N26 in der Offensive

Challenger-Bank N26 will mit neuen Kontomodellen den Massenmarkt erobern

Smartphone und Debitkarte des Smart-Kontos von N26
Bild: N26

Die Smartphone-Bank N26 krempelt ihr Angebot um, lanciert ein Kampfprodukt und startet eine Offensive, die klassischen Banken die Kunden abjagen soll.

N26 gehört wie Rivale Revolut zu den gut finanzierten FinTechs. In den letzten zwei Jahren hat die Neo-Bank in einer Series-D-Finanzierungsrunde in mehreren Tranchen insgesamt 570 Millionen US-Dollar eingesammelt. Revolut hat's allein im laufenden Jahr auf stolze 580 Millionen US-Dollar gebracht.

Was Möglichkeiten für eine aggressive Expansion schafft, bringt auch Druck und Verpflichtungen – die Investoren möchten einen Return on Investment irgendwann nicht nur gefühlt und vermutet, sondern auch real ins Auge fassen können.

Der unterschiedliche Puls der Challenger-Banken

Fallen FinTechs wie Revolut oder auch Vivid Money regelmässig durch hoch getaktete Entwicklungs-Fahrpläne auf, war's um die Berliner Smartphone-Bank N26 in den letzten Monaten eher ruhig. Abgesehen vom Knatsch um den neuen Betriebsrat und bemerkenswerten Personalien war in Sachen Innovationen oder neue Features nicht viel zu hören. 

Die Ruhe vor dem Sturm? Das wird sich zeigen. Aktuell kommuniziert N26 die Waffen und Werkzeuge, mit denen der Massenmarkt erobert werden soll. Die geplante Offensive richtet sich weniger gegen Konkurrenten aus dem Lager der Challenger-Banken, N26 erkennt enorme Chancen im sehr viel grösseren Revier der klassischen Banken, da soll verstärkt gewildert werden. Den Grund für die gestiegenen Chancen sieht N26 im eigenen Verhalten der Banken.

Georg Hauer, General Manager DACH & Nordeuropa N26, gibt sich ungewohnt angriffig, sieht die traditionellen Banken "in einem Teufelskreis" und glaubt, dass "Banken mit den Filialen und der Reduzierung des Geldautomatennetzes, das letzte wirkliche Argument abschaffen, warum die Kunden bei ihnen bleiben". Hauer legt nach und lässt sich auf IT-Finanzmagazin mit der Aussage zitieren:

Der Mythos, dass man zu einer digitalen Bank nur geht, weil man ein kostenloses Konto haben will, ist inzwischen widerlegt – daran glauben nur noch einige Vertreter der etablierten Banken

Kostenlos muss es ohnehin nicht sein, anspruchsvollere Kunden sind bereit, faire Gebühren zu zahlen. Genau bei diesem Punkt zündet N26 jedoch das nächste Gewitter und reklamiert die versteckten Gebühren traditioneller Banken, welche den Kunden belastet werden.

N26 verweist auf eine kürzlich durchgeführte Umfrage bei über 10'000 Menschen in Europa und den USA, mit der Erkenntnis: "Drei von vier Kunden in Deutschland müssen versteckte Bankgebühren zahlen – und zwar im Schnitt 60.42 Euro/Jahr".

Damit wäre das Wesentliche gesagt und der argumentative Boden gelegt, um alles anders und besser zu machen – nur, wie genau?

Wie will N26 den Massenmarkt erobern?

Neben den Interchange Fees bei Kartenzahlungen gehören kostenpflichtige Premium-Konten zu den hauptsächlichen Erlösquellen von N26. Die Interchange-Gebühren haben durch die Corona-Pandemie bei zahlreichen Anbietern einen Taucher gemacht, auch bei N26, dadurch wird die Einnahmequelle der Premium-Konten noch wichtiger. 

Nach eigenen Angaben sollen aktuell rund 30 Prozent der mehr als fünf Millionen N26-Kunden auf ein Premium-Konto setzen, N26 will mehr, mittelfristig soll jeder zweite Kunde ein Premium-Nutzer sein. 

Deshalb baut die Challenger-Bank ihre Kontomodelle um, insgesamt ziemlich radikal. Mit zu dieser Entscheidung könnte der kürzliche Markteintritt der C24 Bank beigetragen haben. Die Neo-Bank des Vergleichsportals Check24 hat ein attraktives Premium-Angebot für 5.90 Euro lanciert, der Einstieg in die Premium-Klasse kostet bei N26 im günstigsten Fall 9.90 Euro monatlich.

Detail am Rande: Das kostenlose Standard-Konto der C24 Bank trägt den Namen "C24 Smart". Dass N26 ihr neues Premium-Konto "N26 Smart" tauft, ist weder originell noch zufällig, das dürfte als abgefeuerte Marketing-Breitseite in Richtung von C24 zu verstehen sein.

Das neue Angebot von N26

Bisher gab's bei der Smartphone-Bank das kostenlose Konto "Standard" sowie die Premium-Konten "You" für 9.90 Euro und "Metal" für 16.90 Euro pro Monat. Diese Konto-Angebote bleiben bestehen, sollen jedoch in den Leistungen deutlich aufgewertet werden. 

Mit dem neuen Konto "N26 Smart" für 4.90 Euro pro Monat lanciert die Challenger-Bank ein zusätzliches Konto-Angebot, das den Einstieg in die Premium-Klasse im Preis halbiert. Die Leistungen des "Smart"-Kontos entsprechen im Kern dem bisherigen "You"-Konto, einzig das ausgebaute Versicherungsangebot gehört nicht zum Paket. Darüber hinaus beschreibt N26 die Vorteile des Einstiegsangebots, das auch dem Preisbrecher C24 Bank die Stirn bieten soll, mit folgenden Argumenten:

  • Exzellenter Support: Persönlich am Telefon oder per Chat in der App.
  • N26 Spaces und Shared Spaces: Nutzer können bis zu zehn Unterkonten für Sparziele, Ausgaben und Projekte erstellen und diese mit bis zu zehn anderen Nutzern gemeinsam verwalten.
  • Aufrundungsregel: Ein neues Feature, das sparen noch einfacher macht. Mit der N26 Aufrundungsregel werden Kartenzahlungen automatisch auf den nächsten Euro aufgerundet. Die Differenz wird automatisch auf einen ausgewählten Space überwiesen.
  • Geldabhebung & Vorteile: Kunden können bis zu fünf Mal pro Monat kostenlos Bargeld abheben (mit CASH26 sogar unbegrenzt), weltweit gebührenfrei in jeder Währung bezahlen und von besonderen Partnerangeboten und Vorteilen profitieren.
  • Farbauswahl: Für die physische N26 Smart Mastercard können Kunden aus fünf Farben wählen: Aqua, Rhabarber, Sand, Schiefer und Ozean.

Die Konto-Angebote der Challenger-Bank N26 im Vergleich
Bild: N26

Mit zu den Funktionen gehören Push-Nachrichten in Echtzeit sowie automatische Kategorisierung aller Ausgaben mit dem Statistik-Feature.

Alle Kontotypen sind für Private wie auch für Businesskunden verfügbar. Einen direkten Vergleich von Konten und Leistungen gibt's hier.

Der Punkt "Exzellenter Support" ist bemerkenswert, weil N26 (wie andere Challenger-Banken auch) in der Vergangenheit nicht unbedingt durch hervorragenden Support und telefonische Erreichbarkeit aufgefallen ist. Hier darf man gespannt sein, ob und wie das Versprechen eingelöst wird, immerhin ist "exzellent" der höchste Anspruch, der etabliert werden kann.

Das kostengünstige Smart-Konto ist insgesamt komfortabel ausgestattet und darf als Kampfpreis-Angebot verstanden werden, das klassischen Banken und Challenger-Konkurrenten Kunden abjagen und auf die Spur von N26 bringen soll. Wer vor allem im Fokus der Offensive steht, unterstreicht Valentin Stalf, Co-Founder und CEO von N26, mit folgendem Statement:

Heute entscheiden sich immer mehr Menschen für digitale Banken, da sie in unsicheren Zeiten wie diesen mehr Sicherheit und Flexibilität bieten als klassische Banken

Mehr Flexibilität ist man sich von Challenger-Banken gewohnt, was allerdings unter "mehr Sicherheit" zu verstehen ist, führt Stalf nicht weiter aus.

Georg Hauer, General Manager DACH & Nordeuropa, schlägt in dieselbe Kerbe und meint:

Mit N26 Smart bieten wir eine Alternative für all jene Millionen von Deutschen, die genug haben von ihrer alten Bank und einfach mehr Flexibilität und Transparenz im Banking geniessen wollen

So ode so, die Stossrichtung der Initiative und die hauptsächlichen Angriffsziele der N26-Offensive sind selbstbewusst und vollmundig definiert und lassen keine Zweifel offen, aus welcher Richtung die neuen Kundenströme erwartet werden.

Weitere Updates in Planung

Die Einführung von N26 Smart soll der Auftakt zu einer ganzen Reihe von Updates sein, die für alle N26-Konten geplant sind. In den nächsten Monaten sind folgende Änderungen angekündigt:

Das N26 Standard Konto wird zukünftig über digitale Karten verfügen und bleibt weiterhin kostenlos. Aus N26 You wird N26 International. Mit einer Vielzahl neuer und bewährter Funktionen will N26 international flexibles Banking über Ländergrenzen hinweg ermöglichen, damit Kunden beim Reisen, Shoppen und Auslandsüberweisungen sparen können. N26 Metal wird zu N26 Unlimited – ein digitales Konto mit noch mehr exklusiven Vorteilen und Angeboten.

Welche Funktionen und Leistungen genau die einzelnen neu benannten Kontotypen aufwerten sollen, hat N26 noch nicht kommuniziert.

Lagebesprechung kurz vor dem Sturm

Die Zeit der Ruhe und des Schweigens ist vorbei. N26 krempelt ihre Kontomodelle eher kräftig um, sofern man den in Aussicht gestellten Updates glauben mag und diese mit etwas Fantasie einen Schritt vorwärtsdenkt.

Interessant ist das neue Smart-Konto, das die Türen für Premium-Kunden mit einem attraktiven Preis und mit ausgebauten Leistungen deutlich weiter und einladender öffnet, als das bisher der Fall war.

Mit der angekündigten Offensive schafft N26 neue Bewegung und schickt frischen Wind in alle Konkurrenten-Lager. Viel frischer Wind ist allerdings auch notwendig, immerhin will N26 den Massenmarkt erobern – und die Masse ist vor dem Aufbruch naturgemäss erstmal träge. N26 hat allerdings Pakete geschnürt und dazu noch zahlreiche Features in der Pipeline, die mittelfristig tatsächlich für beschleunigte Bewegungen sorgen könnten.

Schachbrett mit zusätzlichen Feldern, weiteren Figuren und neuen Spielregeln

Traditionelle Banken werden allerdings nicht untätig bleiben, Player aus den FinTech- und Big Tech-Lagern wie zum Beispiel Klarna, Google und andere sind in diesen Tagen ebenfalls mit disruptiven Projekten unterwegs, die noch zu reden geben werden – insgesamt findet das Spiel auf einem Schachbrett statt, das mit zusätzlichen Feldern, Figuren und neuen Spielregeln überraschen wird.

Für den Moment: Ob und wie der Wind bei der Masse ankommt und ob die Kraft ausreicht, um den angestrebten Exodus von Kunden traditioneller Banken in Gang zu setzen, wird sich zeigen.