Estland: Digitalisierung als Geschäftsmodell

Bild: Getty Images | Enrique Ramos Lopez

Warum Estland voll digital unterwegs ist und aus der Digitalisierung Kapital schlagen kann. Für die eigene Bevölkerung und auch als Ausgangspunkt für aussergewöhnliches Standort-Marketing, das E-Esten generiert, Know-how und Startups nach Estland bringt. Eine Betrachtung von Ruedi Maeder.

Estland ist flächenmässig in etwa so gross wie die Schweiz, allerdings mit nur knapp einem Fünftel der Einwohnerzahl der Schweiz.

Volkszählungen mit umfangreichen Fragebogen auf Papier sind in Estland Geschichte, Estland kennt seine 1,3 Millionen Einwohner. Und die Einwohner kennen ihren Staat und nutzen seine Services zu jeder Zeit. Ohne Umwege, schnell und digital.

Was niemanden erstaunt: Estland ist ursprünglich

Estland ist schön, ursprünglich, vielseitig und teilt seine Kultur gerne mit Touristen:

  • Spannende Historie und architektonische Bauwerke aus dem Mittelalter
  • Gut die Hälfte des Landes ist mit Wald bedeckt
  • Estland hat 2'000 Inseln
  • Estland hat knapp über 1,3 Millionen Einwohner
  • Esten sprechen Estnisch, Englisch, Russisch, Finnisch und Deutsch
  • Die Esten sind musikalisch und werden als "singende Nation" bezeichnet
  • Estland hat's nicht so mit Religionen, rund drei Viertel der Esten bekennen sich nicht zu einer bestimmten Religion

Das heisst: Estland ist gastfreundlich und vermarktet sich als Reisedestination sehr professionell.

Was viele erstaunt: Estland ist modern und digital

Nicht nur ein bisschen digital, Estland ist die höchst digitalisierte Nation Europas. Das kleine Land hoch oben im Norden hat sich innerhalb von wenigen Jahren digitale Infrastrukturen gegeben, digitale Behörden geschaffen und sich zur digitalen Gesellschaft schlechthin gewandelt – in allen zentralen Lebens- und Geschäftsbereichen. Das "e-" vor Estonia ist zum Synonym für Estland geworden.

Das heisst: Estland spielt in der digitalen Transformation ganz vorne mit und vermarktet sich als Technologiestandort mit digitaler Gesellschaft sehr professionell.

So positioniert sich Estland im Video als digitale Destination

Wie ist Estland zur digitalen Hochburg in Europa geworden?

Mit Vorsatz, Ziel und Planung. Mit dem konsequenten Willen zur Digitalisierung. Mit der Fähigkeit, sich digital zu transformieren und digitale Transformation zu leben – in allen Bereichen, die das persönliche und das geschäftliche Leben einfacher machen. Bereits seit 1991, als Estland unabhängig geworden ist – verstärkt in den letzten Jahren durch zahlreiche Initiativen und realisierte Projekte.

Internet als Grundrecht
Estland hat den Zugang zum Internet bereits im Jahr 2000 zum Grundrecht erklärt und dafür gesorgt, dass kabelloser Internetzugang praktisch im ganzen Land flächendeckend möglich ist. Städte, ländliche Regionen, Wälder, Seen – die Frage in Estland ist nicht, wo es (meist kostenloses) WLAN gibt, vielmehr, welche raren Flecken heute und wie lange noch ausgespart bleiben sollen.

Papierlose Regierung
Die Regierung selbst predigt nicht Digitalisierung und beschreibt Papier. Estland ist wahrscheinlich die einzige Regierung, die absolut papierlos arbeitet und nach eigenen Aussagen massiv Zeit und Ressourcen spart mit e-Cabinet.

Digitalisierte Prozesse in der Rechtssprechung
Estland hat mit e-Court die Rechtssprechung weitestgehend digitalisiert. Für Verfahren, Beurteilung, Verteidigung und Urteile stehen selbstverständlich Menschen im Zentrum. Die Abwicklung und das zeit- und papierintensive "Drumherum" laufen allerdings weitgehend digitalisiert. Dokumente, Kommunikation, papierlose Verfahren, elektronische Anhörungen in einfach Fällen – alles, was möglich ist, Zeit und Ressourcen spart, funktioniert digital.

Kommunikation mit Behörden
Estlands Bevölkerung sieht Amtsstuben selten von innen, weil Behörden jede notwendige und sinnvolle Serviceleistung übers Internet anbieten. Für Menschen und für Unternehmen.

Mit konkretem Nutzen überzeugen und über Kommunikation involvieren
Mit dem Schlagwort "Digitalisierung" allein sind Menschen nicht zu begeistern, der Begriff ist zu abstrakt. Durch fassbare Leistungen hingegen schon, verbunden mit Komfort und direkt erlebbarem Nutzen. Dieses Kunststück haben die Macher der Digital Society in Estland offensichtlich sehr gut hinbekommen. Auch über Kommunikation und Information – die Bevölkerung ist mit im Boot und nutzt e-Services sehr intensiv.

Im Zentrum: Digital Identity

Die digitale Identität ist die Basis, um sämtliche e-Leistungen nutzen zu können. Der elektronische Personalausweis mit Chip ist die ID-Karte für alle Esten und dient als Online-Pass für alles, was digital genutzt werden kann. 

Die ID-Karte als digitaler Identitätsnachweis ist aus der Einsicht heraus entstanden, dass es unnötig und umständlich ist, für jeden privaten, behördlichen, geschäftlichen oder technischen Zugriff immer wieder denselben Vorgang zu wiederholen: persönliche Daten erfassen, verifizieren lassen, um dann Zugriff auf einen einzigen neuen Service zu erhalten. Ist die digitale Identität einmal erfasst, verifiziert und zentral und sicher an einem Ort hinterlegt, dann wird die digital Identity zum Pass und Schlüssel, um sofort Zugriff auf alle gewünschten Leistungen zu erhalten. 

Wichtiges Detail am Rande: das Recht an der digitalen Identität und an erfassten Daten bleibt jederzeit beim einzelnen Bürger. Der Staat garantiert Transparenz und Zugriffsrechte Dritter sind klar geregelt. Jeder Nutzer kann mit einem Blick überprüfen, wer in welchem Zusammenhang auf welche seiner Daten zugegriffen hat.

Was es den Esten bringt: Komfort und Transparenz

Der estnische Staat bietet aktuell seinen Bürgern rund 600 und seinen Unternehmen um die 2'400 e-Dienste in verschiedensten Bereichen an. Mit jeweils sofortigem Zugriff über die Digital Identity, welche über die ID-Karte sämtliche Dienste öffnet. Um nur einige Beispiele zu nennen:

  • Identifizieren und Signatur: die digitale Unterschrift ist rechtswirksam und juristisch abgesichert
  • Behördengänge: Kommunikation und konkrete Behördengeschäfte werden ausschliesslich übers Internet abgewickelt, ohne persönliches Vorsprechen
  • Steuern: Steuererklärungen, Steuerbescheide, Nachzahlungen und Rückerstattungen funktionieren voll digitalisiert
  • Wahlen: E-Voting für alle Stimmberechtigen
  • Gesundheit: digitale Rezepte und Krankengeschichte online
  • Soziales: staatliche Fördergelder (zum Beispiel Elterngeld) werden online beantragt
  • Zahlungsverkehr: Bankgeschäfte online, Kleinzahlungen via ID-Karte oder Smartphone (Parkgebühren, Fahrkarten ÖV)
  • Ausbildung und Studium: Studienmaterialien, Fortschritte und auch Studienresultate übers Internet
  • Geschäftsgründung: innerhalb von 18 Minuten am PC

Auf der ID-Karte selbst sind nur sehr wenige personenbezogene Daten gespeichert und der Datenverkehr funktioniert hoch verschlüsselt. Nach Angaben der Regierung ist innerhalb eines Jahrzehnts kein einziger Fall von Missbrauch gemeldet worden.

Was es dem Rest der Welt bringt: E-Residency

E-Residency ist als Idee und Konzept so kreativ wie radikal: Estland bietet Menschen aus jedem Teil der Welt die Möglichkeit, E-Resident zu werden. Als E-Este wird man zum digitalen Bürger von Estland, erhält seine ID-Karte und kann innerhalb von Minuten online sein eigenes Unternehmen in Estland gründen.

Ein E-Resident hat kein Bürgerrecht in Estland, kann jedoch nach dem Landesrecht von jedem Ort der Welt aus elektronisch sein in Estland registriertes Unternehmen führen. Digitale Zugriffe auf E-Services, Transaktionen und digitale Unterschrift über die ID-Karte inklusive. Und die gesamte Abwicklung der Kommunikation mit Behörden findet ebenfalls digital und übers Internet statt.

Das Angebot wird genutzt und die Zahl der von E-Residenten gegründeten Unternehmen nimmt laufend zu. Und es sind nicht nur Einzelkämpfer und digitale Programmier-Nomaden, welche E-Esten werden – das hervorragende Umfeld und das vergleichsweise tiefe Lohnniveau ziehen Startups und auch grössere Unternehmen an. Firmen, welche von den Vorzügen des EU-Binnenmarkts profitieren und Unternehmenserträge mit einer pauschalen Rate von rund 20 Prozent versteuern wollen.

Was sich damit anfangen lässt

Die Regierung von Estland hat ihr ganzes Land in einen digitalen Servicebetrieb verwandelt. Einerseits für die eigene Bevölkerung. Und in zweiter Linie für Unternehmen und Startups aus dem Ausland. Letzteres als aussergewöhnliche Idee und Ausgangspunkt für offensives Standort-Marketing.

Die effiziente Digitalisierung schafft Effizienz, Transparenz und spart massiv Kosten und Wege. Mit der kreativen und radikalen Idee der digitalen Einwohner macht sich Estland in gewisser Weise selbst zum Startup innerhalb der EU. Ganz sicher zum Standort und zum Magneten für Unternehmen und Startups. Firmen, welche in Estland auch Arbeitsplätze schaffen, Steuern zahlen und mit dazu beitragen, das Estland den Weg der Digitalisierung konsequent weiterführen und seine Position als Pionier der digitalen Transformationen ausbauen und stärken kann.

Wie man hört, ist seit dem Brexit das Interesse am EU-Standort Estland von Unternehmen aus Grossbritannien sprunghaft angestiegen.

Estland ist ursprünglich und digital unterwegs

Estland hat, wie jedes Land, tausend Gesichter. Aktuell und in diesen Tagen vor allem jedoch zwei: das Ursprüngliche und das Digitale. Das eine bringt Touristen und Devisen ins Land. Das andere belebt die Wirtschaft, bringt neue Unternehmen, neues Know-how, schafft Arbeitsplätze, generiert Steuern und vernetzt Estland sehr schnell und besser mit dem Rest von Europa und der Welt.

Und die digitale Identität in der Schweiz?

Die Voraussetzungen für die Schweiz sind hervorragend. Weil wir als gut vernetztes Land alle notwendigen Ressourcen an Bord haben. Dennoch gehört die Schweiz nicht zu den Pionierländern, was die Organisation der digitalen Identität ihrer Einwohner angeht (Stand Oktober 2016). Nach der Scorecard von Digital Swiss liegt die Schweiz beim Stand der Digitalisierung im Themenfeld "Digitale Identität" aktuell erst bei tiefen 20 Prozent. Das dürfte sich allerdings in absehbarer Zeit ändern: Wirtschaft und Bundesrat haben die Defizite erkannt, konkrete Gesetzesänderungen und Projekte sind in Vorbereitung.

31. Oktober 2016 | Ruedi Maeder

Links zum Thema

Estland ursprünglich: Estland als Reisedestintion

Estland voll digital: e-Estonia | The Digital Society