Die Zukunft der Zahlungskarten | Teil 1

Zahlungsmethoden im Wandel – Gegenwart und aktuelle Entwicklung

Uwe Jaspers von Entrust
Bild: Entrust

Die Vielfalt digitaler und mobiler Zahlungslösungen nimmt stetig zu – bedeutet das ein "Aus" für die bis dato beliebten Karten?

Auch wenn der Name "Entrust" nur den wenigsten Verbrauchern geläufig ist, so werden über 80 Prozent aller Bezahlkarten weltweit mit den Lösungen von Entrust personalisiert und jeden Tag werden über 10 Millionen Identitäts- und Zahlungsnachweise ausgegeben. Hinzu kommen über 24 Millionen SWIFT-Nachrichten, die täglich mit Technologien von Entrust verschlüsselt und gesichert übertragen werden. Und auch wenn es um das Bezahlen per Smartphone geht, sind Lösungen von Entrust zur digitalen Identitätsprüfung und kontextuellen Authentifizierung im Einsatz.

Uwe Jaspers, VP Financial Secure Issuance Sales EMEA bei Entrust, wirft im ersten Teil seiner Analyse einen fundierten Blick auf die Entwicklung digitaler Zahlungsmethoden.


Unsere Zahlungsmethoden haben sich in der Vergangenheit eher langsam verändert. Seit ein paar Jahren vollzieht sich jedoch auch in diesem Bereich ein rascher Wandel, technologische Innovationen führen zu einer immer grösseren Auswahl an Möglichkeiten und verändern unser Verhalten. Welche Zahlungsmittel werden sich daher in Zukunft durchsetzen? 

Sehen wir uns die einzelnen Entwicklungen genauer an.

Corona beschleunigt Trend zum kontaktlosen Bezahlen 

Global betrachtet gelten Karten seit Jahrzehnten als beliebtestes Zahlungsmittel. So sind derzeit weltweit circa 18 Milliarden Zahlungskarten im Umlauf, die meisten davon Debitkarten. In den letzten Jahren wurden jedes Jahr circa 3,8 Milliarden neue Bezahlkarten ausgegeben, Tendenz steigend. Für das Jahr 2024 gehen wir bereits von 4,4 Milliarden aus. 

Hier spielt auch der Trend hin zu kontaktlosem Bezahlen eine Rolle: Eine globale Umfrage von Mastercard Ende Mai 2020 hat ergeben, dass 78 Prozent aller Mastercard-Transaktionen in Europa mittlerweile kontaktlos ablaufen. Visa und Mastercard sehen mittlerweile vor, dass neu ausgegebene Karten das kontaktlose Bezahlen via NFC unterstützen müssen. Im März empfahl die Europäische Bankenaufsichtsbehörde (EBA) unter dem Eindruck der Corona-Pandemie, wo immer möglich das Limit für das kontaktlose Zahlen ohne PIN-Eingabe bis zu den nach PSD2 zulässigen Höchstbeträgen von 50 Euro bzw. 80 Schweizer Franken pro Transaktion zu erhöhen. COVID-19 sorgt hier für einen weiteren Schub hin zu kontaktlosen Kartenzahlungen, denn diese sind hygienischer und reduzieren das Infektionsrisiko über kontaminiertes Bargeld oder Terminals. Auch die derzeit gebotene soziale Distanz lässt sich so einfacher wahren. 

Wer nun vermutet, dass die Vorliebe für das kontaktlose Bezahlen einem Verzicht auf die physische Karte in die Hände spielt, der irrt: 81 Prozent der Kontaktlos-Zahler geben an, dass sie am liebsten mit einer Debit- oder Kreditkarte zahlen, gefolgt vom mobilen Bezahlen mit einem Smartphone (29 Prozent) beziehungsweise einem Fitnesstracker (4 Prozent). Mobile Zahlungen mit dem Smartphone oder Wearable nehmen zwar auch in Europa zu, momentan ist aber nicht mit einer Verdrängung der Bezahlkarte zu rechnen (Quelle: Mobile Payment Report 2019, PwC). 

Bargeldzahlungen hingegen sind jedoch stark zurückgegangen, wobei es hier grosse Unterschiede innerhalb Europas gibt: Während Schweden sich bis 2023 zum ersten bargeldlosen Land entwickeln möchte, halten die Schweizer im Vergleich dazu noch stark an Münzen und Scheinen fest.

Derzeit stellt also das kontaktlose Zahlen mit Zahlungskarten in unseren Breitengraden die beliebteste Art zu zahlen dar – Tendenz steigend. Dies gilt vor allem auch für kleinere Beträge, die lange Zeit dem Bargeld vorbehalten waren. Bis Ende 2020 werden weltweit circa 2 Milliarden neue kontaktlose Bezahlkarten ausgestellt worden sein. 2023 wird der Anteil kontaktloser Karten weltweit mindestens 57 Prozent einnehmen, im Vergleich zu 35 Prozent in 2017 (Quelle: RBR ­– Diese Zahlen stammen aus einer Studie von 2019, insofern ist hier die Sensibilisierung durch COVID-19 noch gar nicht eingerechnet, siehe auch hier.)

Welche Entwicklung durchlaufen derzeit alternative, digitale Zahlungsmethoden?

Der rasche technologische Wandel hat in den letzten Jahren die verschiedensten Alternativen für die physische Karte auf den Markt gebracht. Zu den bedeutendsten Innovationen gehören Banking-Apps, digitale Brieftaschen (E-Wallets), Kryptowährungen, QR-Codes, das sogenannte Internet of Payment (IoP) oder Machine-to-Machine (M2M)-Payment inklusive der Bezahlung mittels sprachgesteuerter Endgeräte. Auch Richtlinien wie zuletzt PSD2 erhöhen die Auswahl an Bezahlmöglichkeiten für die Verbraucher. 

Derzeit sehen wir insbesondere bei alternativen, QR-Code-basierten mobilen Zahlungslösungen wie AliPay und WeChatPay aus China ein immenses Wachstum. Beide Anwendungen sind erst wenige Jahre alt, rücken aber in Bezug auf die Anzahl an Zahlungstransaktionen immer näher an die langjährig etablierten Platzhirsche Visa, Mastercard und Union Pay (dem chinesischen Marktführer im Bereich Zahlungskarten) heran.

AliPay wurde von der Alibaba-Gruppe entwickelt und ermöglicht es Konsumenten, durch einfaches Scannen eines QR-Codes auf allen E-Commerce-Plattformen und Partnershops der Gruppe Einkäufe zu tätigen und Rechnungen zu bezahlen. WeChat wurde 2011 von der Tencent Group als soziale Plattform für die Kommunikation und den Austausch von Inhalten gegründet, 2014 startete Tencent mit Online-Zahlungen über WeChat Pay. Wer seine Kreditkarte mit WeChat Wallet verbindet, hat die Möglichkeit, Geld an einzelne Kontakte zu überweisen, ein Taxi zu bestellen, Kinokarten zu kaufen oder in über 300'000 Geschäften mit der WeChat Pay-Funktion zu bezahlen. Dank der grossen Benutzerbasis ihrer sozialen Plattform entwickelt sich auch diese Bezahl-App in China rasant. Seit 2017 expandieren AliPay und WeChat Pay aber auch in andere Regionen, insbesondere nach Afrika, den Mittleren Osten und Europa. Beide Anwendungen kooperieren mit lokalen Anbietern von digitalen Wallets, um ihre internationale Präsenz zu verstärken. 

Auch in Europa entwickelt sich der Bereich der digitalen Wallets stetig weiter, derzeit gibt es hier über 80 aktive Anbieter von E-Wallets. Sieht man sich die weltweite Entwicklung und Akzeptanz mobiler Zahlungslösungen an, ist es nicht erstaunlich, dass China in diesem Bereich den ersten Rang einnimmt. 36 Prozent aller Zahlungen laufen dort über ein mobiles Endgerät ab. In Europa und im Rest der Welt liegt der Durchschnitt noch bei circa 3 Prozent – das Vereinigte Königreich, Südafrika und Indien geben hier mit jeweils 5 bis 6 Prozent den Ton an. (Quelle: Payments Cards & Mobile). Interessanterweise sind das aber auch diejenigen Regionen, die bei der Ausstellung neuer Zahlungskarten über dem Durchschnitt liegen.

Wie bei den Banking-Apps ist auch die grosse Mehrheit an E-Wallets an eine physische Karte geknüpft. Viele Anbieter mit ursprünglich rein digitalen Lösungen haben mittlerweile zusätzlich Karten eingeführt, um auch diesen Bereich abdecken zu können – im Finance-Bereich zum Beispiel N26, Cryptopay, Lydia oder Klarna. Aber auch Unternehmen wie Uber Money, Starbucks oder Apple Pay bieten zusätzlich zu ihren mobilen Apps Zahlkarten an.

Wir gehen also für die nächsten Jahre eher von einer Konvergenz physischer und digitaler Zahlungssysteme aus, nicht von einem Verdrängungswettbewerb.

Eine weitere Möglichkeit zu zahlen beschert uns das Internet of Things (IoT), indem es jedes angeschlossene Gerät in eine Plattform für den Kauf umwandelt. Hier spricht man von Machine-to-Machine-Payments bzw. Internet of Payment. Zweifelsohne wird der Anteil des Internet of Payment in den nächsten Jahren gravierend steigen, doch die meisten dieser Transaktionen sind derzeit dadurch gekennzeichnet, dass es sich lediglich um eine Verschiebung der Zahlungsmittel handelt (zum Beispiel eine Kreditkartentransaktion an der Zapfsäule, die jetzt im Fahrzeug durchgeführt wird). Auch hier liegen also zumeist Zahlungskarten zugrunde.

Transparenz im Umgang mit Kundendaten

Längerfristig werden die latenten – und lukrativeren – IoP-Umsatzchancen darin liegen, dass Anbieter die Vielzahl der eingegebenen Daten nutzen, um tiefere Einblicke in das Kundenverhalten zu erhalten. Die gewonnenen Daten werden einerseits dazu dienen, die Genauigkeit bei der Betrugsprävention über "Know your customer"-Anforderungen (KYC) zu verbessern, andererseits aber auch dazu, Impulskäufe durch massgeschneiderte Angebote und Empfehlungen anzuregen. Bis sich M2M- und IoP-Transaktionen wirklich durchsetzen, wird die Beseitigung von Sicherheitsbedenken zu den grössten Hürden gehören, die es zu überwinden gilt. IoP-Anbieter müssen transparent sein, wie sie mit den gesammelten Kundendaten umgehen.

Laut 451 Research IoT Market Monitor sind derzeit 85 Prozent der Verbraucher der Meinung, dass sie keine oder nur eine begrenzte Kontrolle über die persönlichen Daten haben, die Unternehmen online über sie sammeln (Quelle: Forbes). Datenschutz ist eines der dringlichsten Anliegen von Finanzunternehmen und es gibt hervorragende Lösungen, um Kundendaten effizient und lückenlos abzusichern. Aber zur Steigerung des Vertrauens auf Kundenseite ist definitiv mehr Transparenz gefragt, welchen Schutz welche Daten bei welchem Institut genau erfahren.


Zahlungsmethoden im Wandel – Eine Analyse in zwei Teilen

Im zweiten Teil seiner Analyse wirft Uwe Jaspers einen tiefergehenden Blick auf Entwicklungen und Technologien, welche die Zukunft von Zahlungskarten prägen – hier zu lesen.