Dass die demografische Entwicklung einer prosperienden Wirtschaft einen Strich durch die Rechnung machen könnte, wissen wir alle – und schon länger.
Dennoch kommt von Politik und Wirtschaft bisher erstaunlich wenig Echo mit Blick nach vorne, wie die anstehenden Herausforderungen gelöst werden könnten. Das hängt nicht nur mit fehlender Kreativität zusammen, man scheut auch das Benennen von unpopulären Massnahmen.
Das Amt für Wirtschaft des Kantons Zürich und das Beratungsunternehmen Deloitte haben in einer gemeinsamen Studie analysiert, wie stark die Alterung der Gesellschaft die Zürcher Volkswirtschaft ausbremst – und welche politischen und unternehmerischen Entscheide nötig sind, um Gegensteuer zu geben.
Die Rezepte gegen den demografisch bedingten Wohlstandsverlust betreffen nicht ausschliesslich den Kanton Zürich, die generelle Entwicklung betrifft die ganze Schweiz.
Das demografische Damoklesschwert und der Arbeitskräftemangel
Was derzeit punktuell erst in einigen Branchen sichtbar ist, droht in den nächsten Jahrzehnten zu einem grossen Problem für die Zürcher Wirtschaft zu werden: der Arbeitskräftemangel, gepaart mit der zunehmenden Alterung der Gesellschaft. Mit gravierenden Auswirkungen auf den allgemeinen Wohlstand:
Im Jahr 2050 könnte das Wachstumsdefizit im Kanton Zürich im Vergleich zu heute fast 50 Milliarden Franken betragen. Das entspricht einer um rund einen Fünftel geringeren Wirtschaftsleistung. Bis 2050 könnte sich die BIP-Lücke auf rund 600 Milliarden Franken summieren.
Bis zu 300'000 Arbeitskräfte könnten fehlen
Grund für den zunehmenden Arbeitskräftemangel ist der demografische Wandel: Die Menschen werden älter, gleichzeitig sinkt die Geburtenziffer. Im Kanton Zürich liegt sie aktuell bei nur noch rund 1.23 Kindern pro Frau (Schweizer Durchschnitt: 1.29).
Die Zahl der Personen im Rentenalter wächst deutlich schneller als jene der Erwerbstätigen. Ohne Gegenmassnahmen würden dem Kanton Zürich bis 2050 je nach Szenario bis zu 300’000 Arbeitskräfte fehlen, während die Finanzierungslast für Renten, Gesundheit und Pflege zunimmt. Volkswirtschaftsdirektorin Carmen Walker Späh sagt:
Die demografische Entwicklung ist kein abstraktes Zukunftsszenario, sondern muss uns jetzt mit Hochdruck beschäftigen
Sie benennt auch alle Involvierten, die am gleichen Strick ziehen müssen, um die anstehenden Probleme lösen zu können: «Um unseren Wohlstand zu sichern, müssen wir heute die richtigen Weichen stellen – gemeinsam mit Unternehmen, Sozialpartnern und Bildungseinrichtungen».
Drei zentrale Hebel
In der Studie haben die Autorinnen und Autoren drei zentrale Hebel identifiziert, mit denen der demografisch bedingte Wohlstandsverlust reduziert werden kann:
- Arbeitsintensität: Eine höhere Arbeitsintensität bedeutet, dass mehr gearbeitet wird: entweder durch Erwerbstätige, die sich bereits im Arbeitsmarkt befinden (zum Beispiel über höhere Pensen) oder durch die Mobilisierung von Menschen, die sonst nicht im Arbeitsmarkt wären.
- Arbeitsproduktivität: Produktivitätswachstum bedeutet, dass Erwerbstätige mehr Wertschöpfung pro Arbeitsstunde erbringen als in der Periode zuvor. Erhöht sich das Produktivitätswachstum, braucht es automatisch weniger Erwerbstätige.
- Altersstruktur: Ändert sich die Zusammensetzung der Bevölkerung, indem etwa der Anteil der jüngeren Personen steigt, erhöht sich (bei gleichbleibenden Erwerbsquoten) das Arbeitskräftepotenzial.
Bei allen drei Hebeln sind grosse Anstrengungen notendig, um die BIP-Lücke und den damit verbundenen demografisch bedingten Wohlstandsverlust gänzlich zu reduzieren.
So müsste die Arbeitsproduktivität viermal stärker wachsen als es in den letzten 25 Jahren der Fall war. Die Arbeitsintensität müsste um 20 Prozentpunkte zunehmen und die Geburtenziffer oder die Zuwanderung müsste sich entgegen den prognostizierten Trends signifikant erhöhen.
«Es gibt kein Allheilmittel gegen die Folgen der alternden Gesellschaft auf die Verfügbarkeit von Arbeitskräften», sagt Reto Savoia, CEO von Deloitte. «Aber zwei Dinge sind klar: Wir müssen uns von der starren Altersgrenze 65 lösen und ein flexibles Rentenalter einführen. Und wir müssen die Chancen von KI konsequent nutzen. Der Kanton Zürich mit seiner dienstleistungsorientierten Wirtschaft ist dafür bestens positioniert.»
KI bietet dank Effizienzgewinnen das grösste Potenzial
In der Studie wurden zu diesen drei Hebeln zehn konkrete Massnahmen untersucht und ihre Wirkung den erwarteten Kosten gegenübergestellt.
Die Spannweite reicht von einer Erhöhung des Rentenalters, steuerlichen Anreizen für mehr Erwerbsarbeit und der Subventionierung der Kinderbetreuungskosten über einen Kulturwandel im Recruiting bis zu einer beschleunigten Digitalisierung von KMU und der verstärkten Nutzung von KI.