FinTechs vs. InsurTechs

Aus dem Schatten des grossen Bruders – InsurTechs holen in der Krise gegenüber FinTechs auf

Christian Wiens, Gründer & CEO von Getsafe
Christian Wiens, Gründer & CEO von Getsafe

Sind die Risiken und Chancen der Corona-Krise für InsurTechs und FinTechs ungleich verteilt? Ja, meint Christian Wiens und liefert eine Einordnung aus seiner Sicht.

Was wir in den letzten Wochen gemeinsam verfolgt haben: die Auswirkungen der Coronavirus-Pandemie beschleunigen die Entwicklung und Verbreitung digitaler Lösungen. Davon profitieren Digitalbanken und Digitalversicherer gleichermassen, sollte man meinen.

Christian Wiens, Gründer und CEO des InsurTechs Getsafe, beobachtet eine andere Entwicklung: Nach vielen positiven Meldungen machen FinTechs derzeit eher negative Schlagzeilen. Kurzarbeit, weniger Kartenumsätze, verschobene Expansionspläne – schnell wachsende FinTechs spüren die Auswirkungen der Corona-Krise deutlich, während InsurTechs weiter wachsen, so Wiens. Stimmt das? Wenn ja, woran liegt das?

Eine persönliche Betrachtung von Christian Wiens

Die Finanzkrise 2009/10 zerrüttete das Vertrauen der Kunden in Banken. Neo-Banken wie Monzo, Revolut, Starling Bank oder N26 boten einen neuen Ansatz. Mit ihrem Versprechen “No bullshit banking” trafen sie die Erwartungen der jungen Generation und sie verzeichneten schnell hohe Wachstumsraten.

Mittlerweile sind viele Neo-Banken mit mehreren Milliarden Dollar bewertet. In nur vier bis fünf Jahren zum Einhorn zu werden, ist eine beeindruckende Leistung, die viele Kritiker zum Schweigen gebracht hat, die an der Nachhaltigkeit und Langlebigkeit von Neo-Banken zweifelten.

Viele Neo-Banken sind schnell gewachsen – vielleicht zu schnell

Die Corona-Krise zeigt nun die Schwächen des Geschäftsmodells. Viele Neo-Banken sind schnell gewachsen – vielleicht zu schnell. Sie haben extrem hohe Marketingausgaben; gleichzeitig sind die Umsätze noch gering. Die meisten von ihnen erheben keine Bankgebühren. Gerade wenn Menschen den Gürtel enger schnallen, wird es schwierig, das “Freemium-Modell” zu monetarisieren. Stattdessen stammen die Einnahmen hauptsächlich aus Gebühren für Kreditkarten-Transaktionen, welche die Händler zahlen. Mit sinkenden Konsumausgaben in der Corona-Krise schrumpfen auch die Einnahmen. 

In der Welt der InsurTechs gibt es weniger Einhörner. Daher stehen sie oft im Schatten der FinTechs. Doch die Corona-Pandemie offenbart nun auch die Stärke von Neo-Versicherungen. Ihr Geschäftsmodell ist darauf ausgelegt, mit den Kunden über Jahre zu wachsen; die Kunden zahlen vom ersten Tag an für die Leistung. Während Menschen oft mehrere Girokonten und Kreditkarten besitzen, haben sie nur eine Haftpflicht- oder Hausratversicherung, und diese behalten sie auch und gerade in Krisenzeiten.

Die Corona-Pandemie offenbart nun auch die Stärke von Neo-Versicherungen

Die Langfristigkeit des Versicherungsgeschäfts ist der eine Grund, weshalb Neo-Versicherer gerade jetzt gut dastehen. Der zweite Grund ist die daraus resultierende Trägheit des Systems: Während die Banken in der Finanzkrise gezwungen waren, sich neu aufzustellen, war das bei den Versicheurngskonzernen nicht der Fall. Der durchschnittliche Versicherungskunde der traditionellen Versicherer ist zwischen 40 und 50 Jahre alt und zahlt seine Prämien noch 30 oder 40 Jahre weiter. Bei der Finanzkrise gab es keinen dringenden Handlungsbedarf. 

Davon können Neo-Versicherungen heute profitieren: Was wir sehen, ist keine laute Revolte gegen die etablierten Konzerne, sondern eine schleichende Revolution auf Raten. Das Potenzial der InsurTechs, den Markt umzukrempeln, steht jenem von FinTechs doch in nichts nach.