Open Banking is essential, Banks are not

Jörg Eugster
Jörg Eugster (Bild: Lindholm Fotografie)

Eine Auslegeordnung von Zukunftsbotschafter Jörg Eugster und seine persönliche Sicht auf den digitalen Tsunami, der Banken zum Handeln zwingt.

Kürzlich hätte der Schreibende Open Banking wirklich brauchen können. Sein Handy hat sich völlig verabschiedet. So musste er es in einer langwierigen Prozedur auf die Werkseinstellungen zurücksetzen. Er hätte sich eine einzige App gewünscht, mit der er alle Beziehungen zu seinen Finanzinstituten hätte verwalten können. Open Banking wird das einmal möglich machen. Unter Open Banking versteht man die Verwendung offener Schnittstellen (API engl. Application Programming Interface), mit denen Entwickler von Drittanbietern Anwendungen und Dienste rund um das Finanzinstitut erstellen können und die eine einfache Integration erlaubt. 

Das Finanzsystem der Zukunft

Dereinst wird es keine Smartphones mehr geben. Alles wird in der Cloud gespeichert sein, auch die Apps, die wir bei Bedarf aufrufen möchten. Wir benötigen anstelle eines Smartphones nur einen Zugang zur Cloud. Dieser kann in Form einer Datenbrille mit integriertem Kopfhörer oder über Sensoren und Funkchips in Kleidungsstücken erfolgen. Einen weiteren Zugang stellen Bots in Form von Hologrammen dar. Der Zugriff zur Cloud ist dank einer Kombination aus Passwort, Voiceprofil, Face Recognition und Geolocation absolut sicher. Die Cloud weiss zum Beispiel, wo sich eine Person gerade aufhält. So ist ein Zugang zur Cloud der betreffenden Person nicht gleichzeitig von einem anderen Ort aus möglich.

Zahlungstransaktionen erfolgen vorwiegend per Voice. Der Kopfhörer im Ohr meldet den fälligen Rechnungsbetrag bei einem Einkauf, wobei der Käufer diesen Betrag per Sprache und seinem Voiceprofil bestätigt. Ebenso können auch Kredite unterwegs und sofort gesprochen werden. Der Finanzbot meldet sich dabei und unterbreitet zugleich alle Möglichkeiten und Angebote der Finanzinstitute und Crowdlending-Plattformen. Für eine Investitionsmöglichkeit meldet sich der Finanzbot in Form eines Avatars oder Hologramms und zeigt das Objekt der Begierde mit den Konditionen. 

KI und Blockchain bestimmen das Banking von morgen

Banking der Zukunft wird von zwei wesentlichen Entwicklungen geprägt oder bestimmt werden. Einerseits ist es die Künstliche Intelligenz und andererseits die Blockchain mit Kryptowährungen. 

Zahlungstransaktionen mit Kryptowährungen

Zahlungstransaktionen lassen sich heute schon dank Kryptowährungen ohne Intermediär, also ohne Banken, durchführen. Sie sind dank der Blockchain-Technologie sehr sicher, weil alle Transaktionen dezentral und verschlüsselt gleichzeitig auf vielen Netzwerkknoten gespeichert werden. Die erste Kategorie der Kryptowährungen ist der Payment Token, mit dem kann man Werte von einem Wallet zum anderen übertragen kann. Das bekannteste Beispiel hierfür ist zweifelsohne der Bitcoin.

Investments brauchen keine Bank mehr

Die zweite Kategorie ist der Anlagetoken oder Asset Token. Damit kann man sich an verschiedensten Vermögenswerten beteiligen, die tokenisiert sind. Statt einem Beteiligungspapier kauft man Token als Anlage. 

Smart Contracts anstelle klassischer Verträge

Für Investitionen von Wertanlagen braucht es Verträge. Diese können mit etwas Softwarecode und der Blockchain-Technologie automatisiert werden. Dank der Kryptowährung Nummer 2, Ethereum, lassen sich Smart Contracts einfach abwickeln. Sobald eine Bedingung erfüllt ist, wird der nächste Schritt eingeleitet oder der Vertrag als erfüllt auf der Blockchain gespeichert.

Transaktionen von Werten mit Utility Token

Die dritte Kategorie bei den Kryptowährungen wird Utility Token genannt. Bei diesen werden Werte bei Transaktionen verschoben. Ein Beispiel verdeutlicht dies: Einem Porsche Panamera wurde in einem Proof of Concept ein Krypto-Wallet mit der Kryptowährung IOTA eingebaut. Der Porsche war nun in der Lage, die Parkgebühr der Parkuhr selbständig bei Wegfahrt des Autos zu bezahlen. Ein solcher Prozess wird auch M2M genannt, Machine to Maschine. Es braucht dazu keine Banken.

KI und Bots übernehmen das Private Banking

Vielleicht lachen Sie über die Robo Advisor von heute – noch. Doch die Entwicklung geht rasend schnell und wie in anderen Bereichen hat eine disruptive Technologie für grosse Umwälzungen gesorgt (Kodak, Nokia etc.). Morgen präsentiert möglicherweise ein neues FinTech seinen Robo Advisor, der die bessere Beratung als ein Mensch bietet. 

Die Banken müssen sich komplett neu erfinden

Die Banken haben heute noch die Chance, das Zepter selbst in die Hand zu nehmen und die schon lange nötigen Veränderungen anzustossen. 

Die Disruption in der Medienbranche als Vorbild für die Finanzbranche?

In der Medienbranche haben Google & Co. mit einem neuen Geschäftsmodell der Auslieferung von Werbung auf Klickbasis für massive Veränderungen gesorgt. Obwohl die Medienbranche immer noch gebeutelt ist, haben sich vor allem die grossen Verlage mit dem Zukauf digitaler Geschäftsmodelle teilweise neu erfinden können. Doodle beispielsweise gehört zur TX Group (vormals Tamedia). Die Medienverlage mussten sich neu erfinden, weil sie gemerkt haben, dass sie mit ihrem bisherigen Geschäftsmodell Journalismus, Rubrikeninseraten und Anzeigen immer weniger verdient hatten.

Die Disruption in der Finanzbranche

So wird es auch der Finanzbranche ergehen. Sie muss sich komplett neu erfinden. In der etwas abflauenden FinTech-Welle waren die Finanzinstitute plötzlich mit neuen Herausforderern konfrontiert. Revolut oder N26 haben innert kürzester Zeit mit dem Geschäftsmodell der Smartphonebank viele Millionen Kund*innen gewinnen können.

Die Finanzbranche wird sich ähnlich radikal wie die Medienhäuser anpassen müssen. Open Banking allein genügt nicht, um sich gegen die neuen Player behaupten zu können. Open Banking wird im Gegenteil zu mehr Wettbewerb unter den Anbietern führen. 

Der Vorteil der heutigen Finanzinstitute ist deren Finanzkraft und bestehende Kundenbasis. Sie sind aber nicht sonderlich innovativ, weil sie es bisher nicht sein mussten. Ihnen fehlt der Coolness-Faktor, wie sie ein Revolut & Co. aufweisen. Die FinTechs entwickeln ihre Prozesse kundenzentriert.

FinTechs & Co.

FinTechs sind meist cool, weil sie sich auf die Generation Y und Z ausrichten. Diese wollen alles mit dem Handy machen. Deren Geschäftsmodell ist es, das Banking in einer neuen, coolen Art anzubieten; alles in einer App auf dem Smartphone. Der Nachteil der FinTechs ist oft die fehlende Finanzkraft und das Vertrauen der Kund*innen. 

Die wirkliche Konkurrenz sitzt nicht in Europa

Die Konkurrenz geht nicht primär von den FinTechs aus, sondern aus den USA von den Techgiganten Google, Apple und Facebook und aus China von Alibaba und Tencent. Apple Pay, Google Pay, Facebooks Stablecoin Libra, Alipay und Wechat Pay sind die wirklichen Herausforderer, die man ernst nehmen muss. Sie beherrschen Self-Service und UX wie kaum andere und haben eine gigantische Reichweite.

UX gewinnt

Mit Open Banking verschwinden die Grenzen zwischen den Finanzinstituten. Es wird immer schwieriger, einen Unterschied auszumachen, geschweige denn ein Alleinstellungsmerkmal zu erkennen. Wenn alle Finanzinstitute E-Banking auf allen Endbenutzergeräten anbieten, dann wird die Unterscheidbarkeit verschwinden. Das Kundenerlebnis wird dabei entscheidend sein. 

Vertrauen und Datenschutz als neues Geschäftsmodell der Banken

In unsicheren Zeiten wie diesen könnten das aktuelle Vertrauen sowie die Datenschutzbedenken zu neuen Überlegungen und Geschäftsmodellen der Banken führen.

Der digitale Tsunami kommt – so oder so

Die Banken müssen sich jetzt neu erfinden, bevor es zu spät ist. Der digitale Tsunami kommt so oder so. Sich dagegen zu stemmen kann verheerend sein. Die Banken, ausser Postfinance, haben im September 2020 allmählich den Widerstand gegen Apple Pay und Google Pay aufgegeben. Die Finanzinstitute sollten ihre Energie besser in innovative Produkte, Geschäftsmodelle und vor allem in die UX investieren, denn dann haben sie analog der Medienhäuser eine echte Chance.