Warum Maurice de Mauriac gerade jetzt ans Bellevue zieht
Über die Serie “The Future favours the Bold”
In einer Medienbubble mit steigenden Arbeitslosenzahlen, gepaart mit wachsender Angst um den Job oder die bisher noch sehr komfortable Einkommenssituation, ist es manchmal schwer, Lichtblicke angemessen zu würdigen. Positive Geschichten als mutmachende Leitbilder sind gefragt, aber eher rar. In einer oft negativ konnotierten Berichterstattung über die Wirtschaftswelt mit verklausulierten Negativbotschaften, weichgespülten PR-Statements und generischen Erfolgsformeln für eine verheissungsvollere Zukunft, sucht MoneyToday nach dem echten Puls.
Was treibt die Macherinnen und Macher dieses Landes wirklich an, mutige, antizyklische oder mitunter verrückt anmutende Entscheidungen zu treffen und umzusetzen? Wie handeln sie, wenn die Powerpoint-Präsentation der Einflüsterer oder der Berater aus ist?
In einer losen Serie berichten wir über bemerkenswerte Unternehmen, Organisationen und Ventures, vor allem aber über spannende Persönlichkeiten – im wahrsten Sinne des Wortes. Wir leuchten Ideen, Handlungen und Entscheidungen aus, die in der manchmal etwas mau daherkommenden Mainstream-Berichterstattung oft untergehen.
Als Klammer richten wir im “60-Second-Mindset” den Scheinwerfer auf die Personen dahinter. Auf ihre Motivation und die durchaus auch vorhandenen “Inner Saboteurs” wie gehegte Zweifel, temporäre Verzagtheit und andere Bremsklötze. Wir nehmen die Fährte auf bei den "Humans in the Loop" und suchen deren DNA des Erfolgs – provokativ-pointiert und ohne Sicherheitsnetz, auch und gerade, wenn mitunter glückliche Zufälle Teil der Gleichung sind.
In der Schweizer Uhrenindustrie gibt es zwei Arten von Nachrichten: Die grossen Konzerne vermelden Quartalszahlen und die kleinen Manufakturen kämpfen oft still um Relevanz. Doch mitten in einer wirtschaftlichen Grosswetterlage, die von geopolitischer Unsicherheit und globaler Kaufzurückhaltung geprägt ist, setzt eine Zürcher Familienmarke ein Ausrufezeichen, das man bis in die Teppich-Etagen der Luxuslabels hören sollte.
Maurice de Mauriac zieht um. Weg vom kleinen, cosy, aber eben auch etwas versteckten Atelier im Schatten der Zürcher Bankenwelt hinter dem Paradeplatz, hin zum Bellevue. Mitten auf den Präsentierteller.
Offensive als beste Verteidigung
Aus rein betriebswirtschaftlicher Sicht könnte man diesen Schritt als mutig empfinden, wenn die Branche schrumpft. Die "unternehmerische Inertia" – das Verharren im sicheren Status quo – wäre in Zeiten wie diesen die logische, fast schon erwartbare Reaktion vieler KMUs. Budgets kürzen, abwarten, Tee trinken.
Die Geschwister Massimo, Leonard und Masha Dreifuss, die das Erbe ihres Vaters Daniel weiterführen, wählen den Gang nach vorn. Sie verstehen instinktiv, was vielen Managern abhandengekommen ist: Das grösste Risiko ist heute nicht die Investition, sondern die Unsichtbarkeit. Wer sich jetzt wegduckt, spart vielleicht Mietkosten, zahlt aber langfristig mit dem Verlust an Relevanz – also RoI im Sinne von "Risk of Ignorance" und nicht Return on Investment.
Mehr als nur Location: Ein Statement für "Touch & Feel"
Natürlich ist der Umzug auch eine logistische Herausforderung. Die Marke, bekannt für ihre mechanische Dickköpfigkeit und das "Done is better than perfect"-Prinzip, musste lernen, dass Wachstum auch Schmerzen bedeutet. Es gab Dämpfer in der Vergangenheit, Modelle, die nicht flogen, und Momente, in denen die Leidenschaft auch mal grösser war als die Liquidität.
Doch genau hier liegt die Stärke dieses Schritts. In einer Ära, in der Luxus oft klinisch und unnahbar inszeniert wird, setzt Maurice de Mauriac auf radikale Zugänglichkeit. Der neue Standort ist kein steriler Showroom, sondern eine offene Werkstatt. Es ist der physische Beweis, dass digitales Marketing zwar Reichweite bringt, aber echte Markenbindung vor allem durch Erleben entsteht. "High Tech" braucht "High Touch".
Lektionen für den Standort Schweiz
Was die Dreifuss-Familie hier exerziert, ist eine Blaupause für den Schweizer Mittelstand. Wenn du finanziell nicht mit den Giganten mithalten kannst, musst du sie mit Cleverness und Authentizität schlagen.
Der Umzug ans Bellevue ist mehr als ein Standortwechsel. Er ist ein Trotzdem. Ein Signal, dass man sich nicht von Konjunkturprognosen lähmen lässt, sondern den Mut aufbringt, das eigene Narrativ selbst zu schreiben.
Aber bei den Uhrengeschwistern ist Hinfallen auch in dieser Geschichte erlaubt – solange man danach aufsteht, die Krone richtet und weitergeht.
Die Zürcher Uhrenszene wird lauter, bunter und mutiger. Und das ist ein wichtiges Signal, das auch über den Markt der Zeitmesser hinaus strahlen sollte.
The 60 Second Mindset – ein Einblick in die DNA von Macherinnen und Machern
Fünf Fragen an Masha Dreifuss, jüngster Spross der Zürch Uhrendynastie Maurice de Mauriac.
MoneyToday: Wenn es Euer Unternehmen morgen nicht mehr gäbe: Wer würde Euch vermissen – und warum?
Masha Dreifuss: Man darf sich als Unternehmen nicht überschätzen. Wir machen das, was wir machen, nicht, um vermisst zu werden, wenn wir nicht mehr da sind.
Wenn wir es schaffen, im Hier und Jetzt mit unseren Uhren und unserer Interaktion mit der Markenfamilie eine gute Zeit, gute Gedanken und gute Gefühle auszulösen, dann sind wir zufrieden im Herzen.
Und warum sollte es uns nicht mehr geben? Wir sind jung, wir sind zu dritt und wir bringen jeden Tag ein wenig mehr Frische in die Uhrenwelt.
Welcher unternehmerische Rückschlag hat in den vergangenen Jahren weh getan – und wie habt Ihr Euch aus der Misere wieder rausmanövriert?
Eine direkten wirtschaftlichen Rückschlag hat es nie gegeben. Aber es gab einen menschlichen Rückschlag. Der Tod des Gründers von MDM, unseres Vaters Daniel Dreifuss. Er trug nicht nur die Seele des Unternehmens in sich, sondern auch alle Prozesse, alle Partnerschaften, einfach alles. Das alles mussten wir aufarbeiten und zu skalierbaren Prozessen werden lassen. Das hat nahezu zwei Jahre in Anspruch genommen und musste von uns neben dem Tagesgeschäft erbracht werden.
If you can't outspend, outsmart: Wo habt Ihr in letzter Zeit einen Goliath im Markt nicht mit Budget, sondern mit Kreativität, Cleverness und Chuzpe geärgert?
Eigentlich ist alles, was wir machen, von diesem Geist geprägt, David zu sein. Allein die Tatsache, dass wir uns keine Marketingstorys ausdenken müssen, weil wir von so extrem vielen Storys gefunden werden, aus denen wir uns dann die schönsten aussuchen können – das verschafft uns einen riesigen Vorteil gegenüber jenen, die jede Story strategisch entwickeln und dann manchmal mit extrem viel Geld aussehen lassen müssen, als sei sie echt.
Die digitale Welt verlangt nach digitalen Antworten. Aber wo in Eurer Wertschöpfung dürft Ihr niemals automatisieren, weil der menschliche Faktor Euer eigentlicher Kern ist?
Das ist ein sehr sensibles Thema. Auf der Suche nach den richtigen Antworten entscheiden wir uns immer für den menschlichen Weg, wenn der technische, der digitale, nicht annähernd ebenbürtig erscheint. Das bedeutet für meine Brüder und mich oft eine grosse Mehrbelastung. Die zu akzeptieren und zu leben, das macht sicher immer den kleinen Unterschied aus, den wir lieben und der geliebt wird.
Die Bühne gehört Dir: Wenn Du der Schweizer Wirtschaft heute einen ungeschönten Weckruf verpassen müsstest – wie lautet er?
Puh, das masse ich mir nun wirklich nicht an. Ich bin erst Mitte zwanzig. Auch dank meinen beiden älteren Brüdern Massimo und Leonard hangle ich mich seit Jahren selbst eine ziemlich steile Lernkurve als Familienunternehmerin hoch. Da steht es mir nicht zu, der Schweizer Wirtschaft irgendeine schmissige Parole zuzuraunen. Aber ja, Lernen, verinnerlicht als Lebenseinstellung, ist wohl nicht verkehrt.