Interview

Welche Innovationsagenda verfolgt Avaloq? Ein Gespräch mit Dr. Nils Bulling.

Dr. Nils Bulling, Head Digital Strategy & Innovation bei Avaloq
Dr. Nils Bulling, Head Digital Strategy & Innovation bei Avaloq

Patrick Comboeuf hat nachgefragt: Blockchain, Open Banking und auch AI-Konzepte stehen bei Avaloq im Fokus einer ambitionierten Innovationsagenda.

Die MoneyToday-Redaktion hat sich vor einigen Tagen mit Dr. Nils Bulling, Head Digital Strategy & Innovation, über Avaloqs Initiativen und Ansichten rund um FinTechs, Blockchain und die digital geprägte Zukunft im Banking unterhalten. Dieses Gespräch fand noch vor dem kürzlich in den Medien vermeldeten Rücktritt des Avaloq CEOs Jürg Hunziker statt, hat aber nichts von seiner Aktualität eingebüsst.


Ein Interview mit Dr. Nils Bulling von Avaloq

Was sind die Schwerpunkte Deiner Woche, was hält Dich wach?

Das ist erstaunlich ähnlich wie in meinen vorherigen Tätigkeiten als Forscher an der Universität oder in der Beratung. Ich erstelle immer noch sehr viele Präsentationen. Heute vor allem zu strategischen Themen sowie Industrietrends und deren kurz- und mittelfristiger Relevanz für unsere Kunden. Hier habe ich also noch sehr viel Forschung in meiner Arbeit. Derzeit stehen bei mir insbesondere Blockchain und Open Banking APIs im Fokus.

Bleiben wir zum Start gleich beim Themenkomplex Blockchain und Digital Assets. Du bist unter anderem auch Mitverfasser des Reports "Non-Bankable Assets – Investing in a New Era". Wie beurteilst Du die aktuelle Entwicklung und deren Auswirkungen auf etablierte Finanzinstitute?

Während der Bitcoin – und sein Preis – weiterhin für Schlagzeilen sorgen, sollte man die zugrundeliegenden Argumente für die Blockchain-Technologie nicht übersehen. Tatsächlich findet sie zunehmend reale Anwendungen in einer Reihe von Branchen und bleibt eine der aufregendsten jüngsten technologischen Entwicklungen weltweit. Wir glauben, dass sich diese Dynamik noch beschleunigen wird.

Denken wir zum Beispiel an den extremen Kostendruck, dem viele Banken ausgesetzt sind. Die Blockchain-Technologie, oder allgemeiner die Distributed-Ledger-Technologie, kann aufgrund ihres hohen Potenzials für eine umfassende Digitalisierung zur Kostensenkung beitragen, indem sie es ermöglicht, Transaktionen wesentlich effizienter durchzuführen oder die Kosten für das Lebenszyklus-Management eines Finanzprodukts zu senken. Vollständig digitale Prozesse können auch eine atomare Lieferung-gegen-Zahlung ermöglichen, was das Kontrahentenrisiko und die damit verbundenen Kosten reduziert. Generell hat die Blockchain-Technologie das Potenzial, den Bedarf an Back-Office-Ressourcen stark zu reduzieren und Prozesse effizienter zu gestalten.

Wo siehst Du die grössten kurzfristigen Anwendungspotenziale bei Euren Kunden?

Für uns als führenden Anbieter von digitalen Banking-Lösungen für Finanzinstitute, insbesondere im Hinblick auf Private Banking und Wealth Management, ist die Technologie besonders interessant, da sie neue Anlagemöglichkeiten für eine breite Palette von Kunden ermöglicht.

Die Blockchain-Technologie bleibt eine der aufregendsten jüngsten technologischen Entwicklungen weltweit

Im Bereich Kryptowährungen bieten wir eine innovative Plattform an, inklusive Custody-Lösung von unserem Partner Metaco zur sicheren Schlüsselverwahrung. Darüber hinaus ist auch die Tokenisierung von Vermögenswerten – ob traditionell oder alternativ, die historisch oftmals nur vermögenden Privatpersonen vorbehalten waren – sehr spannend. Durch tokenisierte Vermögenswerte können Finanzinstitute die Demokratisierung der Vermögensverwaltung vorantreiben und alternative Anlageklassen einem breiteren Markt zugänglich machen.

Es kann gut sein, dass wir am Anfang einer explosionsartigen Zunahme von neuen Anlageprodukten stehen. Wenn wir zum Beispiel den Decentralized Finance-Bereich anschauen, stellen wir fest, dass dort das Zinsniveau viel höher sein kann als in vergleichbaren klassischen Anlagevehikeln.

Warum ist es für etablierte Finanzinstitute und den Markt wichtig, dieses Feld nicht mehr nur den aufstrebenden Unternehmen aus dem Crypto Valley zu überlassen?

Wenn Banken oder Vermögensverwalter ihren Kunden eine nahtlose Integration digitaler Assets anbieten, kann dies die Eintrittsbarrieren erheblich senken, egal ob es sich um Kryptowährungen oder andere tokenisierte Assets handelt. Die kürzlich von Avaloq lancierte nahezu schlüsselfertige Lösung für Krypto-Assets ermöglicht es Finanzinstituten, diese neue Geschäftsmöglichkeit mit geringem Aufwand zu erschliessen.

Das Gleiche gilt für die Kunden der Banken. Diese Kunden erhalten alle Anlagemöglichkeiten ihres vertrauten Finanzinstituts aus einer Hand und müssen nicht mehr mühsam Geld von einer Bank zur anderen überweisen. Technische Hürden sowie mögliche Sicherheitsbedenken werden stark reduziert, sowohl für Finanzinstitute als auch für Kunden.

Was für eine Rolle spielt die Marktreife von Tokenisierungs-Lösungen auf dem Weg zum Durchbruch?

Die Tokenisierung von Vermögenswerten schafft für neue Kundengruppen die Möglichkeit, in bestimmte Anlageklassen zu investieren, die bisher oft vermögenderen Kunden vorbehalten waren. Dies ermöglicht dann eine stärkere Diversifizierung von Portfolios, was grundsätzlich zu einer Risikoreduzierung für den Kunden führt. Mit diesen Anwendungsfällen und auch der Einführung von Stable Coins – das sind Kryptowährungen, die durch Fiat-Geld oder andere Vermögenswerte gedeckt sind – wird das Vertrauen in Kryptowährungen und digitale Vermögenswerte im Allgemeinen wahrscheinlich steigen.

Darüber hinaus können durch die Tokenisierung nicht-bankfähige Vermögenswerte wie Sammlerstücke und Kunstwerke bankfähig werden, was durch eine bessere Zugänglichkeit und einfachere Handhabung vorangetrieben wird. Kunden werden zum Beispiel in der Lage sein, Bruchteile einer Oldtimersammlung, einer Luxusvilla oder eines Picasso-Gemäldes wie traditionelle Aktien zu handeln.

Auch mit der Einführung von Stable Coins wird das Vertrauen in Kryptowährungen und digitale Vermögenswerte im Allgemeinen wahrscheinlich steigen

Dies wird wohl eine Nachfrage nach neuen Beratungsdienstleistungen nach sich ziehen, die neue Einnahmemöglichkeiten für Finanzinstitute bieten. Im Falle des tokenisierten Picassos kann beispielsweise auch ein Eigentumsnachweis wichtig sein, sowie dass dieser physische Vermögenswert sicher verwahrt wird. Beides könnte in Zukunft auch Teil der neuen Dienstleistungen eines Finanzinstituts sein.

Du hast ja starke akademische Wurzeln. Gerade für Eure Kunden ist das Thema "Digital Upskilling" nicht nur peripher relevant. Wie stellst Du, wie stellt sich Avaloq da auf?

Da hätten wir einerseits die Avaloq Academy, die schon seit langem dafür sorgt, dass sowohl unsere Kunden als auch unsere Mitarbeitenden regelmässig ihre Skills und ihr Wissen erweitern können. Zudem haben alle Mitarbeitenden weltweit seit kurzem Zugang zu einer digitalen Learning-Plattform, die ein unglaublich breit gefächertes Angebot an Kursen offeriert – nicht nur im Software-Bereich.

So können individuelle Trainingsprogramme aus externen sowie internen Inhalten zusammengestellt werden, die ideal auf das jeweilige Job-Profil abgestimmt sind. Zum Beispiel habe ich zusammen mit Kollegen kürzlich ein Sales-Training zum Thema Blockchain und Krypto gegeben, welches wir nun über die Plattform der gesamten Firma zur Verfügung stellen können.

Avaloq treibt mit Avaloq One Ecosystem auch die Vernetzung mit Startups und anderen Softwareanbietern aktiv voran. Welche Rolle spielt da die Innovationseinheit von Dir?

Hier arbeiten wir tatsächlich Hand in Hand. Unser Fokus liegt klar auf den zukünftigen Trends und Entwicklungen, neben Blockchain zum Beispiel auch auf Künstlicher Intelligenz und Open Banking. Diese Erkenntnisse teilen wir stetig mit unseren Peers bei Avaloq One, damit sie dann nach passenden Synergien und Lösungen suchen können und diese gegebenenfalls ins Partner-Ökosystem aufnehmen können.

Unser Fokus liegt klar auf den zukünftigen Trends und Entwicklungen, neben Blockchain zum Beispiel auch auf Künstlicher Intelligenz und Open Banking

Welche Anwendungsdomänen beurteilt Ihr als besonders attraktiv, um sie über Open Banking APIs in das Angebotsportfolio Eurer Kunden zu integrieren?

Neben den vielzitierten Personal Finance-Konzepten finde ich persönlich das Thema Payment spannend. Die Payment-Dienste selbst werden immer mehr zu einer Art Commodity. Warum also nicht einen entsprechenden Dienst von einem effizienten kostengünstigen Startup einbauen und den Bankkunden anbieten? Sehr intensiv beobachten wir auch die Entwicklungen rund um Diem (vormals Libra), die von Facebook vorgestellte Kryptowährung. Ich bin sehr gespannt, wie es da weitergeht.

"Simplicity scales. Complexity does not." – Wo leistet Avaloq einen Beitrag, damit Banken ihre Legacy soweit transformieren, dass daraus vielleicht gar ein Asset wird?

Als Avaloq sprechen wir uns klar für Open Banking Standards aus. Solche Standards, wie sie seinerzeit mit dem offenen USB-Protokoll für Peripheriegeräte geschaffen wurden, machen für viele etablierte Institute und FinTechs Skalierung erst möglich.

Mit welchem Kunden und zu welchem Thema möchtest Du gerne Dein erstes physisches Fachgespräch führen – nach der hoffentlich bald absehbaren Zeit nach der Pandemie?

Da jeder Kunde seine individuellen Bedürfnisse hat, ist jedes Kundengespräch für mich sehr wertvoll. Ein Thema, das ich generell sehr gerne vertieft erörtern würde, ist "Financial Inclusion". Also wie kann ein Institut mit seinem Angebot neue Zielgruppen unterhalb seiner bisherigen Kundenkategorien ansprechen, eben weil es effizienter und damit kostengünstiger bereitgestellt werden kann. Auch gerade mit Decentralized Finance gibt es weitere neue spannende Möglichkeiten zur finanziellen Inklusion.

Und zum Abschluss dieses sehr aufschlussreichen Gesprächs noch eine finale Frage. Wenn Du die Zeit zurückdrehen könntest: In welches Thema hättest Du gerne in der Vergangenheit persönlich mehr Zeit investiert?

Während meiner Promotion habe ich mich mit dezentralen Multiagentensystemen auseinandergesetzt. Hier bin ich auch öfters mit Forschungspapieren zu Bitcoin und Blockchain in Berührung gekommen. Da hätte ich gerne etwas Zeit in die praxisnahe Bitcoin-Forschung investiert. Namentlich mit Bitcoin Mining, das ging damals 2009 gerade los.