Europas Zahlungsverkehr hängt weiterhin stark von internationalen Kartensystemen und Plattformen ab. Während die EU mit Initiativen wie Wero und dem Digitalen Euro nach mehr Unabhängigkeit strebt, verfügt die Schweiz mit Twint und SIC Instant bereits über wichtige Bausteine einer eigenständigen Zahlungsinfrastruktur. Die entscheidende Frage lautet allerdings nicht, welche Lösung sich durchsetzen wird, sondern wie echte Souveränität in einer zunehmend vernetzten Zahlungswelt entsteht und erhalten bleiben kann.
Obwohl der Zahlungsverkehr zur kritischen Infrastruktur einer Volkswirtschaft zählt, wickeln auch weiterhin vor allem internationale Anbieter und Kartennetzwerke grosse Teile der digitalen Zahlungen in Europa und der Schweiz ab. Was für Konsumentinnen und Konsumenten im Alltag meist nur eine untergeordnete Rolle spielt, entwickelt sich für Banken, Händler und Aufsichtsbehörden zunehmend zur Gretchenfrage: Wie abhängig sind Europa und die Schweiz von Infrastrukturen, die ausserhalb ihres unmittelbaren Einflussbereichs und des für sie geltenden Rechtsraums betrieben werden?
Ein erster Fallstrick ist dabei die oft zu eng gehaltene Diskussion um eine vermeintliche Zahlungssouveränität. Es sollte weder Sinn noch Zweck sein, internationale Anbieter zu verdrängen oder nationale Insellösungen aufzubauen. Vielmehr ist die nationale Fähigkeit gefragt, vor allem mit einer engeren Zusammenarbeit von Zentralbanken und Privatwirtschaft, Zahlungsprozesse selbst gestalten zu können und gleichzeitig mit internationalen Netzwerken verbunden zu bleiben.
Der Begriff Zahlungssouveränität beschreibt also vielmehr die Kontrolle über Infrastruktur, Daten, Sicherheitsstandards und regulatorische Rahmenbedingungen, als eine kontraproduktive Abschottung von globalen Märkten. Souveräne Zahlungssysteme fungieren dabei ebenfalls als Kernelement der geopolitischen Resilienz.
Die Schweiz besitzt ein stabiles Fundament
Auch mit Blick auf die EU startet die Schweiz dabei durchaus aus einer vergleichsweise starken Position. Mit Twint hat sich hier bereits eine bankengetragene nationale Zahllösung etabliert, die sowohl im stationären Handel als auch im E-Commerce breite Akzeptanz erreicht hat. Mehr als sechs Millionen Nutzerinnen und Nutzer machen das System zu einem der sichtbarsten Beispiele dafür, dass bankengetragene Zahlungsmodelle auch gegen internationale Wettbewerber bestehen können.
Hinzu kommt mit SIC Instant eine eigene Infrastruktur für Interbanktransfers in Echtzeit. Seit 2024 baut die Schweiz damit einen Zahlungsverkehr aus, der auf nationaler Infrastruktur basiert. Anders als in der Europäischen Union erfolgt die regulatorische Steuerung dabei nicht über PSD2 oder die geplante PSD3, sondern im Rahmen der Schweizer Finanzmarktregulierung.
Dennoch bleibt die Schweiz eng mit internationalen Zahlungsnetzwerken verflochten. Gerade im grenzüberschreitenden Handel dominieren weiterhin Visa und Mastercard. Wer online einkauft oder an internationale Händler verkauft, bewegt sich häufig auf globalen Zahlungsschienen. Eine der grössten Herausforderungen der nahen Zukunft besteht daher auch darin, die eigene Handlungsfähigkeit innerhalb dieses Ökosystems zu sichern.
Quo vadis, Europa?
Vor diesem Hintergrund verdient auch die europäische Zahlungsinitiative Wero Aufmerksamkeit, obwohl sie derzeit noch nicht auf den Schweizer Markt abzielt. Die Idee dahinter könnte dennoch lehrreich sein: Das von grossen europäischen Banken getragene System soll eine kontobasierte Alternative für Echtzeit- und Onlinezahlungen schaffen und langfristig eine europäische Antwort auf internationale Wallet- und Payment-Angebote etablieren.
Ob Wero dieses Ziel erreichen kann, steht allerdings noch in den Sternen. Wie die Geschichte des Zahlungsverkehrs zeigt, entscheidet nicht allein technologische Leistungsfähigkeit über Erfolg oder Misserfolg. Nutzerakzeptanz, Händleranbindung und Netzwerkeffekte spielen häufig die grössere Rolle. Gleichzeitig verdeutlicht die Initiative aber auch, dass Europa die Abhängigkeit von aussereuropäischen Zahlungsanbietern zunehmend als strategische Herausforderung betrachtet.
Für die Schweiz ist Wero deshalb vor allem als Indikator relevant. Sollte sich eine europaweite Konto-zu-Konto-Zahlungsschiene etablieren, stellt sich mittelfristig die Frage nach Interoperabilität und grenzüberschreitender Nutzung. Twint und Wero müssen dabei nicht zwangsläufig Konkurrenten sein, denkbar sind vielmehr auch Modelle, in denen nationale und europäische Lösungen zusammenwirken, ein möglicher Ansatz für die Zukunft des Zahlungsverkehrs.
Statt eines Verdrängungswettbewerbs zwischen Karten, Wallets und Echtzeitzahlungen entsteht zunehmend ein Multi-Rail-Modell, in dem verschiedene Zahlungsschienen parallel existieren. Nationale Lösungen wie Twint, europäische Initiativen wie Wero, internationale Kartensysteme und perspektivisch digitale Zentralbankwährungen würden in diesem System unterschiedliche Funktionen erfüllen. Sie würden sich voraussichtlich ergänzen statt gegenseitig ersetzen.
Aus dieser Perspektive wird auch deutlich, warum der Begriff der strategischen Souveränität eine immer stärkere Bedeutung erhält. Entscheidend ist nicht, welche einzelne Zahlungsschiene künftig dominiert. Die zentralen Fragen sind vielmehr: Wer kontrolliert die Infrastruktur? Wo werden die Daten verarbeitet? Welche Sicherheitsstandards gelten und wie flexibel können neue Technologien integriert werden?
Die Schweiz verfügt mit Twint und SIC Instant bereits über ein solides Fundament, langfristig wird sich Zahlungssouveränität jedoch nicht allein an nationalen Lösungen messen lassen. Sie entsteht vielmehr überall dort, wo technologische Eigenständigkeit und Interoperabilität zusammenkommen. Und dort, wo Finanzinstitute die Fähigkeit behalten, unterschiedliche Zahlungsschienen sicher, effizient und im Interesse ihrer Kundinnen und Kunden miteinander zu verbinden.