses Finanznetzwerk auf Proof-of-Stake umstellt, könnten wir neue Entwicklungen sehen, die sich eventuell zu alternativen Ertragsmethoden entwickeln werden. Staking-Rewards könnten auch eine solide antiinflationäre Option zum Schutz von Vermögenswerten in einem schwierigen makroökonomischen Umfeld darstellen.  

Auch wenn der Merge für niemanden, der schon lange in der Branche unterwegs ist, eine Überraschung ist, ist er für mich dennoch ein grosser Moment. Er wird zwar nicht alle Probleme lösen, die Kritiker mit Ethereum oder digitalen Vermögenswerten im Allgemeinen haben – aber er stellt einen echten Versuch dar, den Sektor nachhaltiger, zugänglicher und sicherer zu machen. Die Aufrechterhaltung des Netzwerks ist nicht länger ein Monopol für diejenigen, die sich teure Maschinen und die Kosten für deren Betrieb leisten können. 

Die Lösung des Energieproblems von Ethereum öffnet die Tür zu einer viel breiteren Akzeptanz, sowohl bei institutionellen Anlegern als auch bei klimabewussten Millennials. Das Token-Angebot wird nach dem Merge ebenfalls zurückgehen, aber das wird ETH nicht daran hindern, ein Asset zu bleiben, das mit stetiger Entwicklung, Innovation und dem Bekenntnis zu konkreten Werten verbunden ist, was es für Investoren aller Art noch attraktiver macht. Vor allem aber ist der Merge ein Beweis für die langfristige Vision der Ethereum Foundation, die den Mut hatte, ein Projekt von so gigantischem Ausmass zu konzipieren und nach fast einem Jahrzehnt Arbeit tatsächlich Ergebnisse zu liefern.

Von einer Handvoll Träumer, die sich in der Schweiz zusammenfanden, bis zu einem der beeindruckendsten Finanzökosysteme der Welt – das Ethereum-Team verdient seine Glückwünsche. Ich kann es kaum erwarten, zu sehen, was sie als Nächstes tun.

Die Autorin: Olga Feldmeier

Olga Feldmeier ist Mitbegründerin und Präsidentin des Verwaltungsrats von Smart Valor.

Die Krypto-Plattform ist an der Nasdaq First North kotiert und ist das einzige Schweizer Unternehmen, das Privatkunden eine Full-Service-Investmentplattform anbietet, die den Handel mit digitalen Vermögenswerten, Brokerage, Staking, Custody und Asset Management umfasst.