Bargeld steht auf dem Prüfstand

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Mit den Plänen zu Obergrenzen und zur Abschaffung des 500-Euro-Scheins in der EU, wird die Diskussion um Nutzen und Schaden von Bargeld zunehmend emotionaler geführt. Bargeld steht auf dem Prüfstand. Der Versuch einer Einordnung – Fakten und Meinungen zum Thema.

Bargeld ist beliebt und praktisch

Bargeld ist aktuell immer noch das beliebteste Zahlungsmittel. Deutlich mehr als die Hälfte der Zahlungen an der Ladenkasse werden in bar abgewickelt (Quelle: HDE Handelsverband Deutschland). Kein Wunder: Bargeld ist praktisch. Man weiss, was man hat – und man sieht, was man ausgibt.

Insgesamt werden in Deutschland 79 Prozent der Transaktionen bar durchgeführt (Quelle: Deutsche Bundesbank). In der Schweiz dürften die Anteile ähnlich sein.

Bargeld und elektronische Transaktionen
Der Chef von HDE, Stefan Genth, gegenüber Bild zum Thema:

«Ob und wann das Ende für das Bargeld kommt, entscheiden die Kunden. Ein Ende ist noch nicht absehbar, auch wenn die Umsätze mit Kartenzahlungen stetig aber langsam steigen.»

Bundesbank-Vorstand Carl-Ludwig Thiele gegenüber Bild zum Thema:

«Meines Erachtens wird der Anteil des unbaren Zahlungsverkehrs zunehmen und trotzdem wird Bargeld bleiben.»

Bargeld zum Aufbewahren
In Zeiten der Negativzinsen gewinnt Bargeld zum Aufbewahren und zum Horten an Beliebtheit. Neben lesenswerten Analysen zum Thema, hat die NZZ vom 4. Februar 2016 eine Grafik publiziert: 

NZZ: "Wie viele Kisten (1 m3) braucht es zur Lagerung von 1 Milliarde US-Dollar?"

Um es vorweg zu nehmen: Dank harter Währung und 1000er-Note brauchen die Schweizer nur knapp 1,5 Kisten – im Gegensatz zu den Japanern, welche für dieselbe Summe bereits ein Lagerhaus anmieten müssen. Beste Voraussetzungen für die eigene Entscheidung, ob selbst erwirtschaftetes Geld "virtuell" auf der Bank oder in Form von sinnlich erlebbarem Vermögen als Noten im Bankschliessfach oder eben zu Hause aufbewahrt werden soll.

Bargeld ist unbeliebt und unpraktisch

Je nach Lage der Interessen, lässt sich auch diese These vertreten. Allerdings versteigen sich Bargeld-Gegner zum Teil zu abenteuerlichen Begründungen, weshalb Bargeld abgeschafft gehört.

Bargeld kann der Gesundheit schaden
Kreditkartenfirmen orten beim Thema Noten und Münzen keinen grossen Nutzen. Das ist verständlich, weil Bargeldzahlungen den Gebrauch der Karte minimieren. Und für die Nutzung von Karten oder Smartphone beim Bezahlen lassen sich zahlreiche gute und sachliche Argumente ins Feld führen. Exotische Begründung lassen sich allerdings auch finden.

Mastercard wollte die Aussage "Geld ist im wahrsten Sinne des Wortes schmutzig" bereits 2013 untermauern und beauftragte die Universität Oxford mit einer Studie, die Licht ins unappetitliche und ungesunde Dunkel bringen sollte. Und so geschah es:

Wissenschaftler der Universität Oxford orteten rund 26'000 potentiell gesundheitsschädliche Bakterien, die sich auf einer durchschnittlichen Banknote tummelten – und stellten fest, dass sich nur jeder Fünfte nach dem Kontakt mit Geldscheinen die Hände wäscht. (Quelle: FAZ | 7. Mai 2014). 
Schwer zu glauben, dass sich, trotz festgestellter trüber Aussichten, mit dieser Studie ein weiteres Argument etablieren lässt, das innerhalb einer sachlich geführten Diskussion gegen die Verwendung von Bargeld spricht.

Anachronismus oder Freiheit?
Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger bezeichnete Bargeld schon Mitte 2015 als Anachronismus und plädierte für dessen Abschaffung. Einerseits, um die Märkte für Schwarzarbeit und Drogen auszutrocknen. Auf der anderen Seite bemühte Bofinger einen praktischen Aspekt und machte sich Sorgen um die verlorene Zeit für Konsumenten (Quelle: FAZ | 16. Mai 2015):

«...wenn Leute vor Ihnen an der Ladenkasse nach Kleingeld suchen und die Kassiererin nach Wechselgeld»

Finanzwissenschaftler Lars Feld, so wie Bofinger ebenfalls Mitglied des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Lage, konterte einen Tag später in der FAZ vom 17. Mai 2015:

«Bofinger vernachlässigt offenbar die verfassungspolitischen Aspekte dieses Vorschlags», und Lars Feld bezeichnete Bargeld als «geprägte Freiheit».

Die Deutsche Bank befeuert die Diskussion
John Cryan
, der Co-Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bank, liess sich am Weltwirtschaftsforum in Davos zur Prognose hinreissen, dass es bereits in zehn Jahren wohl kein Bargeld mehr geben würde (Quelle: Wired | 21. Januar 2016). Mit der Begründung:

«Cash ist fürchterlich teuer und ineffizient.»

Öffnet Bargeld Kriminellen Tür und Tor?

Cryan doppelt nach mit der Feststellung, dass Bargeld nur Fälschern, Geldwäschern und anderen Kriminellen helfen würde, ihre dunklen Geschäfte zu verschleiern. Dies als Zuspitzung der Analyse der EU-Polizeibehörde Europol, die in ihrem Bericht "Why is Cash still King" zur Geldwäscherei vom Juli 2015 festhält:

«Wenn auch nicht jede Verwendung von Bargeld kriminell ist, nutzen alle Kriminellen in irgendeiner Phase Bargeld im Prozess der Geldwäsche.»

Das Argument mit der Geldwäsche greift zu kurz
Die Aussage im Europo-Bericht ist sicher zutreffend, bleibt im Kern jedoch mehr als banal. Und kann nicht als Argument für tiefgreifende Restriktionen herhalten. Sicher spielt Bargeld "in irgendeiner Phase" der Geldwäsche eine Rolle, nur: Man könnte das Wort "Bargeld" in der Kernaussage von Europol durch beliebige Begriffe ersetzen, wie zum Beispiel "Strassen" oder "Internet". Beides wird in Phasen krimineller Handlungen irgendwann genutzt. Ohne, dass jemand auf die Idee verfallen würde, das eine oder das andere abzuschaffen oder mit einschneidenden Restriktionen zu belegen, welche in erster Linie den grossen Teil der nicht kriminellen Nutzer behindern.

Jens Weidmann, Bundesbankpräsident, gegenüber der FAZ am 28. Januar 2016:

«Glauben Sie, dass kriminelle Handlungen deshalb unterblieben, weil es den 500-Euro-Schein nicht mehr gibt? Inwieweit ein Verbot von grösseren Bargeldtransaktionen illegale Aktivitäten unterbindet, ist ebenfalls eine offene Frage.»

Aktuelle Überlegungen und Reformen

Auch auf der Basis dieser Empfehlungen von Europol stehen aktuell insbesondere in Deutschland und auch in der EU zwei Themen im Zentrum der Diskussion:

  • Einführung einer Obergrenze für Barzahlungen innerhalb der EU
     
  • Abschaffung der 500-Euro-Note

Einige EU-Länder kennen bereits Obergrenzen
Mehrere Länder haben in eigener Regie Obergrenzen für Barzahlungen bereits eingeführt, zum Beispiel Italien (3'000 Euro) und Frankreich (1'000 Euro). Und einige Staaten, wie Schweden und Dänemark, sind seit Jahren daran, ihren Zahlungsverkehr fast schon radikal zu digitalisieren. So sind zum Beispiel bestimmte Läden und Tankstellen nicht mehr verpflichtet, Bargeld anzunehmen.

Deutschland macht Druck
Deutschland drückt bei diesem Thema aufs Gas und will auch dann handeln, wenn über die EU-Kommission kein gemeinsames Vorgehen gefunden werden kann. In Deutschland steht bei Barzahlungen eine Beschränkung auf 5'000 Euro auf der politischen Agenda, die notfalls auch ohne EU nur in Deutschland eingeführt werden soll. Die politischen Prozesse sind am Laufen, Befürworter und Gegner bleiben sich in der aktuellen Diskussion nichts schuldig. 

Und die Schweiz?
In der Schweiz existiert bisher keine Obergrenze für Barzahlungen. Einzig bei Bargeld-Transfer von mehr als 100'000 Franken sind besondere Sorgfaltspflichten zu beachten.

Ist Bargeld als Zahlungsmittel überflüssig?

Wohl kaum und etwas Pragmatismus kann der aktuellen Diskussion nicht schaden. Bargeld als Zahlungsmittel gehört mit zu den zentralen Errungenschaften gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Systeme. Noten und Münzen schaffen Vertrauen, bieten Möglichkeiten und Freiheit im Umgang mit Geld.

Gegner sehen in den Plänen, neben anderen Risiken, denn auch einen massiven Eingriff in die finanzielle Privatsphäre und in die Wahlfreiheit. Zudem führen sie ins Feld, dass eine etablierte Obergrenze für Barzahlungen weiteren Restriktionen Tür und Tor öffnen würde – bis zur Abschaffung des Bargeldes.

Das eine tun und das andere nicht lassen
Die Möglichkeiten der bargeldlosen Zahlungen und die damit verbundenen Technologien sind grossartig. Nur sollte das eine nicht gegen das andere ausgespielt werden. Zumindest nicht im Grundsatz. 

In einem Aufsatz zum Thema Bargeld hat Michael Rasch in der NZZ vom 11. Juni 2015 die aus seiner Sicht guten Gründe für Bargeld zusammengefasst:

NZZ: "Finanzielle Repression 2.0 | Sechs gute Gründe für Bargeld"

Scheinheiligkeit und einseitige Interessen schaden der Diskussion

Mit dem Zahlungsverkehr sind zu viele Interessen und Gruppen verbunden, um einseitig argumentieren zu dürfen. Bargeld ist nicht die Wurzel allen Übels bei kriminellen Machenschaften. Lediglich ein Mittel, das von einem vergleichsweise kleinen Teil der Nutzer missbraucht wird, während der grösste Teil der Zahler völlig legal im Alltag mit Noten und Bargeld umgeht. Wäre Bargeld abgeschafft, sind damit keine Probleme gelöst. Illegale und anonyme Darknet-Geschäfte in elektronischen Kanälen schliessen sich nahtlos an.

Die Dimension von Vertrauen in Staat und Institutionen
Die zu vehement vorgetragene Absicht, Bargeld eliminieren oder die Nutzung stark einschränken zu müssen, trägt oft den Verdacht nicht klar deklarierter Interessen und damit Unglaubwürdigkeit in sich. Das schadet der Diskussion und untergräbt das Vertrauen der barzahlenden Bevölkerung in Staat und Institutionen. 

So überrascht auch das polemisch gefärbte und heftige Statement der Finanzplattform Bloomberg:

Bloomberg: "Bargeld ist dreckig, gefährlich, schwerfällig, teuer, antiquiert und dermassen analog"

Gedanken zur Versachlichung der Diskussion

Mit dem Hinweis auf die kriminelle Nutzung könnte man genau so das handschriftliche Schreiben von Briefen und die persönliche Übergabe von Dokumenten verbieten. Was nicht über E-Mail verschickt wird, entzieht sich der Möglichkeit der elektronischen Überwachung und damit der staatlichen Kontrolle. Dennoch dürfte sich der Anteil von Liebesbriefen, geschäftlichen Notizen und persönlichen Messages der legalen Art im Bereich von 99 Prozent bewegen, im Vergleich zur subversiven Fraktion, welche sich auch der handschriftlichen Botschaften bedient. Mit dem einen Prozent muss man leben, keiner zieht ernsthaft in Betracht, die Zahl der geschriebenen Briefe per Gesetz zu limitieren oder den handschriftlichen Briefverkehr ganz zu verbieten.

Persönliche Betrachtungen zum Thema von Sven Korschinowski (Partner KPMG):

Blog KPMG: "Du zahlst bar – dann bist du ein Terrorist"

Das Kind nicht mit dem Bade ausschütten
Zudem, und mit umgekehrten Vorzeichen: Wir wär's, wir würden das Internet abschaffen? Jeder weiss, dass ein Teil der Nutzer mit unlauteren Absichten im Internet unterwegs ist und beträchtlichen Schaden anrichtet. Dennoch käme kein Staat und keine ernstzunehmende Institution auf die Idee, in Hau-Ruck-Manier, die Abschaltung oder Limitierung des Internets zu fordern, um Kriminalität zu bekämpfen.

Um beim Zahlungsverkehr zu bleiben: Menschen und Konsumenten folgen ihren persönlichen Präferenzen. Die einen nutzen Bargeld und elektronischen Kanäle für ihre Zahlungen. Andere nur Bargeld, aus Gründen der Gewöhnung, Tradition oder schlicht aus Misstrauen oder auch fehlendem Zugang zu elektronischen Mitteln. Brisant und nicht ungefährlich die Bestrebungen, Konsumenten, Handel und Wirtschaft vorschreiben zu wollen, wie Geld aufbewahrt werden soll und auf welchen Kanälen Zahlungen zu erfolgen haben.

Klaus Müller, oberster Konsumentenschützer Deutschlands, im Gespräch mit der FAZ:

«Bargeld ist gelebter Datenschutz. Und der darf nicht aufs Spiel gesetzt werden.»

Die Anteile der Nutzung werden sich in den nächsten Jahren mit Sicherheit von analog zu digital verschieben. Gut ist, wenn die Wahl von Tempo und Kanal individuell dort bleibt, wie sie hingehört: beim Nutzer und beim Teilnehmer am Zahlungsverkehr.

22. Februar 2016 | Ruedi Maeder

Weitere Artikel und Links zum Thema

Europol Financial Intelligence Group: "Why is Cash still King?"

NZZ | 5. Februar 2016: "Doppelschlag gegen das Bargeld"

Tages-Anzeiger | 12. Februar 2016: "EU nimmt Bargeld ins Visier"

NZZ | 12. Februar 2016: "Bargeld lacht bald nicht mehr"

4. Mai 2016: Nachträgliche Aktualisierung

Die Europäische Zentralbank hat am 4. Mai 2016 entschieden, den 500-Euro-Schein abzuschaffen. Der grosse Schein wird ab 2018 nicht mehr produziert und ausgegeben. Die 500-Euro-Banknoten bleiben jedoch gesetzliches Zahlungsmittel und behalten auf Dauer ihren Wert. Insofern und in Anbetracht der Tatsache, dass zum Zeitpunkt der Entscheidung noch knapp 600 Millionen 500-Euro-Scheine im Umlauf waren, kann der Entscheid der EZB nicht als generelles Votum für die Abschaffung von Bargeld verstanden werden. News zum Thema